Tony Visconti und sein „Gänsehaut“-Moment mit David Bowie


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Tony Visconti hat eine Anekdote zur Produktion von David Bowies Song „Weeping Wall“ preisgegeben, die fast einem Märchen gleicht. In einem Interview mit dem „BBC Radio 6 Music“ sprach der Produzent über den damaligen „Gänsehaut“-Moment. Nur eine Kleinigkeit im großen und komplexen Universum des Musik-Helden, die sein Leben jedoch noch geheimnisvoller erscheinen lässt. Das Instrumentalstück „Weeping Wall“ erschien 1977 auf dem Album „Low“.

„Als wir mit dem Mischen von ‚Weeping Wall‘ fertig waren, waren da ich, Iggy [Pop], Edu [Meyer, der Tontechniker] und seine Frau Barbara“, erinnert sich Visconti an die Geschehnisse von damals. „David sagte: ‚Ich möchte, dass ihr alle Stift und Papier nehmt, und wir werden gemeinsam ‚Weeping Wall‘ hören und ich möchte, dass ihr ein Bild davon zeichnet, wovon der Song eurer Meinung nach handelt‘.“

Visconti setzt fort: „Also hörten wir ‚Weeping Wall‘ und fingen alle an zu kritzeln. Ich habe nicht auf die Bilder der anderen geschaut und niemand hat bei mir gespikt“.

„Als das Lied zu Ende war sagte er ‚okay, zeigt eure Bilder‘ und unsere Zeichnungen sahen fast alle gleich aus – das war sehr seltsam. Wir haben alle eine Mauer mit Zacken gezeichnet, wie der Rand einer Holz-Säge. Es war keine Wand mit flachem Ende, es war eine Wand mit Zacken – das ist sehr wichtig. Manche von uns haben einen Mond über die zackigen Zähne gezeichnet und manche von uns eine kreisrunde Sonne – aber wir haben ein fast identisches Bild gemalt“, so Visconti.

War es bloß ein Zufall?

Bloß Bowies Bild unterschied sich etwas von den Anderen. Dennoch war es ähnlich genug, um Visconti zum Staunen zu bringen: „David drehte sein Bild um und es war ein Bild einer Echse, wie ein Alligator, mit einem offenen Mund, [und die Echse] war dabei eine Sonne zu fressen – kreisrund – und in diesem Moment bekam ich Gänsehaut“.

„Ich glaube, David selbst war auch überrascht, aber er hat gehofft, dass so etwas passieren würde. Ich denke, sein Lächeln hat gezeigt, dass er dachte, dass er vielleicht besondere mentale Fähigkeiten besitzt, die dazu geführt haben – zu diesem sogenannten ‚Zufall‘“.

Die Inspiration für den Song erhielt Bowie durch einem traurigen Aspekts des damaligen Berliner-Alltags. Visconti erzählt: „Berlin war in vier Teile geteilt und am schrecklichsten war es im Osten. Manchmal überquerten wir tagsüber den Checkpoint Charlie und gingen tagsüber nach Ost-Berlin und aßen zu Abend und spazierten einfach herum. Das war erlaubt. Wir wurden jedoch genau beobachtet“.

Visconti führt fort: „Was mich am meisten zur Verzweiflung brachte, war der Rückweg in den Westen. Am Straßenrand waren Ost-Berliner*innen, die uns am hellichten Tag anflehten, ob sie in unseren Kofferraum klettern dürfen, oder ob sie sich an der Unterseite des Autos festklammern können. Ich denke es war die Verzweiflung dieser Menschen, die David zu ‚Weeping Wall‘ inspiriert hat, denn die Menschen auf der anderen Seite der Berliner Mauer schluchzten“.