ROLLING STONE Beach, der Freitag: Surfen auf der Krone des Taifuns

The Specials

The Specials

Am Rande sah man ihn doch, den ausholenden Tanzschritt, den vorgebeugten Oberkörper, eine Bewegung, als würde der Tänzer auf der Stelle rennen. Vor 40 Jahren, als die Specials ihr von Elvis Costello produziertes Debütalbum veröffentlichten, war Skanking der Stil der Stunde; jetzt, vier Jahrzehnte später, erinnert das skankende Trio im Gedränge zwischen Bar und VIP-Tribüne im großen Zelt an den Überschwang, den die Specials von Coventry aus über die britische Insel brachten. Die zweite Welle des Ska rollte Ende der 70er wie ein Taifun durch die Clubs und die Specials surften auf der Krone. Es gab nie eine bessere 2-Tone-Band.

Und endlich ist Terry Hall zurück, der famose Sänger und Songwriter der Band, etwas füllig geworden unter dem weiten Hemd, die Stimme alterssamtig. Seine siebenköpfige Band groovt in seligmachender Spielfreude, der zackige Backbeat, die echoenden Bläser, das oft den Rhythmus bestimmende Georgel, Hall, beide Hände ums Mikro: „I can‘t dress just the way I want/ I‘m being chased by the national front“. Das Publikum hüpft, tanzt, rudert mit den Armen in der Luft, und die Zeilen aus „Concrete Jungle“ haben nichts an Aktualität verloren, nur dass die Namen der Freiheitsfeinde wechseln.

Die Specials spielen alle frühen Hits, fast das komplette erste Album, auch „Lunatics“ von Fun Boy Three; das ihre Fans seinerzeit irritierende und zum Bruch führende zweite Album sparen sie aus, auch „Ghost Town“, diese große lakonische Hymne auf die Vorstadt-Ödnis. Sie spielen ein paar Stücke des erstaunlich tollen Comeback-Albums „Encore“, die sich geschmeidig einpassen zwischen „Man At C&A“ und „A Message To You Rudy“.

Ein schönes, schunkelndes Konzert, ein Tritt ans Tanzbein – besser könnte eine erste Festivalnacht kaum enden.

Sebastian Zabel

Joan as Police Woman

Joan as Police Woman

In der Schulcafeteria-Atmosphäre des Baltic Saals legt die amerikanische Songschreiberin Joan Wasser einen der denkwürdigsten Auftritte hin, die diese bizarre Location bislang erlebt hat. Es ist eine Seelenschau, die ohne Pathos, ohne Kitsch auskommt. The Gospel of Joan As Police Woman.

Zu Gitarre und Klavier singt sie ihre scharfzüngigen Liebeslieder, wiegt sich mantraartig im Takt einer nicht vorhandenen Rhythmussektion. „This is my band for tonight“, sagt sie und zeigt auf eine Drum Machine, die bald den Geist aufgibt. Es passt zu einem Tag, an dem die Künstlerin viele Umwege und technische Pannen hinnehmen musste, um kurz vor dem Konzert noch mit einem Scheinwerfer zu kollidieren und sich eine Kopfwunde zuzuziehen.

Aber Joan As Police Woman scheint nichts aus der Ruhe zu bringen. Im umwerfenden grünen Samtanzug bleibt sie nach dem Soundcheck gleich auf der Bühne, spielt eine Stunde lang Balladen wie „Wonderful“, „Real Life“ und „Tell Me“, hat mal den Soul, mal den Blues, und bringt am Ende sogar die bierselige Meute im hinteren Teil des Saals zum Schweigen.

Max Gösche

Bob Mould

Bob Mould

Es ist natürlich kühn, allein mit einer elektrischen Gitarre auf der Bühne zu stehen und raubauzige Songs zu singen, die sonst von einem Bass und einem Schlagzeug (und zuweilen Elektronik) unterstützt werden. Bob Moulds Musik ist gewöhnlich unglaublich laut, jetzt ist sie nur laut, aber einige Neugierige verlassen den Saal dennoch verstört: Was erlaubt sich der Mann?

