ROLLING STONE Beach 2025: Die großen Live-Momente
Live-Momente voller Energie: Von Indie-Rock bis Art-Pop zeigen die Acts des ROLLING STONE Beach 2025 ihre ganze musikalische Vielfalt
Keine Ahnung, welche geheime (Musik)wissenschaft da nun schon wieder betrieben wird, aber als We Are Scientists mit nur minimaler Verspätung die Zeltbühne des ROLLING STONE Beach am Freitagnachmittag betreten und ihr Set mit „Please Don’t Say It“ von ihrem jüngst veröffentlichten Album „Qualifying Miles“ starten, weiß man gleich, was einen an diesem Abend erwarten wird. Präziser Indie-Rock, gedacht in all seinen Möglichkeiten. Das New Yorker Trio demonstriert in dieser Werkschau mit spielerischer Leichtigkeit, wie es ihnen gelingt, ihr Indie-Rock-Gesamtwerk um stetig neue Klangfarben zu ergänzen. Und das, ohne es in seinem Kern zu verfremden.
„You can’t go home / The night is young“, singt Keith Murray, als er „This Scene Is Dead“ anstimmt, und hat natürlich völlig Recht. Aber mal im Ernst, wer denkt hier denn bitteschön gerade daran, nach Hause zu gehen? Die Nacht ist ja wirklich noch jung, und die Band spielt sich einmal quer durch ihr mittlerweile neun Studioalben umfassendes Gesamtwerk.
Mal etwas leiser. Mal etwas lauter. Hier ein wenig New Wave. Dort ein wenig Shoegaze. Aber immer vorangepeitscht durch einen treibenden Rhythmus. Und wenn sie die Hits von ihrem Debütalbum anspielen, zieht das Tempo auch noch einmal ordentlich an. Ach ja, damals war alles noch ein wenig schneller. Wie im Musikvideo von ihrem größten Hit „Nobody Move, Nobody Get Hurt“ aus dem Jahr 2005, wo die Band von einem wütenden Bären durch die halbe Stadt gejagt wird. Ein perfektes Sinnbild für die Rastlosigkeit ihrer Musik der wilden Anfangszeit. Die wechselt sich auf der Bühne nun mit den ausgereifteren, durchproduzierten Songs der späten Jahre ab und rundet so den Gesamtauftritt des Abends ab.
Humor, Honig und Hits
Im Gespräch mit der Band konnte der ROLLING STONE tatsächlich nach zwanzig Jahren auch das Geheimnis lüften, warum sie den Bären seinerzeit so verärgert haben, dass es überhaupt zu dieser irren Verfolgung kam. Sie hätten ihm demnach Honig geklaut, sagen sie, oder vielleicht waren sie selber auch der Honig, das wird nicht ganz klar, aber letzteres wäre natürlich supereinleuchtend. Wie könnte die Band sonst zuckersüßen Melodien wie in „After Hours“ schreiben, ihrem anderen, ganz großen Hit, den sie an den Schluss ihres Sets setzen.
An diesem Abend deklinieren die Scientists Indie-Rock in all seinen Möglichkeiten und Farben einmal durch. Dafür muss man sie einfach lieben.
Dennis Sand
Beim Soundcheck von Nichtseattle musste das Publikum nicht vorm Möwenbräu frieren, alle konnten ihn direkt vor der Bühne miterleben. Die unprätentiöse Art von Katharina Kollmann und ihrer Band kam gut an, vor allem aber ist die Musik der Berliner Songschreiberin immer wieder eine Schau: Ihr Indie-Rock schleicht sich erst verhalten, aber dann doch mit Nachdruck ins Herz, ihre Texte sind so schlau wie poetisch. Die beste Nachricht präsentierte sie zum Schluss: ein neues Lied und die Ankündigung, dass sie am morgigen Tag für ihr nächstes Album ins Studio geht.
Birgit Fuß
Chuck Prophet: Kalifornischer Cumbia-Vibe im Zelt
Sie seien aus Kalifornien an den Ostseestrand gekommen, um mal eine richtige Beach Party zu erleben, witzelt Chuck Prophet als er und seine fabelhafte Band His Cumbia Shoes uns bereits zum Tanzen gebracht haben. Vom ersten Song an – dem Eddie Cochran-Cover „C’Mon Everybody“- sieht man überall strahlende Gesichter. Prophet ist nicht nur in kleinen verschwitzten Clubs ein fabelhafter Entertainer, seine Bühnenpräsenz füllt auch ein großes frostiges Zelt aus.
