Richard Perry: Mainstream als hohe Kunst
Der Produzent, der Brabra Streisand mit Laura Nyro und Harry Nilsson zusammenbrachte, ist tot. Eine Würdigung

In der angloamerikanischen Musikwelt war er der „Produzent mit dem goldenen Händchen“ („New York Times“). Hierzulande galt er eher als der Mann an der Seite von Schauspielerin Jane Fonda: Produzent Richard Perry, der am Dienstag (24. 12.) im Alter von 82 Jahren in einem Krankenhaus in Los Angeles verstarb.
„Ich mochte Richard von dem Moment an, als wir uns trafen. Er war groß und schlaksig, mit einem Schopf dunkler, lockiger Haare und einem breiten Lächeln“, schreibt die große Brabra Streisand in ihren Memoiren „My Name is Brabra“.
Die Beiden hatten sich im Jahr 1971 getroffen, mit dem Ziel die Revue-Sängerin mit der Pop- und Rock-Gegenkultur verknüpfen. Eine heikle Übung. „Bei unserem ersten Treffen kam er mit vielen Liedern an und wir hörten sie uns gemeinsam an. Mein Zögern bezüglich der Zusammenarbeit war schnell verflogen, und ich dachte: ‚Das könnte Spaß machen und musikalisch befreiend sein’“, so Streisand.
Ein Kombination in höheren Sphären
Das Ergebnis war ihr Album „Stoney End“, auf der sie bislang ungewohnte Tracks von Laura Nyro, Joni Mitchell oder Randy Newman interpretierte. Ein Kombination in höheren Sphären. „Richard hatte ein Händchen dafür, den richtigen Song für den richtigen Künstler zu finden“.
Seit dieser auch psychologisch anspruchsvollen Aufgabe, „die Streisand“ galt immerhin als Diva, hatte sich Perry eine Sonderstellung im Produzenten-Land geschaffen. Ein König des gepflegten Croosovers. „Er hatte die untrügliche Fähigkeit, Troubadoure durch Produktionen zu begleiten, die normalerweise nicht zu ihnen gepasst hätten, und dabei dennoch ihre Intimität und Aura zu bewahren“, schreibt Kollege David Browne vom amerikanischen ROLLING STONE.
Dazu gehören auf anderen Genre-Seite die symphonischen Schlenker von Carly Simon und Harry Nilsson. Etwa Nilssons später zu Mega-Mainstream-Ehren gekommene Version von „Without You“. Oder auch die Samtpfötchen-Arrangements von Simons „The Right Thing to Do“, „Haven’t Got Time for the Pain“ oder sein Meisterstück mit Simon, „You’re So Vain“. Perry kam ins Spiel, wenn wortlastige Songwriter/-Innen nach den richtigen, damals also radiotauglichen Hooks suchten.
Middle of the Road war seine Kunst
In den späten 1970ern wurde die erwachsen gewordene Singer-Songwriter-Bewegung von Punk und Disco überrollt. Und Perry blieb seinem speziellen Weg treu. Er arbeitete mit dem sonderlichen UK-Sänger Leo Sayer zusammen und schuf mit ihm die weltweit erfolgreiche Schmusenummer „When I Need You“ oder den Discofox-Klassiker „You Make Me Feel Like Dancing“. Perrys 1977er James-Bond-Song mit Carly Simon, „Nobody Does It Better“, oder sein Burton-Cummings-Pianobar-Knaller „Stand Tall“ erzielten einen ähnlichen Effekt. Middle of the Road (MOR) war seine große Kunst.
Selbst in den Achtzigern konnte er damit glänzen, als er etwa den Pointers Sisters zu einer mittelschweren Weltkarriere verhalf. Ihre Singles „Slow Hand“, „I’m So Excited“, „Automatic“ oder „Jump (For My Love)“, passten perfekt in die aufkommende MTV-Ära. Auch der Slow-Groover „Rhythm of the Night“ von DeBarge ist bis heute Strandparty-tauglich.
Einen Schlussstein dieser ganz und gar erstaunlichen Karriere vor und hinter dem Mischpult setzt eine Kombi, die erst jetzt in Zeiten des Country-Pops ihre Tragweite zeigt: Das Duett von Willie Nelson und Julio Iglesias, „To All the Girls I’ve Loved Before“, das ebenfalls durch Perrys goldene Hände gegangen ist.