Der Mann ist in seiner vierten oder fünften Werkphase. Mit dem Trio Hüsker Dü und brutalen, manchmal wundermelodischen Lärmliedern berserkerte er durch die 80er-Jahre, laborierte an Trunk- und Kokainsucht, zerstritt sich mit seinem dysfunktionalen Songschreiber-Kompagnon Grant Hart, nahm das kathartische Genesungsalbum „Workbook“ auf, gründete 1991 wieder ein Trio, Sugar, spielte dröhnenden Power-Pop, experimentierte mit elektronischen Loops, wurde DJ und Buchautor in eigener Sache, dazu Fitnessfanatiker und schliesslich viriler Pete-Townshend-Nachfahre. Grauköpfig und muskulös haut er die Songs aus seinem Instrument, ein trockenes Gewitter ohne Irrlichter und Wetterleuchten, ohne Brimborium, ohne Ansagen.

„See A Little Light“ aus dunkler Zeit, vor 30 Jahren, und „Sunshine Rock“ von der letzten Platte: Identifikation eines Mannes, der die Dämonen ausgetrieben. Mould hat eine kleine Wohnung in Berlin und eine treue Gemeinde, aber man kann nicht behaupten, dass er damit kokettiert. „I‘m Bob Mould“, sagt er zweimal, aber nicht als stolze Selbstbestätigung, sondern wie als ein Vorstellen, das einem Novizen ziemen würde: Von mir gibt es auch Platten, hören Sie mal.

Die Songs, von Mould oft als noch „a pair“ angekündigt, zerrt er wie beiläufig aus dem T-Shirt-Ärmel, wohl wissend um die Aufmerksamkeitsökonomie bei einem Weekender. Alter Hase. Und eines der grossen Wut- und Trauerlieder, „Never Talking To You Again“, spielt er am Ende, nicht als Fanal, sondern als Nachhall vergangener Erschütterungen. Bob Mould, ungebeugt vom Rock‘n‘Roll, bezeugt ein Paradox: den lässigen Extremismus.

Arne Willander

Moka Efti Orchestra

Moka Efti Orchestra

Sie kennen das Moka Efti Orchestra vielleicht aus der Fernsehserie „Babylon Berlin“. Dort ist das 14-köpfige Ensemble für die Szenenmusik verantwortlich, ist aber auch selbst zu sehen, nämlich als Hausband des Tanzpalastes Moka Efti, in dem wichtige Handlungsstränge zusammenlaufen. Als Opener des ROLLING STONE Beach öffnet das Orchester auf der Zeltbühne eine Schleuse: Zwischen Autobahn und Popmusikfestival gibt’s eine gute Stunde Hotjazz, Chanson und Tango.

Der rasend schnelle Eröffnungssong „Frenzy“ ist eine irrwitzige Ausstellung der instrumentalen Klasse dieser international besetzten Big Band. Man ist gleich mittendrin in der Feierwut und dem Schweiß der Weimarer Republik, im Hedonismus der Berliner Tanznächte anno 1929 und im Clash der Kulturen. Erstaunlich, wie gut der nachmittägliche Gig im überraschend vollen Zelt gelingt; die Energie überträgt sich, die Zweitausend lassen sich ein. Das MEO ergänzt den klassischen Big-Band-Sound mit Banjo und Fiddle, man spürt das Deutsche, Russische, Jüdische, alles auf einmal, alles atemlos. Und ein bisschen unbehaglich: Die dunkle Vorahnung des nahen Untergangs, die der Grundton von „Babylon Berlin“ ist, liegt in den harmonisch komplexen Jazz-Arrangements vieler dieser Songs. Für die eingestreuten Soli gibt’s Szenenapplaus – bei einem besonders exaltierten Trompeteneinsatz blinkt der Lautstärkemesser am Mischpult endlich rot. Zu laut! Aber schön!

Der eingestreute Berliner Schlager nimmt dem Set ein wenig das Geheimnis, gehört aber wohl zur vollständigen Erzählung der Musikkultur der zwanziger Jahre. Freilich wartet man vor allem auf Sängerin Severija, deren androgyn-sinnliche Gebrochenheit im Film eine echte Schau ist. Für zwei Songs kommt sie auf die Bühne, man wünscht sich mehr. Höhepunkt ist der unheimliche Titelsong „Zu Asche, zu Staub“, der musikalisch eine Brücke zur Gegenwart schlägt, wohl um die Parallelitäten zwischen den historischen Zeitabschnitten zu verdeutlichen. Tanz am Abgrund.

