‚The Sopranos‘ leiten die Revolution der TV-Serien ein


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Es beginnt mit den Enten, die im Swimmingpool der Familie Soprano schwimmen. Für Tony Soprano sind die Tiere ein Menetekel, Allegorien für seine Depression. Offiziell arbeitet Soprano in der Müllbeseitigung – ein klassischer Mafia -Witz. Tatsächlich hängt er mit seiner Bande im Hinterzimmer des Table-Dance-Clubs,, Bada Bing“ herum, einer Ausgeburt der Schnellstraßenhölle von New Jersey wie aus einem Roman von Richard Ford. Tony ist der Pate der lokalen Mafia-Organisation, in der Autorität bedroht von seinem ebenso tutigen wie bösartigen Onkel und seiner nörgelnden Mutter.

Vor 15 Jahren kamen die „Sopranos“ ins US-TV. Die epische, aber auch realistische Erzählweise der Serie veränderte das Fernsehen nachhaltig. Nie zuvor wurde das Leben einer Mafia-Familie so alltagsbezogen dargestellt. Tony Sopranos Frau Carmela langweilt sich, macht Cannoli und guckt Filme mit dem örtlichen katholischen Pfarrer, der Sohn ist ein träger Taugenichts, die Tochter ein hysterisches Früchtchen. James Gandolfini, ein bis dahin erfolgloser Schauspieler, gibt den traurigen Despoten als Sensibelchen, das über die Endlichkeit nachdenkt und zum Reden der Psychotherapeutin Dr. Melfi (Lorraine Bracco) gegenübersitzt, in die er sich verliebt.

Zugleich berichtet Soprano ihr von den Problemen mit einer temperamentvollen russischen Nutte, mit seiner Frau, den Kindern, der Mutter und seiner Arbeit, über die sie sich keine Illusionen macht. Melfi gerät in den Bann des ebenso massigen wie labilen, charmanten wie raubtierhaften Machtmenschen, bricht die Behandlung aber nicht ab.

Einmal erzählt Soprano von dem fröhlichen Wanderer, der pfeifend seines Weges geht – während Sopranos Tag von Routine, Ennui und jähen Gewaltausbrüchen geprägt ist. Einmal träumt er von der italienischen Nachbarin, die im Garten die Wäsche aufhängt, während die Tindersticks,, Tiny Tears“ spielen. Und als Tony die Heimat seiner Vorfahren besucht, erlebt er mit einer feurigen Grazie den mediterranen Sensualismus, spaziert am Strand und speist in alten Palästen. Dann muss er heim in den täglichen Krieg von New Jersey.

Wir „Sopranos“-Süchtigen“, schreibt ROLLING-STONE-Redakteur Arne Willander in seinem Nachruf zum 2013 verstorbenen James Gandolfini, „haben nie gemerkt, dass wir beinahe nichts über ihn wussten – denn Gandolfini war in einer Weise eins mit Tony Soprano, wie es nur Larry Hagman mit J.R. Ewing war. Doch während Hagman lustvoll eine Comic-Figur skizzierte, malte Gandolfini an einem Fresko menschlicher Leidenschaften, Mängel und Abgründe, einem Renaissance-Menschen, einer Shakespearschen Gestalt. Die Figuren des James Gandolfini haben stets ein Gespür, das man mit fahler Ironie „Bauchgefühl“ nennen könnte. Tony Soprano ist ein graziler Riese, der wie ein Wiesel flüchtet, als er die Polizei vorfahren sieht. Er bewältigt die dysfunktionale Familie ebenso wie die heikle zweite Familia, er übersteht die schreckliche Mutter und den fiesen Onkel, die zeternden Geliebten und Borderline-Frauen, die Schulleiter und Geheimdienstler. Wir verlassen die größte und subtilste Fernsehfigur aller Zeiten in einem Diner, in dem „Don’t Stop Believin'“ von Journey läuft.“