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U2 No Line On The Horizon


Universal


von

In all ihrer Megalomanie gab es bei U2 auch in puncto Alben seit jeher nur eines: gewinnen oder im großen Stil scheitern. Die stetige Angst vor der drohenden Irrelevanz, die Suche nach neuen Wegen und Klängen, Rückbesinnungen, Experimente und Erwartungen: Veröffentlichungen der Vier waren damals wie heute sowohl Kämpfe gegen sich selbst als auch Großereignisse.

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Fünf Jahre waren 2009 vergangen, seit die Iren „How To Dismantle An Atomic Bomb“ veröffentlicht hatten, ein relativ geradliniges U2-Album mit der obligaten Ausreissersingle und einigen wirklich brillanten Songs. Für den Nachfolger wollte man selbstbewusst gleich „Zukunftshymnen“ schaffen, Lieder die für immer und ewig gespielt würden, zeitlos und futuristisch zugleich – wie auch immer das klingen sollte. Weil die Zusammenarbeit mit Rick Rubin und dessen rudimentärer Produktionsanspruch nicht die Früchte trug, die man sich durch den Produzentenwechsel erhoffte, holte man sich Daniel Lanois und Brian Eno wieder als Klangarchitekten, Mitkomponisten, Musiker und Produzenten an Bord, auch Steve Lillywhite wurde später im Schaffensprozess eingebunden.

Weit ab von Dubliner Bodenständigkeit und der Metropole New York sollte das marokkanische Fez der ausschlaggebende Ort für „No Line On The Horizon“ werden. Man baute sich im Riad (einer Art offenen Halle) eines Hotels ein Studio auf und legte los. Die Idee, nach Fez zu gehen, kam von Bono selbst, der zum „World Sacred Music Festival“ eingeladen war: Es sollte eine Grenzöffnung und Horizonterweiterung werden, man lud lokale Musiker ins Studio, lernte über afrikanische und arabische Musik und experimentierte. Wenig, eigentlich fast gar nichts, sollte später von diesen weltmusikalischen Einflüssen auf dem Album noch zu hören sein. Als zu wenig kohärent empfand die Band die experimentellen Stücke, und so findet man auf „No Line On The Horizon“ wenn überhaupt nur minimale Andeutungen von diesen Einflüssen.

Von all den Songs, die am Ende wirklich auch auf dem Album landeten, suchte man sich den denkbar irreführendsten für die erste Singleauskopplung aus. „Get On Your Boots“ wollte vieles, wollte verwegen und sexy sein und einen auf dem Tanzboden in die Knie zwingen, körperlich entgrenzt und später dann dem Geist verschrieben daherkommen. „Let me in the sound“ singt Bono mantraartig in der Bridge, aber „Get On Your Boots“ machte es einem nicht unbedingt leicht, sich in den vermeintlichen Zukunftsklangräumen einzufinden. Natürlich definieren U2-Maßstäbe das Wort „Misserfolg“ ein wenig anders, aber glücklich war man über die Verkaufszahlen letzten Endes genau so wenig wie über die allgemeine Rezeption der Platte. Das Album kam zwar nicht schlecht an, wurde aber dennoch nicht das Großwerk gesehen, das es eigentlich sein hätte sollen.

Und doch: „No Line On The Horizon“ war in vielen Aspekten groß- und einzigartig, bestach mit einer eindringlichen, multidimensionalen Klangkulisse, für die Eno und Lanois alle Register ihrer Laufbahn als Sounddesigner zogen. Treibende, geschäftige Rhythmen und Klangfragment auf Klangfragment: Beinahe hört man die Signature-Stärken des Produzenten-Teams raus, Enos musikalische Bibliothek, Lanois’ Fähigkeit mit so wenig wie möglich eine dichte Atmosphäre zu erzeugen. Weitläufige Klangflächen, Ambience und intensive Atmosphären: Hier ging es nicht darum eine Rock-Platte zu machen oder möglichst kompakte Songs zu erschaffen, hier wurden Grenzflächen geöffnet und ausgedehnt, mit Atmosphärik gespielt, pulsierend wie ein Marktplatz in Fez zur Stoßzeit. Und immer wieder: „Let me in the sound, let me in the sound sound“.

Und dann wäre da dieser eine Song, „Moment Of Surrender“, dieser Long-Distance-Gospel, dem Adam Claytons Basslinie den unruhigen Puls schenkt, der mit so vielen Schichten und Stimmungen daher kommt, dass man viele Durchläufe braucht, um alles zu erfassen – ein Song wie das Riad in Fez, nach oben hin offen. „I tied myself with wire / To let the horses run free / Playing with the fire, until the fire plays with me“, singt Bono in der Rolle des dem Untergang entgegenbetenden Protagonisten. Großartiger und eindringlicher haben seine Vocals selten geklungen, weiter weg vom Predigen war er lange nicht mehr. Sieben Minuten und knappe dreißig Sekunden dauert „Moment Of Surrender“, das in einem einzigen Take eingespielt wurde, mit einem leicht defekten E-Schlagzeug, das charakteristisch für den Klang werden sollte. Und das ist bereits die gekürzte Länge. Für Eno war die Aufnahme von „Moment Of Surrender“ der magischte Studio-Moment, den er laut eigenen Angaben jemals hatte. Der Song ist flehend und befreiend und bedrückend, ein Wolkenkratzer von einem Lied, über dessen Dächern sich beim Refrain die Firmament-Poren öffnen, und es in Strömen runter regnet auf den Geldautomaten, bei dem der Protagonist verloren steht und die Ziffern eintippt.

„No Line On The Horizon“ wollte wie jedes U2-Album alles, Vergebung, Erlösung, Entgrenzung, Sex. Ein Langstreckenlauf, bei dem man gelegentlich ins Schleudern kam, bei dem nicht alles so aufging, wie man sich das vielleicht vorgestellt hatte, beim dem sich nach dem Erreichen der Ziellinie nicht das gewünschte Gefühl einstellen wollte, wenn man denn überhaupt ins Ziel kam. Die Stücke auf dem Album forderten Raum ein, hatten anderes im Sinn als die Essenz des U2-Songs in drei Minuten auf den Punkt zu bringen, wie es das beispielsweise „City Of Blinding Lights“ auf dem Vorgänger tat. „No Line On The Horizon“ nahm sich die Freiheit, in die verschiedensten Richtungen zu laufen, um sich die Landschaften ansehen zu können.

Vielleicht konnten U2 mit „No Line On The Horizon“ am Ende doch nicht über die volle Distanz gehen, die Versprechungen einlösen, die man in erster Linie sich selbst gegenüber in den Raum stellte. Es ist auch kein Album mit diesen besagten Zukunftshymnen, keiner wird die Lieder von „No Line On The Horizon“ ewig singen. Eines der möglichen Post-Album-Szenarien wären weitere Songs aus dem Dunstkreis dieser Sessions gewesen. „Songs of Ascent“ war der provisorische Titel hierfür, Lieder des Aufstiegs, des Fortschritts. Man entschied sich anders und kämpft allem Anschein nach immer noch um die Richtung, den zündenden letzten Schritt für den 2014 erscheinenden Nachfolger.

Ob „No Line On The Horizon“ in Proportion zu den Ansprüchen ein Scheitern war, ist schwer zu sagen, auch, wie das Album sich in die Geschichte der Band einreihen wird. Fünf Jahre später hat das Werk aber immer noch viel zu entdecken übrig, und die Versprechungen, die es vielleicht nicht gänzlich einlösen könnte, stehen doch beim Hören oft noch im Raum. Großartige Versprechungen.


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