Jörn Schlüter

Tom Liwas Welt

Tom Liwa

In dieser Blockhütte, die früher Rondell hieß und heute Alm, gab es schon einiges zu sehen: Matthew E. White und Laura Gibson überraschten mit fragilen Auftritten, bei denen man am besten die Augen schloss, weil einem die Nähe der Nicht-Performer sonst zu viel wurde, während der notorische Grantmockel Lloyd Cole überraschend großen Spaß hatte in der „seltsamen Holzbude“, wie er sie lächelnd (!) nannte.

So viele ungewöhnliche Instrumente und ebensolche Momente wie bei Tom Liwas Welt gab es aber möglicherweise noch nie. André Meisner und Jörg Naumann packten neben ihren Saxofonen diverse Flöten, Klingeln und anderes aus, Kontrabassist Alex Morsey hatte noch eine Tuba dabei. Die für Rockfans eher fremden Klänge untermalten die zauberhaften Texte auf eine ganz eigene Weise. Und man sah dem exklusiv für die beiden RS-Weekender zusammengestellten Quartett jederzeit das Vergnügen am Spielen an, am Mit- und Füreinander (und vielleicht auch ein bisschen Erleichterung, weil das Mischpult endlich doch noch funktionierte, zehn Minuten nach dem ursprünglich geplanten Showbeginn).

Tom Liwa hatte sich allerdings auch ein besonderes Set ausgedacht: Neben ein paar bekannten Flowerpornoes- und Solo-Songs war vor allem Neues zu hören, zwischen den Liedern über Tante Kastanie, das ewige Feuer und Männer, die sich für Napoleon halten, über Adler, Rentiere und weiße Kaninchen rezitierte er zudem kleine Textpassagen über große Themen. Wie so oft kamen Mythen und Schwerkraft, Kosmologie und Alltag zusammen, und am Ende, bei den Ohrwürmern „Ich kann lieben“ und „Hypnose“ war der Bewusstseinszustand ganz klar: Freude.

Das könnte seine „späte, einfältige Phase“ sein, sagte Tom Liwa, wahrscheinlich stimmt weder das eine noch das andere, und trotzdem ist es eine schöne Wahrheit.

Birgit Fuß

The Charlatans

The Charlatans

Die Mireille Matthieu des Madchester-Sounds schüttelt heute nicht den Schellenkranz. Tim Burgess, der Mann mit dem markanten Haarschnitt à la 1991, Sänger der Charlatans, widmet sich nicht mehr dem banging stuff, sondern ganz dem Publikum. Kein Tamburin, ungewohnt.

Aber das ist nicht das einzige ungewöhnliche Ereignis des Abends bei ihrem Konzert auf der Zeltbühne. Vielleicht eine Premiere beim ROLLING STONE Beach, wie eine Woche zuvor beim ROLLING STONE Park: Beim Zwillingsfestival tritt erstmals eine Rockband der Rave-Rock-Bewegung auf, Heroen der frühen Neunziger, Co-Vorreiter einer prägenden britischen Richtung, zu der die Happy Mondays, The Stone Roses und die Inspiral Carpets gehören – und eben die Charlatans.

„Weirdo“ macht den Anfang, ein Hybrid aus Dance, Rock und Baggy-Sounds, eine der schönsten und aufregendsten Singles der frühen 1990er. Old feeling. Aber die Band kennt ihren heutigen Wert, es folgen Songs ihrer zwei letzten Alben, „Modern Nature“ und „Different Days“, die genauso euphorisch aufgenommen werden. Wann schon gab es Madchester am Weißenhäuser Strand? Als hätten die Zuschauer nur auf die Charlatans gewartet.

„The Only One I Know“ kommt natürlich auch – jene Hymne, die damals fast so groß war wie „Fool’s Gold“ der Stone Roses oder „Kinky Afro“ der Happy Mondays, und einen glauben ließ, dass die Neunziger in einem einzigen Fest der Liebe enden würden.

Man wünschte, die Zeit ließe sich zurückdrehen, aber heute, an diesem Abend, reicht auch die Erinnerung.

Sassan Niasseri

Maximo Park

Maximo Park

Als Vertreter der letzten großen britischen Band-Welle geben sich Maxïmo Park alle Mühe, noch einigermaßen jung zu wirken. Sänger Paul Smith strampelt sich ab, ist sich für keine Rock-Pose – Schwingen des Mikrofonständers, Luftgitarre spielen, ein bisschen Herumzappeln auf dem Schlagzeug-Podest – zu schade. Seine Band muss ihm dankbar sein, ohne ihn würde sie eine recht blasse Background-Formation abgeben.

