Toggle menu

Rolling Stone

Back to top Share
Artikel teilen
  • Facebook
  • Twitter
  • Google+
  • Whatsapp
  • Email
Search

Unfrieds Urteil: Schluss mit dem Wembleytor-Gezeter – der Ball war drin!

Kommentieren
0
E-Mail

Unfrieds Urteil: Schluss mit dem Wembleytor-Gezeter – der Ball war drin!

Facebook Twitter Google+ Whatsapp Email Kommentare
von

Der Ball prallt von der Unterkante der Latte nach unten. Wolfgang Weber köpft ihn weg. Gottfried Dienst rennt zu Tofik Bachramow. Der sowjetrussische Linienrichter sagt irgendwas und zeigt zur Mittellinie, daraufhin zeigt der Schweizer Schiedsrichter auch zur Mittellinie. Tor für England in der Verlängerung des WM-Finales 1966!

Damit war England Weltmeister. Und “West Germany” hatte verloren. Das ist jetzt 50 Jahre her, aber noch immer wird in der Bundesrepublik mit großer Inbrunst beschworen, dass Geoff Hursts Schuss in Wembley “nicht drin war”, also die Torlinie nicht mit vollem Umfang überschritten hatte, bevor er wieder hochsprang und der Kölner Innenverteidiger Weber ihn über die Latte köpfte.

Uwe Seeler pfiff die Kameraden zurück

Man muss befürchten, dass das Zetern angesichts des Testspiels Deutschland – England am Samstag wieder an Fahrt aufnehmen wird. Der Mitwirkende Weber spricht im ersten Jubiläums-Interview mit dem „Tagesspiegel” von einem “sogenannten Wembley-Tor”. Er habe “klar gesehen, dass der Ball nicht drin war”. Das 4:2 sei “auch irregulär” gewesen. Irgendwie schien ihm “alles dafür arrangiert, dass England Weltmeister wird“. Er habe nach dem dritten Tor mit Beckenbauer und Overath den schnauzbärtigen Sowjetrussen bestürmen wollen: “Wir waren für die Gerechtigkeit”. Der trutzig-faire Kapitän Uwe Seeler pfiff die jungen Kameraden zurück (“Bringt ja nichts!”). Doch auch für Seeler war eine Lebenskonstante von da an, dass der Ball nicht drin war.

Selbstverständlich kann es sich für einen Fußballspieler wie ein existentieller Unterschied anfühlen, ob er “Weltmeister” ist oder nicht. Selbst Vizeweltmeister ist in unserem Winner-takes-all-Sportverständnis das Gegenteil von Weltmeister. Das muss man also gesondert betrachten. Gesellschaftlich und kulturell aber ist es kleingeistig, dass man seit einem halben Jahrhundert reflexhaft auf der Irregularität des dritten Tores besteht.

Dass der damalige Bundespräsident Heinrich Lübke (CDU) 1966 als einziger Deutscher “Der Ball war drin!”, sagte, wirft man ihm bis heute mehr vor als seine Nazi-Vergangenheit. Und dass Bachramow vor dem Nationalstadion von Aserbaidschan, dem “Tofik-Bachramow-Stadion”, eine Statue bekommen hat,löst auch in pazifistisch-multikulturellen Fußballfans Gewaltfantasien aus. Es steht zu befürchten, dass bis zum Jahrestag am 30. Juli wieder unzählige Male in allen verfügbaren Kameraeinstellungen gezeigt werden wird, dass der Ball verdammt nochmal nicht drin war.

Revanchismus is over, Schlesien wird nicht mehr unser

Was soll das bringen, außer einem selbstgerechten Dolchstoß-Gefühl, dass unser deutsches Team nicht auf dem Fußballfeld besiegt, sondern von einem infamen Sowjetrussen aserbaidschanischer Herkunft betrogen und von einem feigen Schweizer verraten wurde? Revanchismus is over. Schlesien wird auch nicht mehr unser. Das will auch gar keiner mehr, Gottseidank. Und auch dieses Spiel ist aus, Leute. Es wird genauso wenig annulliert und wiederholt wie die Schlacht im Teutoburger Wald, so sehr Varus und die Römer auch damit hadern.

Die Kategorie der Gerechtigkeit kann man schon gar nicht einklagen, denn im Fußball gewinnt nicht die Gerechtigkeit, sondern der Sieger. Zwar gilt eine Niederlage schon mal als ungerecht, der Sieg ist es aber niemals, er ist allenfalls “nicht unverdient”. Das ist der Euphemismus für unglaublichen Zufall, welcher aber ein konstituierendes Element des Spiels ist. Siehe deutscher WM-Sieg 1954. Das wird dann mit “Moral” oder “Teamgeist” oder der Hotelwahl begründet (“Geist von Spiez”), aber nie damit dass unser Liebrich den Super-Ungarn Puskas im Vorrundenspiel so verletzte, dass er danach nicht mehr richtig laufen konnte.

Könnten die Deutschen einen WM-Sieg 1966 auf Grundlage eines Gerechtigkeits-Paragraphen einklagen, dann könnten das die Ungarn 1954 (schreiende Ungerechtigkeit) und die Niederländer 1974 (Schwalbe Hölzenbein) mit mindestens genauso viel Recht tun. Selbst die Argentinier 1990 könnten einklagen, dass beim Stand von 0:0 noch eine Verlängerung gespielt werden muss, weil Brehmes Elfmetertor durch Schwalbe von Völler zustande kam.

Geoff Hurst trifft für England
Geoff Hurst trifft für England

Ich habe für diesen Text eine unrepräsentative Umfrage gemacht, ob Deutsche nach 50 Jahren bereit sind, mit dem ewigen Gemaule aufzuhören, dass der Ball nicht drin war. Große Empörung. Zwei Begründungen: Der Ball sei schließlich nicht drin gewesen. Und die Engländer seien blöd.

Sicher haben manche Engländer all die Jahre genervt mit ihren ewigen Anspielungen (“One World Cup, two World Wars”) und ihren Fußballkriegs-Boulevardschlagzeilen (“Surrender, Fritz!”) Aber das muss man sozialpsychologisch richtig einordnen. Als Neidkompensation. Deutschland ist neben allem anderen auch ein Fußballriese, der vier WM-Titel gewonnen hat, den letzten sogar in Südamerika. England ist – neben allem anderen – auch noch ein Fußballzwerg, der nie irgendetwas gerissen hat, außer einmal bei der Heim-WM. Der von einstiger Größe fabuliert, die aber niemals wiederkehren wird, es sei denn als Teil unserer zukünftigen gemeinsamen EU-Mannschaft.

Es ist also höchste Zeit, den Revanchismus, das Ungerechtigkeit-Gehadere, die piefige Zeigefinger-Rechthaberei und die definitorische Kleinkariertheit zu überwinden und die Souveränität und Größe desjenigen an den Tag zu legen, der es sich leisten kann. Im Übrigen weiß doch sowieso jeder, dass Tor ist, wenn der Schiedsrichter pfeift.

Congratulations and Celebrations, liebe Engländer: Der Ball war drin!

Peter Unfried ist Chefreporter der „taz“ und schreibt jeden Dienstag exklusiv auf rollingstone.de

Hulton Archive Getty Images
Kommentieren
0
E-Mail

Nächster Artikel

Vorheriger Artikel
Kommentar schreiben