Und mit seinen Cumbia-inspirierten Songs vom aktuellen Album „Wake The Dead“ wird allen gleich warm ums Herz. Höhepunkte sind das von markanten Riffs getriebene „Betty’s Song“ und der mit Alejandro Escovedo geschriebene Drogenkrimi „Sally Was A Cop“, bei dem am Ende alle mitsingen. Es waren Kalifornier, die die Beach Party in diesem Jahr so richtig in Gang brachten.
Maik Brüggemeyer
Night Moves: Siebzigerjahre-Träume in Neonlicht
Von allen Rockmusikjahrzehnten, die ständig wiederholt werden, sind die Siebziger das am häufigsten wiederholte. Aber selten klingen sie heute so verträumt wie in den Songs von John Pelant und seiner Band aus Minneapolis. Die Musik von Night Moves passt in viele Schubladen: Yachtrock, Americana, Synth-Pop. Middle of the Road, Indie-tauglich gemacht. Doch erst live entfalten Stücke wie „Hold On To Tonight“ ihre volle neonlichtgefärbte Romantik. Pelant streut aber auch moderne R&B-Sounds ein, nimmt hier eine Abzweig Richtung Disco, macht dort einen Schlenker in Ambient-Register. Das Resultat klingt manchmal wie Tame Impala in Sepia, manchmal wie Ryan Adams ohne Egoprobleme und manchmal wie ein der Song aus einem Hochglanzwerbespot, in dem sehr schöne Menschen in einem sehr teuren Automobil durch ein Urlaubsparadies fahren. Mit dem Unterschied, dass das Glücksgefühl bei Night Moves nicht so schnell verrauscht.
Max Gösche
Black Rebel Motorcycle Club: Rückblick mit Vollgas

Der Blick in die Vergangenheit: Für Robert Levon Been von Black Rebel Motorcycle Club eine komische Angelegenheit, wenn sonst alles so nach vorne zieht. Eben diese Ankündigung beim finalen Beach-Auftritt am Freitagabend hätte darauf hindeuten können, dass man es mit einer Band zu tun hat, die sich eher um den Backkatalog herumwindet. Doch letztlich geht das Trio komplett hinein in die Ambivalenz – schließlich haben Levon Been, Peter Hayes und Leah Shapiro sich dazu entschlossen, zum 20. Geburtstag ihres Albums „Howl“ ebendieses Album noch mal auf Welttournee zu nehmen.
Eine Feier der Nostalgie – nur eben auf BRMC-Art. Also die Rockklatsche in tiefer gelegt statt Kerze auf einem Kuchen. Am Weißenhäuser Strand wird das ihr erstes Konzert in Deutschland sein, bevor es für sie zwei Tage später nach Berlin und dann weiter nach München und Köln geht. Und so komisch sich der Rückblick gepaart mit dem Drängenden auch für sich anfühlen mag, so routiniert liefern sie den Abriss ab. Neben den düsteren und für ihre Verhältnisse eher zurückgenommenen Stücken von „Howl“ beschenken sie das heiß gewordene Novemberzelt auch mal mit Songs wie „Berlin“ und „Spread Your Love“ und „Conscience Killer“. Sie spielen sich regelrecht in Rage, gehen weiter und weiter in die Knie beim Bearbeiten ihrer Instrumente, lassen die Bewegungen ausufender, die Schritte über die Bühne größer und das Zusammenrauschen in ihrer Performance wuchtiger werden.
Und während Shapiro sich bei zwei Tracks auch mal von der Stage entfernt und sich Peter Hayes in seinem tief ins Gesicht gezogenen Hoodie zurückzieht, bleibt es doch Robert Levon Been, der am meisten danach aussieht, als würde ihm das Zurückschauen leichtfallen. Obwohl er die Umstände schwierig empfindet, wie er dem Publikum mitteilt (Zu kalt! Zu spät! Und eben diese kuriose Nostalgie!), scheint es ihn nicht daran zu hindern, sich stimmlich wie in Sachen Posing herrlich zu verausgaben.
