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Song des Tages: Rio Reiser – „König von Deutschland“

Es ist nahe liegend, „König von Deutschland“ als Zeitgeist-Phänomen zu deuten, als einen musikalischen Reflex auf die gesellschaftlichen Umbrüche in den 80er-Jahren: Der Traum von der Revolution ist ausgeträumt. Das Establishment hat gewonnen. Es bleibt nur noch der Marsch durch die Institutionen.

„Keine Macht für Niemand“ ist nicht mehr. Der Anarchist von einst gibt sich als Monarchist zu erkennen. „Ich hätte zweihundert Schlösser und wär nie mehr pleite/ Ich wär Rio der Erste, Sissy die Zweite!“ Zu blöd ist nur, dass „König von Deutschland“ ein Lied ist, das noch aus Rio Reisers Ton-Steine-Scherben-Zeit übrig war. Mit einem anderen Text gab es die Nummer schon 1975. Angeblich hatten die Scherben ihn auch schon live gespielt, obwohl sich irgendwie keiner mehr daran erinnern kann. Außer vielleicht Nikel Pallat, der „König von Deutschland“ damals sang.

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1985 war aber nach 15 Jahren die Ton-Steine-Scherben-Geschichte zu Ende gegangen. Übrig geblieben war kein Scherbenhaufen, sondern ein Schuldenberg. Reiser brauchte Geld, hatte schon ein paar Songs für ein Popalbum gesammelt, und 1986 verwandelte sich der Polit-Rocker konsquent in einen Popstar.

Rio Reiser fand endlich das junge Publikum – und seinen größten Hit

Während die einen Verrat an der Sache witterten und Reiser den Ausverkauf der radikalen linken Ideen vorwarfen, freuten sich die anderen über die neue Schnoddrigkeit im Pop und darüber, dass Reiser endlich das junge Publikum erreichte, das er schon mit Ton Steine Scherben gern gehabt hätte.

„König von Deutschland“, nach „Alles Lüge“ und „Junimond“ die dritte Single von „Rio I.“, sollte aber sein größter Hit bleiben. Ein Gassenhauer, wie er ihn sich gewünscht hatte. Dass seine Plattenfirma die Nummer zwanzig Jahre nach der Veröffentlichung für die Werbekampagne eines geil-geizigen Elektromarktes freigab, das musste Rio Reiser zum Glück dann doch nicht mehr miterleben.

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„König von Deutschland“: Berliner Bezirk setzt Rio Reiser ein Denkmal

Die Berliner Bezirksverordnetenversammlung von Friedrichshain-Kreuzberg hat beschlossen, den Heinrichplatz nahe dem SO36 an der Oranienstraße in Rio-Reiser-Platz umzubenennen. Nach einer intensiven Debatte stimmten 27 Abgeordnete für die Umbenennung, acht stimmten dagegen und zwölf enthielten sich. Nicht nur musikalisch wird dem „König von Deutschland“ ein Denkmal gesetzt, sondern auch im Sinne der Diversität:„Rio Reiser und Ton Steine Scherben haben Rockgeschichte und die Geschichte Kreuzbergs geprägt“, erklärte das Bezirksamt. „Schwulsein war für ihn in den 70ern selbstverständlich, während es damals in weiten Teilen der Gesellschaft und auch in der linken Szene noch lange nicht als gängig galt.“ „Der König von Deutschland“ ersetzt ehemaligen…
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