Solomun verwandelt Alexandra Palace in gigantischen Rave-Tempel
DJ Solomun begeisterte 20.000 Fans im legendären Alexandra Palace. Mit K.I.Z-Überraschung, spektakulärer LED-Show und fünfstündigen Sets.
Der im Jahre 1873 gebaute (und nach einem Brand bereits 1875 wieder neu und größer errichtete) Alexandra Palace im Londoner Nordosten hat schon viele Berühmtheiten kommen und gehen gesehen. Könige und Herzoginnen, das legendäre 1967er-Psychedelic-Meeting „The 14 Hour Technicolor Dream“ mit den Deviants, Soft Machine, Creation, Tomorrow, Yoko Ono und Pink Floyd, die Brit Awards der 1990er und natürlich die alljährlichen Dart-Weltmeisterschaften (seit 2007).
Am vergangenen Wochenende feierte dort ein deutscher DJ sein Debüt.
DJ Solomun, Ex-Hamburger und Weltbürger, „rockte“ die ikonische „Great Hall“ für zwei Nächte. Das englische Publikum verzichtete auf „Kraut“-Witze und zeigte sich gewohnt euphorisch. Aus der wogenden Menge ragte am Freitagabend nicht nur Tausende Hände und Smartphones, sondern auch eine meterhohe Plastikgiraffe. Aufgrund der enormen Nachfrage wurde bereits während des Vorverkaufs ein zusätzlicher Termin angesetzt. Knapp 20.000 Fans waren es insgesamt.
Über jeweils fünf Stunden hinweg entfalteten sich Solomuns Sets in einer Art, die man beim heute üblichen Kurzzeit-Geballer im Techno-Milieu kaum noch kennt. Als der 50-Jährige zum Finale am Freitag einige Takes von Rosalías „Berghain“ über die House-Grooves legte, gab es Standing Ovations im Tanzmodus.
Statt eines linearen DJ-Sets setzte Solomun auf ein dramaturgisch aufgebautes Programm, wie man es aus dem New Yorker „Paradise Garage“ oder den Chicagoer Untergrund-Clubs der späten 1980er her kannte. Das gemischte Publikum, von 22 bis Mitte 50, blieb durchgehend in Bewegung. Oder frequentierte zum Verschnaufen die benachbarte, riesige Food-and-Drink-Halle für ein Nachschub-Pint.
Geschichte trifft Rave-Kultur
„Zum ersten Mal im Alexandra Palace zu spielen, war eine große Ehre für mich“, sagt Solomun in einem Presse-Statement. „Dieser Ort trägt so viel Geschichte in sich – und trotzdem haben wir es gemeinsam geschafft, ihn in einen Rave zu verwandeln. Es ging nicht nur ums Auflegen, sondern um das gemeinsame Erleben.“
Der Deutsch-Bosnier, der in seiner kauzigen Art an Mittelalter-Pirat Klaus Störtebeker erinnert, hatte einige Überraschungsgäste im Gepäck. Die Berliner Krawall-Rapper K.I.Z spielten am Samstag eine rare Live-Version von „Samstag ist Krieg“, standesgemäß in Solomuns Remix-Version.
Ein genreübergreifender Moment in einer ungewohnten Sprache für den Ally Pally. Auch Rapper Antony Szmierek mit „Life Affirmer“ sprang unerwartet aus der Kiste, Inéz, Teil des deutschen Art-Pop-Duos ÄTNA, setzte stimmgewaltig zusammen mit Solomun an den Decks mit „Tuk Tuk“ einen Schlusspunkt der Gastauftritte.
„Ich liebe es, wenn ein DJ-Set lebendig wird und Raum für Unerwartetes lässt“, so Solomun. „Wenn Künstler aus unterschiedlichen Welten zusammenkommen, entsteht etwas, das größer ist als Genre-Grenzen. Genau darum geht es mir.“
Visuelle Inszenierung auf höchstem Niveau
Der Alexandra Palace erwies sich als Mega-Kulisse für eine 2026er-Variante der guten, alten Großraumdisco. Natürlich weitaus kunstvoller.
Mit einer eigens vom Köln/Berliner-Team Antonia Melzer (Visuals) und Felix Seidel (Lichtdesign) konzipierten Produktion, die hinter der DJ-Kanzel mit einer riesigen Leinwand illuminiert wurde, auf der schwarz-weiße Pixel-Animationen in sphärischen Bewegungen schwelgten. Von der Decke strahlten sogenannte „LED-Pods“. Immense quadratische Elemente aus Traversen und einer halbtransparenten LED-Leuchtfläche. Diese schwenkten in verschiedenen Winkeln hoch und runter, bis kurz über den Dancefloor. Sie wirkten vom erhöhten Backstage-Podium wie gigantische Lichtduschen. Etwas Höhensonne für die internationale Groove-Gemeinde im grauen Winter.

Der Meister gestaltete auch bei der Optik als Oberkurator und Hoher Priester seine eigene Leistungsshow. „Produktion sollte die Musik tragen, nicht überlagern“, sagt er im esoterisch-pastoralen Duktus. „Mir ist wichtig, dass sich Menschen frei fühlen – sowohl im Raum als auch miteinander.“
Vom Boiler Room zum Privatjet
Mit seinen Nächten reiht sich Solomun in die große Riege der Ally-Pally-Sondershows ein. Zuletzt waren Four Tet und Jamie xx hier zu Gast.
Zwei weitere Giganto-Shows von Solomun sind angesetzt in New York für den 23. und 24. Mai sowie ein Open-Air-Rave am 30. Mai auf dem zentralen Königsplatz in München.
Sein „Boiler-Room“-Set im mexikanischen Badeort Tulum (2015) zählt zu den meistgesehenen Performances der renommierten Streaming-Plattform. 2025 konnte er mit einer exklusiven One-Off-Show im „Sphere“ in Las Vegas protzen. Kein Wunder, dass Solomun zu Übersee-Gigs standesgemäß im Privatjet über den Großen Teich geflogen kommt.