Hella Wittenberg
Dubinski: Schottische Energie in der Alm
Eigentlich hatte Eugene Gaine, der Sänger von Dubinski, nur vor, das seit einigen Minuten von seiner Band aufgeheizte Publikum zum Mitsingen zu animieren. Das wollte am Freitagabend in der Alm dann aber gar nicht mehr aufhören mit den Ohs und Ahs und schmückte damit auch noch das folgende Stück. Ein untrügliches Zeichen für ungehemmte Animiertheit. Die vier Brüder aus Schottland hatten dafür aber auch einiges getan, damit bei ihrem Auftritt die Hütte brennt. Scharfe Hooks, gut geölte Rhythmen und unüberhörbare Anleihen bei The Clash, LCD Soundsystem und Franz Ferdinand machten Spaß. Es gab kaum Zeit zum Luftholen zwischen zackigen Singles wie „Feel It“ und fragilen Hymnen wie „Homesick“, die nach einem Schluck Whisky zu viel klingen. Dabei ging’s hier mit Schwerpunkt auf dem aktuellen Album „What Is Your Definition Of Happiness“ oft auch um Wunden, die das Leben schlägt. Hinter manchen raubeinigen Gitarrenfauchereien versteckten sich Wehmut und Introspektion. Oder das Internet wurde für alle Übel unserer Zeit in Haftung genommen („Information Overload“). Das Quartett, das physiognomisch kaum eine Verwandtschaft erkennen lässt, benannte seine Band wohl nicht umsonst nach dem Mädchennamen der eigenen Mutter. Überraschungen gab es neben einem neuen Song („Back To Basics“) auch, oder wann sah man zuletzt je nach einem Saxophonsolo einen Tauchgang ins Publikum?
Marc Vetter
The Truffauts: Gitarrenrock mit langem Atem
Die lange Anreise hat sich für The Truffauts gelohnt. Seit 1988 hatten die Nürnberger nicht mehr in Schleswig-Holstein gespielt, gab Sänger/Bassist Jean-Jacques Boucher lächelnd zu. Vor 37 Jahren? Das kann ja gar nicht sein, dafür klingt ihr Gitarren-Rock doch viel zu frisch! Mühelos wechselten sie zwischen Französisch und Englisch, zwischen wildem Geschrammel und überschwänglichen Melodien. Mit den Gitarristen Ronald Chateauroux und Olivier Durange hat das Quartett noch zwei weitere gute Sänger, das hilft dem Sound natürlich enorm. Vor der Alm standen etliche Leute geduldig an, um doch noch reinzukommen – und wurden am Ende sogar mit einem Schnipsel von Lou Reeds „Walk On The Wild Side“ belohnt.
Birgit Fuß
Quiz And Shout: Die Raterunde wird digital
Premiere bei der vierten Ausgabe der Raterunde beim ROLLING STONE Beach: Zum ersten Mal durfte auch das Smartphone benutzt werden. Aber nicht zum Schummeln, denn Quiz And Shout brachte 50 anspruchsvolle Fragen in drei Runden in digitaler Form. Jeder, der wollte, konnte teilnehmen. Erstmalig moderierte RS-Autor Dennis Sand und erlebte nach der überraschenden Pleite der Redaktion im vergangenen Jahr ihr Comeback. Redakteurin Birgit Fuß feierte sozusagen einen Start-Ziel-Sieg, beantwortete gar einmal sieben Fragen hintereinander richtig. Ihr folgte, wie immer hochmotiviert, Online-Chef Sassan Niasseri.
Alles wissen musste man nicht (etwa welchen Song die Beatles ins Weltall schickten oder wie das Gitarrenmodell hieß, das The-Who-Gitarrist Pete Townshend regelmäßig auf der Bühne zerstörte), aber wer schnell war, wurde belohnt. Jede Sekunde beim schnellen Tippen zählte für die Punkteausbeute. Echtes ESC-Feeling brachte dabei auch die Live-Auszählung der Top 5 der besten Spieler, die nach jeder absolvierten Frage eingeblendet wurde. Für den wackersten Musikkenner im Publikum gab es schließlich Tickets für die nächste Nummer des Festivals und sogar der Letztplatzierte durfte sich freuen. Auch wenn er oder sie keine einzige Frage richtig beantworten konnte, staubte er/sie zur Weiterbildung für kommendes Jahr ein ROLLING-STONE-Abo ab.
Marc Vetter
Der kanadische Songwriter Jerry Leger hatte am Nachmittag des zweiten Festivaltags gleich zwei Auftritte. Zunächst spielte er im Beach House mit dem Schlagzeuger seiner Band The Situation, Kyle Sullivan, ein intimes Set vor ausgewähltem Publikum. Eine Reminiszenz an seine Anfänge, denn als Duo hatten die beiden vor über 20 Jahren in Sullivans Schlafzimmer begonnen, gemeinsam Musik zu machen. Das erzählte Leger später Redakteur Maik Brüggemeyer auf der Bühne des Möwenbräu, wo er in einem anderthalbstündigen Gespräch von seiner Herkunft, seinen Anfängen als Songwriter, der Musik, die er liebt und den Aufnahmen seines vor wenigen Wochen erschienen Albums „Waves Of Desire“ in einem Kölner Studio berichtete und zwischendurch alte und neue Songs anstimmte.
