Konzert-Bericht



Rolling Stones live in Berlin: „Diese Show widmen wir Charlie“


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„Suche Karte“ – vor der Waldbühne wird Ticketbesitzern angesichts der vielen noch Suchenden noch einmal bewusst, wie glücklich sie sich schätzen können, beim runden Geburtstag der Rolling Stones dabei sein zu können. Das Abschlusskonzert ihrer SIXTY-Tour in Berlin stattfinden zu lassen, hat schließlich Symbolcharakter. Einst galten sie als gefährliche Rockband, ihre Fans zerlegten 1965 bei ihrem ersten Konzert in Berlin eben jene Location, in der sie heute wieder auftreten. Eine Abrissparty dürfte es heute nicht mehr werden, dennoch liegt die Energie von damals auch an diesem drückenden Sommerabend in der Luft.

Viertel vor Acht erscheint der erste Rolling Stone auf der Leinwand: Charlie Watts‘ musikalisches Leben wird mit bewegenden Einspielern und Bildern gewürdigt. Ihrem Freund folgen Mick Jagger, Keith Richards und Ronnie Wood gleich im Anschluss auf die Bühne, um mit Band und „Street Fighting Man“ den Abend einzuläuten. „Hallo Berlin, wie geht‘s?“ – ein bisschen Deutsch muss immer sein, ebenso wie heimelige Schwärmereien über die Berliner Currywurst, Hackepeter und Berliner Luft. „Nach fünf Schnäpsen war mein Deutsch perfekt“. Dass Jagger sich im Vorfeld gut briefen lässt, zeigt sich beim Witzeln über den BER. Er freue sich, dass er endlich fertig ist und man mit dem Neun-Euro-Ticket direkt in die Stadt kommt. Auch wenn doch hier jedem klar ist, dass die Musiker keines gekauft haben: Die Plauderei erfreut, weil die Stones sich selbst nie zu ernst nehmen, auch wenn sie es könnten.

„It’s good to be anywhere“

Bevor der Abend so richtig startet gedenkt die Band noch einmal persönlich ihres verstorbenen Bandkollegen. „Wir haben mit Charlie 60 Jahre lang gespielt, eine lange Zeit. Diese Show widmen wir Charlie.“ Es folgt „Tumbling Dice“, für das sich Jagger nun auch sein blaues Samthemd aufknöpft, nachdem er sich schon seiner Jacke entledigt hat. Bei brütend heißen Temperaturen eine gute Idee, denn auch in der Menge vor ihm haben die Sanitäter schon viel zu tun. Jagger nimmt sich kleine Trinkpausen und schüttet zu späterer Stunde sogar Wasser in das Publikum, das sich dicht am Mittelsteg drängt.

Wie gewohnt kommt auch Keith Richards mit zwei Songs zum Zug – bei „You Got the Silver“ und „Happy“ kann sein Kollege verschnaufen. „Good to be back in Berlin. You never know what’s gonna happen“, so sein süffisanter Kommentar, der an den berüchtigten Waldbühnenmoment erinnert, der 400.000 Mark Randaleschaden anrichtete. Aber letztlich sei es auch völlig egal, wo man ist: „It’s good to be anywhere“.

„Was für ein Sommernachtstraum“

Das Publikum kann sich auch über einige Deep Cuts aus dem Stones-Repertoire freuen: Während „Out of Time“ bereits bei der gesamten Europa-Tour auf der Setlist stand, haben sie sich als besonderes Highlight für Berlin „Fool to Cry“ aufgehoben. Und beim Hit-Feuer mit „Paint It Black“, „Start Me Up“, „Gimme Shelter“ und „Jumpin‘ Jack Flash“ kommen sowohl die Instagram-Bubble vor der Bühne und die Generation Blitz beim Filmen gleichermaßen auf ihre Kosten.

Den Anwesenden dämmert aber bereits: Der Spaß muss irgendwann ein Ende haben, denn um 22 Uhr fällt in der Waldbühne der Vorhang. Dennoch fühlt es sich an, als ließen sich die Stones alle Zeit der Welt für Soli, Extra-Einlagen mit dem Publikum und Riffwiederholungen. So tanzen und singen sich nicht nur Jagger, sondern auch Fans bei der Zugabe mit „Sympathy for the Devil“ dem großen Finale mit „(I Can’t Get No) Satisfaction“ entgegen. Zum Abschied verweist Wood auf den glitzernden Spruch auf seinem finalen Bühnenoutfit: „It’s Only Rock’n’Roll“  – but we like it, too.

Rolling Stones live in Berlin – die Setlist

  1. Street Fighting Man
  2. All Down the Line
  3. Tumbling Dice
  4. Rocks Off
  5. Out of Time
  6. Fool to Cry
  7. You Can’t Always Get What You Want
  8. Living in a Ghost Town
  9. Honky Tonk Women
  10. You Got the Silver
  11. Happy
  12. Miss You
  13. Midnight Rambler
  14. Paint It Black
  15. Start Me Up
  16. Gimme Shelter
  17. Jumpin‘ Jack Flash
  18. Sympathy for the Devil
  19. (I Can’t Get No) Satisfaction

INA FASSBENDER AFP via Getty Images