„Incredible Guy“: Xi Jinping bezirzt Trump mit chinesischem Pomp
Trump überhäufte China mit Lob und wich dabei zentralen Streitthemen wie Cybersicherheit, Taiwan und Irans Atomprogramm aus.
US-Präsident Donald Trump hatte eine wunderbare Zeit auf seiner großen China-Reise. Denn was gibt es da schon zu meckern?
In einer Reihe von Gesprächen mit dem chinesischen Staatschef Xi Jinping lieferte Trump eine atemberaubende Vorstellung makelloser internationaler Diplomatie: Er überschüttete die rivalisierende Weltmacht bei jeder Gelegenheit mit Lob, während er heikle Themen wie Handelsfragen, Cybersicherheitsbedenken, Taiwans Recht auf Selbstbestimmung und Chinas Unterstützung des Iran weitgehend beiseiteließ. Die Kunst des Deals in Aktion.
Die Chinesen haben ihrerseits bewiesen, dass sie genau wissen, was der Präsident mag. Xi eröffnete Trumps Besuch mit einem jubelnden Empfangskomitee vor der Air Force One – Trump schritt einen buchstäblich roten Teppich entlang, während die Menge für ihn johlte.
Jauchzende Kinder, breites Grinsen
Am nächsten Tag setzten die Chinesen dieses Spektakel fort: Ein surreales öffentliches Schauspiel mit Dutzenden von Schulkindern, die auf und ab hüpften und den Präsidenten ekstatisch bejubelten – Trump grinste über das ganze Gesicht, als er an ihnen vorbeischritt.
„Besonders beeindruckt haben mich diese Kinder“, sagte Trump bei der bilateralen Sitzung. „Sie waren fröhlich, sie waren wunderschön.“
Nach dem herzlichen Empfang kamen Trump und Xi zu ihren eigentlichen Gesprächen. Das Weiße Haus bezeichnete die Verhandlungen als „gutes Treffen“ mit produktivem Austausch über internationalen Handel und den Krieg im Iran. Trump nutzte die Gelegenheit, um ein Thema anzusprechen, das ihm wirklich am Herzen liegt: Fast-Food-Restaurants. „Chinesische Restaurants in Amerika übersteigen heute die Zahl der fünf größten Fast-Food-Ketten der Vereinigten Staaten – zusammengenommen“, staunte der Präsident. „Das ist schon eine Ansage.“
Pomp und Diplomatie
Da hat er ja nicht Unrecht: Viele Chinesen lieben Blue Jeans und Basketball – und die Amerikaner lieben im Gegenzug das chinesische Essen.
In gewisser Weise ist Trumps Verhalten für einen Staats- oder Regierungschef gar nicht so ungewöhnlich. Ein großer Staatsbesuch bringt immer ein gewisses Maß an Zeremoniell mit sich, und mit Rivalen wie Verbündeten gleichermaßen freundlich umzugehen gehört zum Job. Man könnte sogar argumentieren, dass es einer der wenigen Bereiche der Präsidentschaft ist, in dem Trump reüssiert – für besser oder schlechter: Der Mann liebt es, eine gute Zeit zu haben.
Beunruhigend ist jedoch, dass Trumps China-Reise einmal mehr zeigt, wie anfällig der Mann, der unser Land führt, für Schmeichelei und Spektakel ist. Dafür muss man kein China-Hardliner sein. Xi Jinping ist der Anführer der mächtigsten ausländischen Nation der Welt – und auch wenn Trumps aufgeräumte Art die Atmosphäre zweifellos entspannt, wirft sie die Frage auf, ob er in der Lage ist, die vielen Nadeln der internationalen Beziehungen korrekt einzufädeln.
Das Ende von Trumps Rundreise durch das chinesische Jahrhundert bestätigte genau das. Am Freitagmorgen veröffentlichte Trump eine surreale Erklärung, in der er Xi für dessen angebliche Aussagen über den Niedergang der USA freisprach – was für einen egomanischen Anführer wie Trump normalerweise ein absoluter Knackpunkt wäre – und die berechtigte Kritik im Wesentlichen auf die Biden-Regierung abwälzte.
