Junge Menschen hören die Stones, um sich wie Oma & Opa zu fühlen
Ein neuer Trend der Generation Z nennt sich Grannycore und beschert derzeit Musikhelden älteren Semesters ein neues Publikum.
Paul McCartney, Deep Purple und die Rolling Stones – in diesem Jahr gibt es einige neue Alben von Musikern, die auch schon in den 60er-Jahren aktiv waren. Während sich die Generation 50+ freut, endlich neue Musik der Helden ihrer Jugend zu hören, laufen Mick Jagger und Co. aus anderen Gründen gerade sehr viel jüngere Zuhörerinnen und Zuhörer zu.
Das hat diesmal nichts mit einem Viral-Hype auf TikTok oder Coverversionen von BTS zu tun. Stattdessen frönen junge Menschen in ihren Zwanzigern seit einiger Zeit einem neuen Trend, der sich Grannycore nennt. Ziel ist es, sich genauso oder so ähnlich zu verhalten wie die eigenen Großeltern. Dazu gehört nicht nur, einen Plattenspieler zu kaufen und „Sticky Fingers“ mit entsprechend nostalgischen Gefühlen aufzulegen, sondern auch andere Senioren-Aktivitäten.
Wer also auf Kreuzfahrt geht, sitzt beim Dinner oft mit überraschend jungen Reisenden am Tisch. Möglicherweise sind sie ausgestattet mit einem Fernglas, um beim Landgang Vögel zu beobachten. Ganz wie Oma und Opa. Ziel ist es beim Grannycore-Trend auch, den Polykrisen unserer Zeit etwas Solides und vor allem ganz viel Entschleunigung entgegenzuhalten. Also lieber ein paar Blues-Variationen der Rolling Stones als Priapismus-Rap und Hochleistungspop.
Die Zukunft vorziehen
Mit einem negativen FOMO-Level gelingt es auch, sich von Social-Media-Storys fernzuhalten und einfach mal das zu hören, was garantiert nicht irgendwo beworben wird. Einen melancholischen Hintergrund hat Grannycore natürlich auch. Schließlich offenbart sich darin, dass die Gen-Z lieber jetzt schon das vorzieht, was sie später nach eigener Überzeugung nie erleben wird.
Mit Blick auf Klimawandel, bedrohliche politische Konflikte, Inflation und die demographische Entwicklung dämmert offenbar vielen, dass die Spätblüte nach dem Arbeitsleben wohl nur fromme Vorstellung bleibt, die nicht eintreten wird oder in allen Belangen sehr viel reduzierter genossen werden kann.
Was sich daraus für die Musikwelt schließen lässt? Junge Menschen misstrauen anscheinend über Lifestyle-Fragen hinaus immer mehr der Vorstellung, dass Musikerinnen und Musiker ihrer Altersklasse einen ähnlich langanhaltenden Vibe produzieren und kreatives Durchhaltevermögen haben können wie etwa die Rolling Stones. Vielleicht sind sie nicht eifersüchtig auf die Musik ihrer Großeltern (und manchmal auch Eltern), aber sie wollen auch Teil einer Jugendbewegung sein, die offensichtlich nie in die Jahre gekommen ist.