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Die Helden von ROLLING STONE: Mark E. Smith

Ich bezweifele, dass es je einen größeren Beschwerdekünstler geben wird als Mark E. Smith aus Manchester. Viele haben sich daran versucht, zuletzt die Sleaford Mods, doch der Mann mit dem ihm seit fast 40 Jahren bei seinen mal wütenden, mal beleidigten, mal lakonischen, mal abweisenden Bühnenauftritten über das linke Auge fallenden Seitenscheitel bleibt unerreicht, wenn es um Stoizismus und Silbenschleudern geht. Oder darum, andere mit dem ihm eigenen proletarischen Selbstbewusstsein zu dissen.

Es ist fast 30 Jahre her, dass mich ein Bekannter in Frankfurt mit hinter die Bühne nahm, um Mark E. Smith zu treffen. Ich machte damals ein eigenes Fanzine, hatte einen Kassettenrekorder unter dem Arm und hoffte darauf, dass mir der dünne, grantelige Mann ein Interview geben würde. Er tat mehr als das. Er bot mir einen Orangensaft an. Er ließ keine der damals aktuellen Bands gelten außer Felt.

Unfassbar kohärentes Werk

Er bezeichnete Billy Bragg als belanglos und Paul Weller als politisch naiv. Er sagte: „Die Independent-Szene in England ist langweilig, Scheißplatten, Zeitverschwendung.“ Er war sichtlich stolz auf seine damalige Ehefrau und Gitarristin Brix, die versuchte, uns mit Nazi-Witzen zu erheitern.

Mark E Smith 2017

Mark E. Smith zählt zu den Furchtlosen in einer ängstlichen Welt. Mit seiner Band The Fall, die trotz gelegentlicher Wechsel seit fast 40 Jahren Bestand hat – und zwar in jeder Beziehung –, nahm er 30 Studio- und ebenso viele Live-Alben auf, ohne sich darum zu scheren, wer sie kaufen würde und mit welchem Label er sich anzulegen hätte. Die Veränderungen in Sound und Anliegen von The Fall sind minimal, sie ziehen sich ellipsenartig durch das Werk.

Mal rumpelt eine Platte etwas gröber, mal lässt sich Smith fast zum Singen hinreißen; unter dem Strich bleibt ein unfassbar kohärentes Werk, bestehend aus sperrigen Songtiteln und einer in genöltem Mankunisch ewig fortgeschriebenen Beschwerde über die Verkommenheit, Blindheit, Verlogenheit der Welt. „You haven’t found it yet“, heißt es in einem der wenigen zarten Fall-Songs, was darauf deutet, wie Mark E. Smith die kommenden Jahre verbringen wird.

Mark E. Smith im ROLLING STONE:

Cover: 0

Richard Martin-Roberts Redferns


Mark E. Smith: Poet der spuckenden Wortkaskaden

Es ist schnell gesagt und oft den Toten nachgesagt: Da war einer einzigartig. Mark Edward Smith war es. Und er hätte darüber höhnisch gemeckert und sich ein bisschen geschmeichelt gefühlt. Es ist nämlich nicht so, dass Mark E. Smith, „Sänger der Post-Punk-Band The Fall“, wie es überall heißt, seine Einzigartigkeit nicht bemerkt hätte. Denn Mark E. Smith war kein „Sänger“. Er war ein Beschwerdeführer, ein Poet der spuckenden Wortkaskaden, ein Nuschler und Grantler. Und The Fall waren keine „Post-Punk-Band“, sie waren Mark E. Smiths Rhythmusmaschine. Die steht jetzt still. Und ihr tyrannischer Chef, der große nordenglische Gossendichter und Drei-Akkorde-König, ist…
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