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Unfrieds Urteil: Vergiss den Brexit – wie wir bei der Fußball-EM von Europa träumen

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Unfrieds Urteil: Vergiss den Brexit – wie wir bei der Fußball-EM von Europa träumen

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Als dann die deutsche Hymne ertönte, die Worte „Einigkeit und Recht und Freiheit“ durch den Prinzenpark von Paris hallten, geschah etwas Seltsames. Ich war ergriffen. Reflexhaft schaute ich zu meinen Tribünennachbarn links und rechts rüber. Nicht, dass die das merkten. Früher war ich extra sitzengeblieben, um meine Dissidenz klarzumachen, und nun das! Erst wollte ich mir gegenüber abwiegeln, es auf die Hitze oder die Stimmung im Stadion schieben. Aber es half nichts. Ich war ergriffen und das lag eindeutig an der Hymne.

War der Nationalismus-Wahnsinn jetzt auch in mir ausgebrochen?

Dann ertönte die britische Hymne und die Worte hallten, warum Gott die Queen schützen soll, und ihre Feinde zerstreuen und deren schurkische Pläne durchkreuzen.

Und jetzt geschah etwas noch Seltsameres: Wieder ergriffen!

Ich dachte zum Zwecke des Abschwellens der Ergriffenheit an den siebzehnten und letzten Song des Beatles-Albums „Abbey Road“,in dem es heißt, dass „Her Majesty“ ein „pretty nice girl“ sei, aber ja nun nicht so viel zu sagen habe. Doch das half auch nichts.

In Lyon erwischte mich dann die Marseillaise. „Aux armes, citoyens, formez vos bataillons“ wummste es. An die Waffen, Bürger! Ich habe gar keine Waffe und werde mir auch keinesfalls eine besorgen, um mich in ein Bataillon einzureihen. Trotzdem war ich Tränen der Rührung nahe.

Inzwischen ist mir klar, dass es sich um ein Muster handelt: Jede Hymne ergreift mich.

Egal ob die Franzosen, die Deutschen, die Briten, die Kroaten, die Isländer behaupten, dass sie die tollsten Weiber und die größten Schwänze haben, ich bin immer ergriffen. Und bei der österreichischen Hymne auch. Und die ist super aufgeklärt gegendert, das muss man sich mal vorstellen.

Was ist da los?

Der Reflex und auch der Name legt dem linksliberal sozialisierten Menschen nahe, dass die „Nationalhymne“ national aufgeladen sein muss und zum Zwecke des Heißmachens einer Gruppe durch Abgrenzung von anderen Gruppen eingesetzt wird. Das ist in bestimmten zeitlichen und politischen Kontexten auch so.

Es geht um Fußballteams, nicht um Nationen

Bei einem europäischen Fußballturnier aber spielen nicht „Nationen“ gegeneinander und auch keine Staaten, sondern Fußballteams. Diese Fußballteams repräsentieren einen nationalen Fußballverband, der wiederum einen Staat repräsentiert, klar. Aber es ist das Spiel, das die Leute heiß macht, nicht das Land. Die Leute im Stadion und vor den Fernsehern sind in diesem Kontext also nicht Fans und nicht mal Bürger des Staates, sondern grundsätzlich Fans des Fußballs und im Speziellen Fans eines bestimmten Teams. In der Regel folgt das aus ihrer Staatsangehörigkeit. Manchmal aus ihrer Herkunft. Manchmal aus der Herkunft ihrer Frau. Manchmal aus einer romantischen Vorstellung.

Es ist nicht vorgeschrieben, dass man als Deutscher für das deutsche Fußballteam ist. Es ist nur „normal“, beziehungsweise wird von der überwiegenden Mehrheit so praktiziert. Der Hauptgrund ist, dass das Team, mit dem der Mensch wirklich tief und identitär verbunden ist, nicht mitspielt. Also Barca, Galatasaray, Arsenal, Wolfsburg, Schalke oder der 1. FC Köln. „Nationalmannschaften“ sind also second-best für echte Fußballfans in der emotionsarmen Zeit ohne Vereinsfußball. Und umgekehrt sind sie bequeme Identifikationsfläche für die Quartalsfans, die nur bei solchen Turnieren emotional einsteigen. Und eine notwendige Identifikation für die EM-Touristen vor Ort, um sich als Fans definieren und fühlen zu können. Auch die Nationaltrikots, die sie tragen, sind nicht von der nationalen Symbolik geprägt, sondern Teil der Fußballkultur. Sie weisen sie als Zugehörige einer Gruppe aus, als Fans eines teilnehmenden Fußballteams.

Wenn aber bei der überwältigenden Mehrheit der Leute die Trikots Fußballtrikots sind und keine Militärkleidung und die Fahnen Fanfahnen sind und keine Nationalsymbole, was ist dann die Hymne und was ist, wenn sie einen ergreift?

In den Stadien singen sie die Hymnen Europas

Auch die Hymne ist inhaltlich und symbolisch entleert und kann zu dem werden, was derjenige aus ihr macht, der sie hört. Dass sie einen ergreift, hängt nicht mit ihren Inhalten zusammen, sondern dass sie musikalisch so angelegt ist. Sie soll ergreifen. Sie soll den Zuhörer emotional und auch körperlich spüren lassen, dass etwas wichtig ist. Was dieses Wichtige ist, kann der Bürger dank der Aufklärung und der Französischen Revolution heute gottseidank selbst entscheiden.

Für mich ist es in diesen Tagen der britischen Abwendung vom Projekt EU die Überwindung des nationalen Illusionismus. Wenn ich die Europäer in den Stadien Frankreichs sehe, wie sie zusammen ihren europäischen Fußballpatriotismus ausleben und dann ihre Hymnen höre, dann habe ich das – derzeit etwas unrealistische, aber sehr schöne – Gefühl, dass (fast) alle im Grunde meine Hymnen sind: Die vielen Hymnen der Vereinigten Staaten von Europa. Dessen engagierte Bürger wir sein dürfen. Wenn wir uns für das Ende der Vergangenheit entscheiden und für den Beginn einer Zukunft.

Und das ist ein wirklich ergreifendes Gefühl.

Peter Unfried ist Chefreporter der „taz“ und schreibt jeden Dienstag exklusiv für rollingstone.de

 

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