„Incredible Guy“ Xi
„Als Präsident Xi sehr elegant auf die Vereinigten Staaten als möglicherweise im Niedergang befindliche Nation verwies, meinte er damit den enormen Schaden, den wir in den vier Jahren unter dem verschlafenen Joe Biden erlitten haben“, schrieb Trump. Bereits früher am Freitag hatte der Präsident Xi als „incredible guy“ gelobt.
Xis Charmeoffensive war damit offenbar ein voller Erfolg. Das schlägt sich in nahezu jeder öffentlichen Stellungnahme nieder, die seitdem aus dem Weißen Haus gekommen ist. Hier ist Trump an Bord der Air Force One, als er gefragt wird, ob er Xi für einen Diktator hält.
Sofortiger Schwenk zu Biden, keine Antwort auf die Frage. Zugegeben: „Halten Sie [Anführer einer wichtigen US-Rivalin] für einen Diktator?“ ist nicht gerade die präziseste oder nützlichste Frage im Repertoire des White House Press Corps. Die Antwort ist für die übergeordneten Ziele der Vereinigten Staaten im Grunde irrelevant und dient eigentlich nur dazu, dass ein US-Vertreter zeigen kann, wie sehr er als Falke oder Taube dastehen will. Trotzdem ist es nicht ideal, mit einem Angriff auf einen amerikanischen Präsidenten zu antworten. Trumps Antwort enthielt außerdem einen ziemlich komischen Irrtum darüber, wer den Iran-Atomdeal eigentlich ausgehandelt hatte – jenes Abkommen, das unter Präsident Obama, nicht Biden, zustande kam und eines der erfolgreichsten Kapitel der US-Diplomatie der vergangenen Jahrzehnte war.
Cyberangriffe und Taiwan
Dennoch gab es in dieser Gesprächsrunde noch eine weitaus relevantere Frage: Wie geht Trump mit Chinas wiederholten Cyberangriffen auf US-Einrichtungen um? „Das habe ich [mit ihm besprochen]“, sagte Trump. „Er hat über Angriffe gesprochen, die wir in China durchgeführt haben. Was die tun, tun wir auch.“
Auch das ist eine ehrliche Antwort – wir spionieren China tatsächlich massiv aus. Aber sie gibt einem unvoreingenommenen Beobachter kaum das Gefühl, dass der Präsident in der Lage ist, mit einer Rivalin echten Druck auszuüben (zumal Trump auch eine vergleichsweise unverbindliche Antwort darauf gab, ob er die vom Kongress beschlossene Verteidigungsvereinbarung mit Taiwan einzuhalten gedenkt).
Trumps lockere Haltung und seine Kumpelei mit Xi verdrießt sogar einige seiner treuesten Unterstützer. Hier ist Sean Hannity, sichtlich gereizt, als Trump sich weigert, ernsthaft auf die tatsächliche Rolle einzugehen, die China im Iran-Krieg spielt – und deren Einfluss auf den Iran stattdessen mit dem Argument abtut, dass sie wenigstens „nicht mit Waffen kommen“.
Erwachsene auf der anderen Seite
Wie wir in der Vergangenheit gesehen haben, kann Trumps Stimmung sich im Handumdrehen drehen: Routinegespräche werden zu angespannten Debatten, und dort, wo ein klügerer Staatsmann einen Kompromiss finden würde, entstehen Sackgassen. Es ist natürlich amüsant, zuzuschauen, wie unser polteriger Präsident und seine Entourage staunend vor den Insignien chinesischer Macht stehen (Trumps erste Truth-Social-Nachricht nach der Abreise am Freitag drehte sich darum, dass sie dort einen Ballsaal haben). Doch es verstärkt nur den schleichenden Verdacht, dass in einer der wichtigsten diplomatischen Beziehungen der Geschichte die einzigen Erwachsenen im Raum auf der anderen Seite des Tisches sitzen.