
Die Toten Hosen? Ich MUSS mir das alles anhören!
Wie es früher einmal war: Die Tote-Hosen-Doku „Das letzte Album“.
Jeder hat eine Meinung zu „Trink aus! Wir müssen gehen“, und jeder, der Eric Friedlers Dokumentarfilm „Das letzte Album“ gesehen hat, hat auch dazu eine Meinung, möglicherweise mehrere Meinungen. Ich zum Beispiel liebe diesen Film. Er beginnt mit dem Ende – Campinos Bekenntnis: „Ich fühle mich wie verprügelt.“ Dann ein Schnitt wie bei einer Serie: „Zwei Jahre zuvor.“ Denn zwei Jahre zuvor begannen die Arbeiten an „Trink aus!“.
Ein Konvoi sehr unterschiedlicher Autos fährt zu einem Hof im Münsterland. Andi Meurer hat eben noch beim Rewe Nudeln und Tomaten in der Dose gekauft. „Mal sehen, welcher Produzent uns heute erwartet“, sagt Campino, als sie das Studio betreten. Es ist natürlich Vincent Sorg, und er hat Streuselkuchen mitgebracht. Campino sitzt auf einem der beiden braunen Knautschledersofas und leckt an der Gabel. Es ist die letzte Klassenfahrt, und Campino schlägt vor, noch einmal Aufnahmen von ZK zu hören. Denn die Platte soll „ballern“, weil es das letzte Zeichen der Toten Hosen ist.
Gitarrist Kuddel sagt, dass nicht alle Campinos Entscheidung in Ordnung fanden, dass nur noch ein Album gemacht wird. Möglicherweise bedeutet das, dass niemand damit einverstanden war. Aber nun ist es so. Der Film zeigt noch einmal die Fotos und die frühen Fernsehaufnahmen von ZK und den Toten Hosen.
Campino urteilt harsch über Andi („Konnte gar nichts, war aber lieb“) und Breiti („Konnte ein bisschen Gitarre spielen“). Kuddel wiederum war „zehnmal so gut wie jeder andere Gitarrist“, was der Fuchs Campino ihm aber nicht sagte. So spielten sie also im Ratinger Hof in Düsseldorf und überall, wo man sie haben wollte. Manchmal waren fünf Leute da. Alle Plattenfirmen sagten ihnen ab. Sie hatten kein Geld. Der frühere Schlagzeuger Wölli wollte Instrumente verkaufen, was Campino verbot. Hier wird kein Equipment verkauft!
Zwischen Genie, Chaos und Rührei
Fast melancholisch erzählt Kuddel von „Opel-Gang“, ihrer ersten Platte von 1983, die sie sozusagen unabhängig aufgenommen haben, „unbedarft“. Wie auch sonst? So wurde es nie wieder. Vier, fünf Ideen, sagt Kuddel, mehr brauchen wir nicht, dachten wir, die Platte dauert eine halbe Stunde. Für das Album, das ihr letztes werden wird, haben sie 60 oder 70 Ideen, von denen Campino aber nur 5 oder 6 einleuchten.
Und wenn ihm die Songs nicht gefallen, schreibt er auch keine Texte. Er geht über einen Feldweg und hört sich Demos an. „Ich muss mir das alles anhören“, sagt er. Und deshalb setze er sich mehr als die anderen mit den Stücken auseinander. „Wenn er nicht will, dann war es das“, sagt Schlagzeuger Vom auf Englisch. „Wer überbaupt wissen will, was ich denke? Nach 27 Jahren bin ich immer noch der Neue.“
Vincent Sorg macht in der Küche Rührei. Es wird freimütig gesprochen in dieser Dokumentation, ohne gespielte Kameraderie. Campino ist in der Nacht ein Text eingefallen, den er ganz lustig findet. Er heißt „Oktoberfest“. Vincent Sorg lässt den Track mit Campinos Gesang ablaufen. Die anderen stehen wie versteinert im Studio. „Weder gesanglich noch textlich gut genug“, sagt Kuddel. Einmal singen er und Andi mit Campino im Chor. Sorg findet, dass Campino zu laut sei und einen Schritt zurückgehen solle. Dann macht der Produzent den besten Witz des Films: „So könnte deine Biografie heißen: ‚Mein Leben in der zweiten Reihe‘.“

„Das letzte Album“ wird am Ende dramatisch, weil die Abgabe droht und Campino noch Texte schreiben muss. „Dabei kann ihm keiner helfen“, sagt Kuddel. Campino ist schlecht gelaunt. Er schreibt die Texte. „Trink aus! Wir müssen gehen“ ist schließlich fertig geworden. Es sind einige der schönsten und traurigsten und ballerndsten Songs der Toten Hosen darauf. Der Opel ist wieder da, auf einem Foto von Andreas Gursky. Der Rhein fließt ruhig.