Maik Brüggemeyer
Christin Nichols und Bob Mould: Energie und Haltung

Es spricht für die Fähigkeiten von Christin Nichols, dass sie vor einem doch recht männlichen Publikum problemlos gegen das Patriarchat wettern kann, und alle nicken heftig mit dem Kopf. „Today I Choose Violence“, an diesem Abend mal Jerome Boateng gewidmet (es standen aber auch Friedrich Merz, Jens Spahn und Thomas Gottschalt zur Auswahl) war nur eines von etlichen starken Statements, bei denen die Slogans sich mit der Melodie darum streiten, was länger im Kopf hängenbleibt. Damit wir uns auch alle ordentlich auf ihr drittes Album freuen, spielte sie mit ihrer Band gleich fünf neue Stücke. Ihr eigener „Cheerleader“ musste Christin Nichols an diesem Abend allerdings nicht sein, und auch „Bittere Pillen“ gab es nicht. Nur Liebe im vollen Saal.
Birgit Fuß
Bob Mould hat eine Eigenart, die er nicht mit vielen Rockmusikern teilt: Bei Konzerten spielt er fast alle Songs übergangslos. Ob allein oder wie diesmal im Trio – er geht jede Strecke, er hat unglaublich viele Songs. Es ist wahr, sie klingen ähnlich, aber die schiere Energie haut einen um. „You wanna see me go crazy?“, ruft der legendäre Gitarrist und Songschreiber von Hüsker Dü und Sugar – und das macht er dann auch. Die Gitarre propellert, Moulds Körper bebt im karierten Flanellhemd, und Bass und Schlagzeug eskalieren.
Hüsker Dü werden im zweiten Teil des Konzerts gewürdigt, Mould wünscht ein gutes Festival, das am Samstagabend bald zu Ende geht. Nicht ein Gran Dramaturgie, selten ein Solo, kaum eine Ansage. Nach einer Dreiviertelstunde spielt die Bob Mould Band so etwas wie eine Ballade, nämlich „Hardly Getting Over It“. Und dann tönt wieder das menschliche Sägewerk.
Arne Willander
Joan As Police Woman: Die Königin des Abends
Bei manchen Festival-Jahrgängen fällt es schwer, zu sagen, welcher der beste Auftritt war. Beim ROLLING STONE Beach 2025 ist es ohne Zweifel der von Joan As Police Woman. Ihr Outfit ist so anmutig wie ihre Musik. Mit rosa Blumengesteck im Haar und blauem Kleid evoziert Joan Wasser eine Mischung aus Miss Hawaii und Hollywood-Diva. Technische Probleme überspielt sie mit wunderbar exaltierten Gesangsausbrüchen. Ihr mit Soul und Alternative-Rock angereicherter Art-Pop groovt trügerisch smooth, fährt immer wieder genüsslich seine Krallen aus, gestattet sich ein zum Niederknien ätherisches Intro von Gitarrist Will Graefe und ein erstaunlich unaufdringliches Solo von Schlagzeuger Jeremy Gustin. Die Balladen „The Ride“ und „To Be Loved“ lassen noch die bierseligste Labertasche verstummen. Der letzte Song des Konzerts trägt folgerichtig den Titel „The Magic“.
Max Gösche
Mogwai: Soundgewitter zum Abschluss
Mogwai bearbeiten ihre Instrumente auf eine Weise, als würden sie sie erst live auf der Bühne in eine Form bringen, die für ihr Soundgewitter passt. Wie in einen Sturm nach vorne gebeugt dreschen die sie auf ihr Equipment ein, dass daraus ein ganz reißender Baumarktklangsog entsteht. Es wird gesägt, geschliffen und ein Dröhnen erzeugt, was an den Ohren ankommt, sich dann aber rückhaltlos den Weg durch alle Hirnwindungen, in die Bauch-, Arm und Beingegend sucht. Die Band aus Glasgow wartet mit einem Konzert auf, dass sich ganzheitlich erfahren lässt. Und da fällt es auch nicht weiter ins Gewicht, dass erst knapp 40 Minuten vergehen, bevor Stuart Braithwaite zum ersten Mal ans Mikrofon tritt, um da „Fanzine Made of Flesh“ vom aktuellen Album „The Bad Fire“ hineinzusingen.
Er leitet damit den für Mogwai-Verhältnisse zugänglicheren Rockpop-Part des Abends ein. Nur allzu lange hält der Blick in diese Art der Gerätekiste nicht an. Dann wird wieder gehäckselt, nur um daraus dann wieder etwas Großes, Neues zu erschaffen.
Als es nach anderthalb Stunden von der Band heißt, man dürfe nicht länger spielen – und sogar „We’re No Here“ mittendrin abgekürzt werden muss – fühlt sich dennoch alles fantastisch komplettiert an, als die letzten Töne von „My Father, My King“ verklingen.
Hella Wittenberg