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Birgit Fuß fragt sich durchKolumne

Was hilft in den trockenen Monaten? Swans hören, zum Beispiel

Der Dry January ist vorbei, die Frage bleibt: Ist Rock’n’Roll ohne Exzess denkbar? Freudlose Vernunft ist jedenfalls auch keine Lösung.

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Der Januar nervt traditionell: Das Konto ist wegen der Weihnachtsgeschenke leer geräumt, Versicherungen wollen trotzdem gerade jetzt ihre jährlichen Beiträge. Die Schlemmereien sind vorbei, das Wetter ist scheußlich, bis zum Sommer dauert es noch lange. Und ausgerechnet an diesen trübsten Tagen, hat sich irgendein Sadist vor einigen Jahren ausgedacht, sollen wir uns dann noch zum „Dry January“ aufraffen. Gut, dass das vorbei ist! Der Februar hat leider auch wenig Erfreuliches zu bieten. Mir fällt nur ein Grund zum Feiern ein: Am 10. Februar wäre unser Kollege Uwe Kopf 70 Jahre alt geworden. Es wäre natürlich noch schöner, wenn wir das gemeinsam begehen könnten. Am 9. Januar 2017 ist er gestorben – damals hatte sich der Dry January noch nicht so durchgesetzt, er hätte ihn sicher verachtet, wie alle strikten Vorschriften. Er hat jedes Jahr in anderen Monaten einige Wochen alkoholfrei gelebt, leicht war das für ihn nie.

Michael Gira beschrieb das Fatale am Alkoholkonsum, Degenhardt das Freudige

„Man sollte nie jemand etwas erzählen. Sonst fangen sie alle an, einem zu fehlen“, schrieb J. D. Salinger im „Fänger im Roggen“, und das stimmt schon. Außer dass es „jemandem“ heißen müsste, oder? Uwe war unter anderem auch ein strenger Grammatik-Verfechter. Also das Original? „Don’t ever tell anybody anything. If you do, you start missing everybody.“ Richtig. Trotzdem soll es jetzt hier um zwei von Uwes Lieblingsliedern gehen, die im Grunde die beiden Extreme von Alkoholkonsum zeigen: das Fatale und das Freudige.

„I’ve got one thing to say/ Before I am drunk again/ God damn the sun …“

In „God Damn The Sun“ von Swans, 1989 auf „The Burning World“ erschienen, erinnert sich Michael Gira an die Jugend, als wir keine Vergangenheit hatten, nichts zu verlieren und uns alle Möglichkeiten offenstanden. Dann kommt das Alter, der Ehrgeiz verschwindet, „so I gained an addiction/ To drink and depression“. Ein Freund stirbt in Spanien, mit einer Flasche in der Hand und einem Messer im Rücken. Die Geliebte ist auch weg. „I’ve got one thing to say/ Before I am drunk again/ God damn the sun.“ Zu viel Licht, zu viel Wärme. Später behauptete Gira, er habe das Lied, diese große Melodie mit seinem monotonen Gebrummel verdorben.

Das Lied spielten wir nicht bei Uwes Trauerfeier, dafür ein sehr viel prononcierter gesungenes: Franz Josef Degenhardts „Weintrinker“ von 1963. Manche fanden das geschmacklos, aber Uwe hätte es gefallen. Für ihn war sein Rotwein „Genuss, Trost und Friedensbringer“ (das Jever allerdings auch). Degenhardts harmloser Genießer unterscheidet sich von den Schnapssäufern und Bierkippern. Er will nur „nebenbei ein bisschen reden/ Von den Dingen/ Die am Tag in einer kleinen Stadt geschehn“.

Zwischen Exzess und Askese liegt ein weites Feld

Nicht sehr Rock’n’Roll wahrscheinlich, denn da ging es – zumindest früher – beim Trinken nicht um gemütliches Beisammensitzen, sondern um Entgrenzung, Exzess. Jim und Jimi, Lemmy und Ozzy haben so gelebt und sind daran gestorben. Ihre Tode hatten wenig Heroisches – die einen sind gegangen, bevor sie sich richtig entfalten konnten (auch wenn ihnen bis 27 schon viel gelungen war), die anderen waren am Ende sehr angeschlagen. Bei Sucht hört der Spaß halt leider auf. Heute wirken viele Rockmusiker so vernünftig und gesund – ohne dabei gleich zu Straight-Edge-Asketen zu werden. Ist nüchterne Rockmusik doch denkbar? Könnten wir all den Spaß, den wir angetrunken hatten, auch so haben? Möglich, aber zweifelhaft.

Trockene Monate halte ich weiterhin für Quatsch, doch zum Glück ist die Spanne zwischen freudloser Vernunft und komplettem Kontrollverlust groß. Und selbst der größte Sonnenverächter wünscht sich manchmal einen warmen Tag im Mai herbei.