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Q&A

Thees Uhlmann: „Ich bin ich nicht kompetent genug, um mir Sorgen zu machen“

Etwas mehr als fünf Jah­re lang hat es keine neue ­Musik von Thees Uhlmann ­ge­geben. Der ehemalige ­Tomte-Sänger und Mit­­­be­gründer des Hamburger Labels Grand Hotel van Cleef war allerdings in dieser Zeit alles andere als untätig.

Uhlmann nahm mit schmerzfreien Kollegen eine recht schauderhafte deutsche Version von „Do They Know It’s Christmas?“ auf, schrieb einen fröhlich-lakonischen ­Roman über das Sterben („Sophia, der Tod und ich“, 2015), verausgabte sich wie jeder ambitionierte Roman-Debütant auf nicht enden wollender Lesereise und lieh Bruce Springsteen in der deutschen Hörbuchversion von dessen Auto­biografie, „Born To Run“, seine norddeutsche Kodderschnauze. Nun legt Uhlmann das neue Album, „Junkies und Scientologen“, vor.

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Nach „Thees Uhlmann“ und „2“ hat das neue Album einen etwas krea­tiveren Titel. Wie kam es dazu?

Mein guter Freund Marcus Wiebusch rief mich eines Abends an und sagte: „Wenn du deine Platte diesmal ‚3‘ nennst, komme ich vorbei und du kriegst eine Ohr­feige!“ Das wollte ich natürlich nicht ­riskieren, denn der Marcus überlegt sich schon, was er sagt. Ich hätte das Album auch „Zusammenhalten“ nennen können. Dafür hätte es sicher Applaus ge­geben. Aber da gibt es keine künstle­rische Fallhöhe.

Warum gab es fast sechs Jahre lang keine neue Musik von Thees Uhlmann?

Ich war nach dem Buch und den Lesungen erschöpft. Dann habe ich erst viel geschrieben und komponiert. Irgendwann sagten mir mein Manager und mein Produzent, wie schrecklich sie einen meiner Texte fanden. Da bin ich erst mal nach Hause gefahren und habe sechs Stunden Mittagsschlaf gemacht. Wutschlaf ist der beste Schlaf. Dann habe ich noch ein weiteres Jahr nachgedacht.

Ein Stück auf dem Album heißt „Danke für die Angst“ und zitiert Stephen King. Wie kamen Sie darauf?

Ich bin eigentlich kein Mensch, der viele Ängste hat. Aber nach Gesprächen in meinem Freundeskreis ist mir aufgefallen, dass Kinder heute gar keine Angst mehr vor Monstern haben. Für mich war das als Kind so ein eigener Kosmos. Die Kids von heute haben eher diffuse Ängste, vom Auto überfahren oder entführt zu werden. Für mich war es immer faszinierend, dass es diese irreale Stephen-King-Angst gibt, so eine große dunkle ­Sache namens Leben.

In „Was wird aus Hannover“ singen Sie von „Stranger Things“ und den Scorpions. Ihre musikalische Jugendliebe?

Mich als Niedersachsen hat das schwer begeistert, als da in der Serie ein Trans Am um die Ecke biegt – und die Scorpions aussteigen. Nicht Bon Jovi, sondern die Scorpions! Die sind ja genial uncool und machen Spaß.

Wie kamen Sie dazu, ausgerechnet über Avicii zu singen?

Ich finde Avicii einfach geil, der Song ist nicht ironisch gemeint. Die Melodien machen mich an. Mir hatte ein Freund, der ihn kannte, gesteckt, dass es Avicii überhaupt nicht gut ging. Da habe ich mir gedacht: Lass uns mal treffen, wir machen ein bisschen Musik, du in ­F-Dur und ich in a-Moll, und alles wird gut. Das mag simpel klingen, aber es hilft schon, wenn man mal ein halbes Jahr nur normale Menschen trifft. Avicii hat mir auch bei den Aufnahmen für die neuen Songs geholfen: Wenn ich beim Schreiben in meiner Küche nicht weiterkam, habe ich seine Songs schön laut aufgedreht und war glücklich.

Einige Ihrer neuen Songs klingen ­etwas sorgenvoll. Reflektiert das den Zustand des Landes? Brauchen die Deutschen jemanden, der ihnen Mut macht?

Ich bin ich nicht kompetent genug, um mir Sorgen zu machen. Das ist etwas für Leute, die studiert haben. Problematisch sind aber Menschen, die alles zu laut sagen und das richtig ernst meinen. Viele wollen für ihre Meinung Fleiß­sternchen sammeln. Die Klassensprecherhaftigkeit des Lebens geht mir wahnsinnig auf die Nerven. Damit will ich nichts zu tun haben.

Viele machen ja das Internet für die Verbreitung von Ängsten und Hass verantwortlich.

Das Internet ist wie Pulled Pork: Das sieht zwar nicht gut aus, ist aber einfach da. Das muss man aushalten. Wie überhaupt diese ganze Fleisch-Thematik: Die einen wollen grillen, die anderen moralisch sein. Beide Gruppen werden sich nie treffen. Das ist schade.

Dabei hat das Internet für Musiker doch enorme Vorteile.

Ich habe immer mit meinen Fans gesprochen – nur eben mit einem Bierchen in der Hand nach dem Konzert. Das Internet sollte nur für Dating und Wackel-GIFs da sein.

Wie sind Sie darauf ­gekommen, ein Buch über die Toten Hosen zu ver­öffentlichen?

Eigentlich wollte ich was über Bruce Springsteen machen. Aber als ich mich während der Hörbuchaufnahmen für seine Autobiografie mit meiner Idee beim Management meldete, haben die gleich den ganzen Anwaltsapparat hochgefahren – weil sie sich wunderten, dass wir Springsteens Buch schon kannten. Also doch nicht Springsteen. Ich finde, mit den Toten Hosen kann man gut 35 Jahre Deutschland durchmachen. Außer­dem verbindet mich die Band mit vielen Freundschaften.


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