Spezial-Abo
Ikone des Indie-Rock

Stephen Malkmus: Die Lust an der Lockerheit


Der Ort könnte nicht unpassender sein: Stephen Malkmus sitzt im sogenannten Gibson-Showroom, umzingelt von makellos glänzenden Gitarren, und kratzt sich am Bein. Joe Bonamassa oder ­Steve Vai oder ein anderer Saiten-Weltmeister würde gut in dieses Ambiente passen. Aber nicht der Songschreiber und Sänger der besten Indierock-Band der Neunziger, passionierter Slacker und eleganter Schluffi. Seine lustvolle Lustlosigkeit ist berüchtigt.

Aber Malkmus hat nichts Arro­gantes, nichts Prätentiöses, nichts Maliziöses an sich wie so manch andere Post-Punk- und Alternative-Rock-Helden der Achtziger und Neunziger. Er nimmt sich einfach nicht so wichtig. Natürlich auch eine Pose. Pures Understatement. Erst mal gelangweilt tun ist da Pflicht. Äußerst charmant gelangweilt tun, versteht sich.

Als sich das Gespräch zu Beginn um Fahrradfahrer und widerrechtliches Überfahren roter Ampeln dreht, muss er jedoch gleich lachen. Dazu fällt ihm eine Anekdote ein, was für US-Amerikaner her ungewöhnlich ist, um mal das Klischee vom Land ohne Radwege zu bedienen. Malkmus hat eine Zeit lang in Berlin gelebt, davor und seitdem wieder wohnt er mit seiner Frau und seinen zwei Kindern, die zehn und 13 Jahre alt sind, in einer der grünsten und auf Nachhaltigkeit bedachtesten Städte Nordamerikas, in Portland. Dort fährt er regelmäßig Fahrrad, allerdings seien die Cops bei Verstößen gegen die Straßenverkehrsordnung wesentlich härter im Durchgreifen als in Deutschland. „Wie entspannt hier alles im Vergleich zu den USA ist, fiel mir zum ersten Mal auf, als ich vormittags jemanden mit einer Flasche Bier in der U‑Bahn sah. Das hat einfach niemanden gestört“, erzählt er.

Ein Song seines neuen Albums, „Sparkle Hard“, heißt tatsächlich „Bike Lane“. Zu einem Glamrock-Boogie im Queens-Of-The-Stone-Age-Stil, der sich in ein Ramones-Riff verwandelt, singt Malkmus immer wieder mit lethargischer Hingabe die Zeile „Another beautiful bike lane“ – bevor das Stück eine krasse Wendung nimmt. Im Chorus schildert Malkmus den Tod des 25-jährigen Freddie Gray, der im April 2015 in Baltimore von Polizisten festgenommen wurde und durch einen Genickbruch ums Leben kam. Die Beamten wurden angeklagt und freigesprochen. Eines von zig Beispielen für US-Polizeigewalt und die Vertuschung rassistischer Motive. Malkmus trifft damit einen Nerv der Zeit.

„Ich will die Argumente der Rechtspopulisten nachvollziehen“

So wie seine Lyrics zugleich surreal und brachial real wirken, scheinen wir umgeben von einer modernen Welt, in der alles gleichberechtigt steht, vor allem in den sozialen Netzwerken, ein veganes Mettbrötchen neben Bildern von zerbombten Städten, eine Petition für Unisex-Toiletten neben einem Video mit Hasspredigten Rechtsradikaler, ein neuer Fahrradweg neben der Nachricht von einem Mord. Alles gleich wichtig, alles gleich egal.



Die 100 besten Hardrock- und Metal-Alben: Platz 100 - 68

Weiterlesen
Zur Startseite