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Television live in Berlin: Ein Denkmal für „Marquee Moon“

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Television live in Berlin: Ein Denkmal für „Marquee Moon“

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“Marquee Moon” ist ein Monument. Es ist ein Album, das schon immer sehr viel größer  war als die Band, die es 1977 veröffentlicht hat. Zwar haben Television, dieses Kleinkollektiv um den nervösen wie  genialen Dichter Tom Verlaine, danach noch zwei weitere (sehr gute) Platten aufgenommen, doch keine von beiden hätte im Guten wie im Schlechten etwas an dem Ruf des Debüts ändern können. Das liegt wohl auch daran, dass hier jedes Detail stimmt, das von Jazz induzierte Gitarrenspiel geradezu traumartig aufeinander abgestimmt ist und so etwas wie der Titeltrack – der Fans bei Konzerten regelmäßig und völlig zurecht in Ekstase versetzt – eben nur einmal im Leben gelingt.

Es ist ein großes Glück, dass Television in Deutschlad auftreten. Das haben sie seit vielen Jahren nicht getan. Im “Huxleys Neue Welt” in Berlin-Neukölln kommen sie allerdings nicht wie eine Band auf die Bühne gesprungen, die einst den Punk mit auf den Weg brachte, sondern wie eine ein wenig von sich und dem Publikum gelangweilte Jazz-Combo. Verlaine zieht sich erst einmal sorgfältig die Jacke aus, justiert das Mikrophon, beschwert sich später über das Licht, das ungünstige Schatten wirft und so das konzentrierte Instrumentenspiel stören könnte. Diese (deutlich sichtbar in die Jahre gekommenen) Männer hat so etwas wie ein Showkonzept niemals interessiert. Ein wenig Zeit brauchen sie dann auch, um sich in ihre Lieder hineinzulegen, sie zu erhaschen wie eine geheimnisvolle Droge, die ihre Wirkung nie und nimmer verfehlt. Der Sound ist wirklich fantastisch an diesem Abend, was auch die Band wahrnimmt. Trotzdem beschwert sich später einer der Besucher über die seiner Meinung nach viel zu geringe Lautstärke.

Television arbeiten ihr Meisterwerk komplett durch

Einem launigen Intro, das zum Stimmen der Instrumente eher genutzt wird als zum Aufwärmen der Zuhörer, folgen noch recht steife Varianten von Tracks wie “Prove It” und “Elevation”, bis vor allem Gitarrist Jimmy Rip sichtbar an Fahrt aufnimmt. Der Gitarrist sieht ein wenig so aus wie eine Mischung aus dem späten Tom Waits und Nick Nolte in “U-Turn”. Doch während Verlaine etwas stoisch an seinem Gerät herumzupft, drängt es den versierten Saitenvirtuosen dem leider nicht sehr zahlreich gekommenen Publikum etwas von seiner Leidensschaft und Fingerfertigkeit zu zeigen.

Spätestens mit “Torn Curtain”, das einen Tick sanfter und versöhnlicher als auf Platte daherkommt, gelingt das delikate und reduzierte Spiel, das eben ganz und gar auf seine hymnischen Rhythmuswechsel und ein paar Zutaten beschränkt bleibt, die bisher wohl noch kein Musikjournalist oder gar einer der Musiker in Worte fassen konnte. Natürlich arbeiten Television ihr Meisterwerk vollständig durch, wie so viele Heroen der Vergangenheit es derzeit tun. Aber sie vollführen das nicht in der ursprünglichen Reihenfolge. Es soll ja kein Museumsbesuch für die Hörer werden, in dem ein paar Musiker bei grobem Scheinwerferlicht so tun, als könnten sie in einer knappen Stunde die Venus von Milo vor den Augen Hunderter noch einmal errichten. So folgt “See No Evil”, diese beschwingte Hasserklärung an die Schwarzseherei und auf der LP der Prolog, erst kurz vor Schluss. Und so bleibt es doch eine kleine Überraschung, welches Lied sich aus einem angetesteten Akkord schließlich doch herausschält.

Dem Titelsong sollte ein Tempel errichtet werden

Überflüssig zu erwähnen, dass “Marquee Moon”, der über 10-minütige Gitarrenfuror, der zunächst auf Scheibe heruntergebrochen werden musste, damit er nicht triumphal über die Rillenenden schwappt, zum Höhepunkt des Abends wird. Diesem schier endlos anmutenden Jam würde in einer besseren Welt wohl ein Tempel errichtet, auf dass er dort den ganzen Tag rauf und runter liefe. Im Huxleys in Berlin stimmt jede Note, gelingen die flirrenden Soli von Verlaine und Rip wie selbstverständlich. Aber Television spielen diesen dramaturgisch bis zum letzten Schlagzeuganschlag ausgefeilten Gitarrenroman nicht wie The Grateful Dead “Truckin'” oder Led Zeppelin “Stairway To Heaven”. Eher gelingt hier so etwas wie die Wiederbelebung eines Mythos’, der immer wesentlich größer war als die CBGB-Band und Post-Punk-Inspiration.

Als Zugabe gibt es – natürlich – keinen Gassenhauer mehr (die Band hat ja keine), sondern “Little Johnny Jewel”, das einmal ihre Debütsingle war und ganz vorzüglich demonstriert, das Television die Feinheiten einer komplexen musikalischen Komposition wesentlich mehr schätzen als so etwas wie Bombast. Ein wenig müde wirken die Musiker dann schon, als der Vorhang fällt. Fragen bleiben eigentlich keine mehr offen. Nur die Hoffnung, dass die Gruppe sich vielleicht noch einmal entscheidet, in Deutschland Rast zu machen.

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