So war das Greenville Festival: Mit Iggy und den Roots zu Gast beim Muffelwild


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„Die Mark grüßt ihre Gäste!“ So steht es an der Wand der Brandenburghalle des MAFZ-Erlebnispark Paaren. Hier im Grünen, rund 15 km vor der nordwestlichen Stadtgrenze Berlins, kann man sonst Damwild und Muffelwild in Gehegehaltung bestaunen – oder gefährdete Haustierrassen. Oder man besucht die Schaukäserei und im Anschluss die Streuobstwiese. Am vergangenen Wochenende gab es stattdessen Live-Musik und die Premiere des Greenville Festival, das mit Acts von Iggy Pop bis Scooter ein recht weites Stilspektrum auf die Bühne brachte. Ob es daran lag, dass die Mark nicht so viele Gäste begrüßen konnte, wie es das Festival eigentlich verdient hätte?

Schwer zu sagen. Eigentlich hatte man genug große Namen im Gepäck, die eine gewisse Strahlkraft haben sollten. Zudem waren es die einzigen Deutschlandauftritte von den Roots und den Flaming Lips in diesem Jahr. Andererseits ist es trotz massiver Plakatwerbung eben nicht so leicht, die Festivalgänger für eine neue Veranstaltung zu begeistern. Man hatte zwar gehofft, möglichst viel Publikum aus Berlin zu ziehen, aber dafür hätte man logistisch weit mehr machen müssen. Denn: Die Berliner Konzertgänger sind eine träge Masse, die für ein Festival höchstens noch bis nach Tempelhof, in die Wuhlheide oder bis nach Spandau fahren. Um das Greenville zu erreichen, musste man also auf öffentliche Verkehrsmittel und damit auf Bimmelbahnfahrpläne und ein Bus-Shuttle zurückgreifen, das nicht ausgerichtet war, die Leute nachts noch in die Stadt zu bringen. Vielleicht hatte man gepokert, die Heimschläfer mal zum Zelten zu bringen, aber das ist ja ein noch schwierigeres Thema als die Sache mit dem Pendeln. Klar, man konnte auch mit dem Auto fahren – aber das wurde einem auch ein wenig vergrätzt von den übereifrigen Polizisten der Region, die fast jeden Abreisenden in der Nacht rauswinkten, um einmal den Komplett-Check mit Röhrchen-Pusten und „Zeigen Sie doch mal Ihren Verbandskasten“ zu machen. Mit ähnlichen Schwierigkeiten hatte übrigens das Berlin Festival zu kämpfen, das einst an selber Stelle mit ähnlich überschaubarem Publikum seine Anfänge erlebte.

Aber wir wollen hier nicht ins Meckern geraten: Sieht man von völlig natürlichen Startschwierigkeiten ab, erlebte man eine sehr entspannte Premiere – was natürlich auch daran lag, dass noch 8.000 Menschen mehr auf das Gelände gepasst hätten, aber auch am wirklich sehr grünen Festivalareal, das mit allerlei Buden bestellt war, die von der Festivalnorm abweichten. Statt Pizza Mario gab es zum Beispiel Leberkäse-Semmeln vom hippen Friedrichshainer Restaurant Mutzenbacher, statt Mantaplatte gab es lecker Handbrot.

Musikalisch sah man sich zwar auch gelegentlich mit dem vertonten Grauen konfrontiert (die „Wiederauferstehung“ von A, die spätpubertäre Pseudo-Härte von Callejon, das pathetische Rumgestumpfe von Haudegen, die Ach-sind-wir-alle-ironische-Befeierei von Scooter), das Positive überwiegte jedoch: The Flaming Lips brachten mit ihren Konfettikanonen einen Hauch Olympia-Eröffnungs-Zeremonie in den MAFZ-Erlebnispark Paaren und versammelten die Dorf- und Stadtschönheiten zwischen 18 und 25 auf der Bühne. Da, wo damals noch Tierkostüme, später dann Aliens und Weihnachstmänner tanzten, sah man nun hübsche junge Damen in hübschen blauweißen Kleidchen, während Wayne Coyne im Zentrum der Bühne seine Spielzeuge vorführte und diesmal erstaunlich treffsicher sang. Michael Ivins war der coole Eisblock in der Konfettibrandung und spielte wie immer den Bass im Sitzen. Und Steven Drozd war wie er immer war: Die meisten Sounds und Melodien kamen von ihm, ebenso wie die gekieksten „Danke, danke“-Rufe zwischen den Songs. Die knapp einstündige Spielzeit wird natürlich ihrem Oeuvre nicht gerecht – und Songs wie „Waiting For Superman“ oder „Fight Test“ vermisste man schmerzhaft. Am selben Abend brachten übrigens auch Triggerfinger ihren bei Lykke Li geborgten Hit in die Brandenburghalle und machten sehr cool noch einmal deutlich, dass sie eine gestande ROCKband sind und kein iTunes-One-Hit-Wonder. Nach dem Konzert wollte sicher ein jeder den massigen Basser Paul Van Bruystegem als Bodyguard und Sänger und Gitarrist Ruben Block als Butler und Saufkumpane.

Samstag stand dann ganz im Zeichen der Roots, die in ihrer nächtlichen Show nicht eine Sekunde lang stillstanden und blitzschnell zwischen Blues, Funk, HipHop und Rock umschalteten. Choreographierte Dance-Moves, Reimstakkato und natürlich deftige Tuba-Soli machten diese Show so fantastisch, wie sie war. Verstörend wurde es im Anschluss bei HGich.T, die zwar herrlich obskure Gaga-Texte von der Bühne hauen, aber nach spätestens 15 Minuten die Birne weich machen.

Am Sonntag dann der krönende Abschluss mit den alten Herren um Iggy Pop, der noch einmal eindrucksvoll seine Kondition bewies, wie man in unserer Galerie in all seiner Pracht sehen kann.

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