Smith hat mit einigen Solo-Projekten bewiesen, dass er mehr kann als schnittigen New Wave und hymnischen Dance-Rock. Mit Maxïmo Park holt er den Most. „Rolling Stone Beach, are you ready to move your hips and your lips?“, skandiert er in bester Entertainer-Manier einmal inmitten dieser Best-Of-Schau, die viele Brecher des Maxïmo-Park-Debütalbums „A Certain Trigger“ (2005) enthält, darunter ein triumphales „The Coast Is Always Changing“ und ein überbordendes „Graffiti“.

Smith hat nichts von seinem Charisma und seiner Verve verloren, der Sound seiner Band wirkt dagegen fast schon nostalgisch. Die Nullerjahre waren gut zu ihnen, heute stricken Maxïmo Park wie viele ihrer Zeitgenossen bereits an der eigenen Legende.

Max Gösche

Tall Heights

Tall Heights

Lieder hören in der Alm: Die Tall Heights sind im kleinen Rahmen genau richtig, weil man näher rankommt an diese fein austarierten Kompositionen und Zwischentöne erkennen kann. Und derer hat das live zum Quartett erweiterte Duo aus Boston freilich viele. Einst waren Tim Harrington (Gesang, Gitarre) und Paul Wright (Gesang, Cello) ein leises Indie-Folk-Duo, doch das Spektrum ist größer geworden.

Auf dem aktuellen Album „Pretty Colors For Your Actions“ ist Soft Rock und 70s-Pop, auch ein bisschen 80s-AOR – das ist eine Reise, die auch Bands wie The Head and the Heart oder Boy & Bear gemacht haben. In der Alm ist der Sound der vier Musiker erstaunlich nah dran an der Albumproduktion – Harringtons Gitarre wiegt sich in einem Echo-Meer, Wright vermischt sein Cello mit Synthie-Sounds, vom Schlagzeug kommen elektronische Beats dazu. Der Star ist aber freilich der zweistimmige, jungenhafte Gesang des Duos, der hier und da an Bon Iver erinnert, aber manchmal auch an die Bee Gees. Ja, wirklich, an die Bee Gees.

Im hinteren Drittel des Sets steht eine supersanfte Version von Bryan Adams‘ „Heaven“, damit war nicht zu rechnen. Der Moment ist anrührend, jemand vor der Bühne hebt die Arme wie zum Lobpreis in der Kirche. „I’m finding it hard to believe / We’re in heaven“. Es ist nicht okay, sich von Bands Cover-Versionen zu wünschen, aber man wünscht sich jetzt Cover-Versionen.

Glücklicherweise haben Tall Heights das eigene Material, um goldene Momente zu verlängern. Zum Beispiel mit „Spirit Cold“, das Wright für seinen in Wien geborenen Großvater geschrieben hat. Gestern noch war die Band da und hat dessen Elternhaus besucht. Noch ein anrührender Moment. Am Schluss steht das Duo mitten im Publikum und singt ein Lied, ganz nah, ganz unmittelbar. Der letzte Ton fällt um Mitternacht, jetzt schnell noch rüber zu den Specials.

Jörn Schlüter

Nico Ackermeier / www.facebook.com/honeymilkphotography
Martin von den Driesch
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Birgit Fuß
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John Lennon: Sein Tod und die Geschichte seines Mörders

„Double Fantasy“ Im Sommer und Herbst 1980 arbeiteten John Lennon und Yoko Ono in der New Yorker Hit Factory an „Double Fantasy“, Lennons letztem Album. ROLLING-STONE-Redakteur Arne Wilander schrieb darüber: Auf dem Album sind einige der besten Stücke enthalten, die John Lennon nach „Plastic Ono Band“ schrieb – hätten „I’m Stepping Out“, „Nobody Told Me“, „I Don’t Wanna Face It“ und „Borrowed Time“ die Platte ergänzt, wäre es ein großartiges, wenn auch gar nicht modernes Rock-Album geworden. Yokos eklektische, teils rhythmisch-treibende, teils pompös-sentimentale Stücke haben die größtmögliche Distanz zu Lennons schnodderigen Gitarren-Attacken. Albert Goldman nennt „(Just Like) Starting Over“ einen „Rückgriff…
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