Unfrieds Urteil: Schluss mit dem Wembleytor-Gezeter – der Ball war drin!

Der Ball prallt von der Unterkante der Latte nach unten. Wolfgang Weber köpft ihn weg. Gottfried Dienst rennt zu Tofik Bachramow. Der sowjetrussische Linienrichter sagt irgendwas und zeigt zur Mittellinie, daraufhin zeigt der Schweizer Schiedsrichter auch zur Mittellinie. Tor für England in der Verlängerung des WM-Finales 1966!

Damit war England Weltmeister. Und „West Germany“ hatte verloren. Das ist jetzt 50 Jahre her, aber noch immer wird in der Bundesrepublik mit großer Inbrunst beschworen, dass Geoff Hursts Schuss in Wembley „nicht drin war“, also die Torlinie nicht mit vollem Umfang überschritten hatte, bevor er wieder hochsprang und der Kölner Innenverteidiger Weber ihn über die Latte köpfte.

Uwe Seeler pfiff die Kameraden zurück

Man muss befürchten, dass das Zetern angesichts des Testspiels Deutschland – England am Samstag wieder an Fahrt aufnehmen wird. Der Mitwirkende Weber spricht im ersten Jubiläums-Interview mit dem „Tagesspiegel“ von einem „sogenannten Wembley-Tor“. Er habe „klar gesehen, dass der Ball nicht drin war“. Das 4:2 sei „auch irregulär“ gewesen. Irgendwie schien ihm „alles dafür arrangiert, dass England Weltmeister wird“. Er habe nach dem dritten Tor mit Beckenbauer und Overath den schnauzbärtigen Sowjetrussen bestürmen wollen: „Wir waren für die Gerechtigkeit“. Der trutzig-faire Kapitän Uwe Seeler pfiff die jungen Kameraden zurück („Bringt ja nichts!“). Doch auch für Seeler war eine Lebenskonstante von da an, dass der Ball nicht drin war.

Selbstverständlich kann es sich für einen Fußballspieler wie ein existentieller Unterschied anfühlen, ob er „Weltmeister“ ist oder nicht. Selbst Vizeweltmeister ist in unserem Winner-takes-all-Sportverständnis das Gegenteil von Weltmeister. Das muss man also gesondert betrachten. Gesellschaftlich und kulturell aber ist es kleingeistig, dass man seit einem halben Jahrhundert reflexhaft auf der Irregularität des dritten Tores besteht.

Dass der damalige Bundespräsident Heinrich Lübke (CDU) 1966 als einziger Deutscher „Der Ball war drin!“, sagte, wirft man ihm bis heute mehr vor als seine Nazi-Vergangenheit. Und dass Bachramow vor dem Nationalstadion von Aserbaidschan, dem „Tofik-Bachramow-Stadion“, eine Statue bekommen hat,löst auch in pazifistisch-multikulturellen Fußballfans Gewaltfantasien aus. Es steht zu befürchten, dass bis zum Jahrestag am 30. Juli wieder unzählige Male in allen verfügbaren Kameraeinstellungen gezeigt werden wird, dass der Ball verdammt nochmal nicht drin war.

Revanchismus is over, Schlesien wird nicht mehr unser

Was soll das bringen, außer einem selbstgerechten Dolchstoß-Gefühl, dass unser deutsches Team nicht auf dem Fußballfeld besiegt, sondern von einem infamen Sowjetrussen aserbaidschanischer Herkunft betrogen und von einem feigen Schweizer verraten wurde? Revanchismus is over. Schlesien wird auch nicht mehr unser. Das will auch gar keiner mehr, Gottseidank. Und auch dieses Spiel ist aus, Leute. Es wird genauso wenig annulliert und wiederholt wie die Schlacht im Teutoburger Wald, so sehr Varus und die Römer auch damit hadern.



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