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Sven Regener: „Es ist nicht gut, wenn Musiker für ihre Crews sprechen“


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Sven, wie hat die Krise Element Of Crime und euer Umfeld getroffen?
Wir haben das genauso erlebt, wie alle anderen auch. Wir sind voll ausgebremst worden. Es war mit einem Schlag alles weg. Da trifft niemanden Schuld. Das ist eben so, da muss man durch. Allerdings tun wir uns als Musiker damit leichter, weil wir als Element Of Crime auch in der Vergangenheit schon mal ein Jahr lang nichts gemacht haben, 1999 etwa. Aber das war natürlich freiwillig, das ist dann nicht ganz das Gleiche. Wenn wir jetzt Songs schreiben wollten, könnten wir das natürlich trotzdem tun, haben wir aber nicht.

Was ist mit den wirtschaftlichen Folgen?
Ein oder zwei Jahre auszusetzen können wir gut verkraften, wir sind aber auch wirtschaftlich in einer sehr privilegierten Situation. Das gilt längst nicht für jeden. Unserer Crew und den Musikern, mit denen wir auf den Tourneen arbeiten, Rainer Theobald und Ekki Busch, fehlen durch die abgesagten Konzerte eine sehr wichtige Einnahmequelle. Das ist aber ja in Teilen aufgefangen worden. Den erleichterten Zugang zu Hartz IV für Musiker fand ich gut und auch in der Veranstaltungswirtschaft ist eine Menge Kompensation passiert. Ob man das hätte besser machen können, weiß ich nicht. Die Forderungen von Alarmstufe Rot sind jedenfalls richtig, das unterstütze ich zu 100 Prozent, weil die Situation sehr lange anhält. Die Frage ist nur, wie lange man die Hilfsprogramme auch staatlicherseits durchhalten kann.

Bist du denn im Austausch mit eurer Crew, hast du den Eindruck, dass diese Hilfen passgenau waren?
Das kann ich nicht sagen, da müsste man die Leute selbst fragen. Das ist natürlich auch je nach individueller sozialer Situation unterschiedlich. Aber ich kann und will gar nicht für die Crew sprechen. Ich find’s wichtig, dass man die selber fragt. Es ist gar nicht so gut, wenn Musiker permanent im Namen ihrer Crews sprechen.

Leute, die auf den Balkon treten und für Krankenhaus-Belegschaften applaudieren, brauchen Pfleger und Krankenschwestern so dringend wie ein Loch im Kopf

Wir haben im Verlauf unserer Recherchen mit vielen Leuten aus diesen Bereichen gesprochen und mein Eindruck war, dass viele sich von der Politik nicht wahrgenommen fühlen, dass die Art von Kultur, über die wir hier sprechen, nicht ausreichend wertgeschätzt wird.
Ich kann mit diesen Debatten nichts anfangen. Das erinnert mich an Leute, die auf den Balkon treten und für Krankenhaus-Belegschaften applaudieren. Das brauchen Pfleger und Krankenschwestern so dringend wie ein Loch im Kopf. Mir ist es egal, ob Klaus Wowereit oder wer auch immer das, was wir tun, systemrelevant findet. Die Anerkennung, die wir brauchen, beziehen wir auf der Bühne durch den Applaus unseres Publikums. Ich möchte einfach, dass Crews und Musiker, die ins wirtschaftliche Abseits geraten, Unterstützung finden.

In diesen Bereichen wird traditionell unabhängig und mit einer gewissen DIY-Haltung gearbeitet, staatliche Unterstützung war nie vorgesehen. Resultiert der Frust aktuell bei vielen auch aus der Machtlosigkeit, nicht mehr eigeninitiativ handeln zu können?
Mit DIY hat das nichts zu tun, das ist einfach selbständig organisierte Arbeit.Es gibt auf der kulturellen Ebene zwei Ebenen, die etwa durch die Berliner Philharmoniker auf der einen und das Johann-Strauß-Orchester von André Rieu auf der anderen Seite repräsentiert werden. Letzteres ist ein Privatorchester. Es wird kein amtlicher Intendant bestellt, Rieu kann machen, was er will. Der Preis dafür ist, dass er auch keine Absicherung hat. Beides hat seine Berechtigung, Theater kann man zum Beispiel ohne Subventionen einfach nicht machen.

Besteht für dich nach den Erfahrungen der Corona-Pandemie Anlass, Kultur breiter zu subventionieren?
Ich war mein Leben lang im nichtsubventionierten Kulturbereich unterwegs, Rock’n’Roll und Literatur. Ich habe mich für Kulturförderung nie interessieren müssen. Ich bin darauf nicht stolz, es ist einfach so. Trotzdem bitte keine Missverständnisse: Die Leute von Alarmstufe Rot haben Recht. Allerdings ist das für mich kein kulturpolitisches, sondern ein sozial- und wirtschaftspolitisches Anliegen. Eine Band wie Element Of Crime braucht keine staatliche Hilfe, weil wir in den letzten 30 Jahren viel Geld mit Musik verdient haben. Man muss nicht jeden Pfenning nehmen, den man dem Staat aus dem Kreuz leiern kann. Ich möchte aber, dass Crews und Musiker, die in finanzielle Schwierigkeiten geraten sind, Unterstützung finden. Wenn man den Leuten verbietet, ihre Arbeit auszuüben, muss man das kompensieren. Das hat mit Wertschätzung von Kultur nichts zu tun, sondern ist ganz normale, selbstverständliche Sozial- und Wirtschaftspolitik. Ich habe allerdings nicht das Gefühl, dass das aktuell unterschätzt wird.

Hertha BSC hat bei einem Heimspiel mehr Zuschauer als das Berliner Ensemble in hundert Vorstellungen, insofern ist es kein Wunder, dass da viel Druck dahinter ist

Dennoch: Was hätte von politischer Seite aus in den vergangenen Monaten besser gemacht werden können?
Die Konzepte zur Vermeidung von Infektionen im Kulturbereich wurden zu wenig beachtet, im Fußball war das vollkommen anders. Vielleicht wäre also mehr möglich gewesen. Aber das ist nur Spekulation.

Hat die Bundesliga es also besser verstanden, sich politisches Gehör zu verschaffen?
Hertha BSC hat bei einem Heimspiel mehr Zuschauer als das Berliner Ensemble in hundert Vorstellungen, insofern ist es kein Wunder, dass da viel Druck dahinter ist. Zumal den Vereinen durch die fehlenden Zuschauer ja Samstag für Samstag massive Einnahmen verloren gehen. Auch das ist eine Realität.

Was erwartet ihr von den nächsten Monaten, wie denkt ihr über Übergangskonzepte wie Streaming-Konzerte und solche mit Hygienekonzept?
Bei Element Of Crime hoffen wir auf Hygienekonzepte, unter denen einige Konzerte durchgeführt werden können. Wir haben vergangenes Jahr zwei solcher Konzerte gespielt und festgestellt, dass es machbar ist, ohne dass die Leute ein größeres Infektionsrisiko haben. Das mag vom Rock’n’Roll-Gefühl her nicht der wahre Jakob sein, aber es ist besser als nichts.


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