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Birgit Fuß fragt sich durchKolumne

Zum 80. Geburtstag von Cher: Die Umwerfende

Es ist nie zu spät, sich neu zu definieren. Was lässt sich von einer klugen Frau wie Cher lernen?

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Ihrem Gesicht wird man niemals ansehen, wie alt Cheryl Sarkisian ist – und das ist ihr verdammtes Recht! Am 20. Mai feiert Cher ihren 80. Geburtstag, und es gibt viele Gründe, diese Frau zu feiern. Ihr ebenmäßiges Gesicht ist dabei nur ein Nebenaspekt, und dass viele von uns sich vor allem daran erinnern, wie sie 1987 bei „Wetten, dass..?“ ihr knappes Kleid nicht tragen durfte, ebenso. Oft wurde Cher als Gesamtkunstwerk bezeichnet – und das stimmt auch. An den Operationen liegt das nicht, es liegt an ihrem Talent und ihrer Zähigkeit.

Jahrzehntelang musste sie um Anerkennung kämpfen. 1965 wurde sie als Teil des Duos Sonny & Cher berühmt, mit ihrem Mann sang sie Hymnen wie „I Got You Babe“ und „Bang Bang (My Baby Shot Me Down)“. Sie spielten lange die Verliebten, während er sie schlecht behandelte. Mitte der 70er-Jahre schaffte Cher den Absprung, wurde nebenbei auch noch eine berühmte Schauspielerin, in respektablen Blockbustern wie „Silkwood“ oder „Die Maske“. 1988 bekam sie den Oscar für „Mondsüchtig“.

Rekordhalterin Cher: in sieben Dekaden Nummer-eins-Hits

Über ihr sensationell erfolgreiches Comeback 1998 mit dem Auto-Tune-Horror „Believe“ wollen wir schweigen. Immerhin sorgte das Stück dafür, dass Cher den Rekord hält als einzige Künstlerin, die in sieben Dekaden einen Nummer-eins-Hit in den „Billboard“-Charts hatte. (Okay, Nebenkategorien wie Dance/Electronic Song mitgezählt, aber jetzt wollen wir mal nicht päpstlicher als der Papst sein.) Konzentrieren wir uns auf den Moment, als sie musikalisch auf dem Höhepunkt war – und damit meine ich nicht die Riesenkanone des Marineschiffs, auf der sie im „If I Could Turn Back Time“-Video saß, während junge Matrosen sie anhimmelten. „Heart Of Stone“ (1989) ist bis heute ein Mainstream-Rock-Album, auf dem alles zusammenkommt, was Mainstream-Rock eben so unwiderstehlich macht: große Melodien, großer Gesang, große Songzeilen zum Mitsingen und Merken. Alles ist auf Instant Gratification und gleichzeitig Unvergesslichkeit angelegt.

Cher war sich nie zu fein, Hilfe anzunehmen

Das Album war ein Gemeinschafts-Erfolg, mit dem Cher sich als neu definierte – als ROCKSTAR. Allerdings einer, der sich nie zu fein war, sich von begabten Leuten helfen zu lassen – auch das macht sie aus. Auf „Heart Of Stone“ besteht das Personal unter anderem aus Michael Bolton, der das Stück „You Wouldn’t Know Love“ mit schrieb, und ihrem damaligen Freund, dem Bon-Jovi-Gitarristen Richie Sambora. Er brachte für die Powerballade „Does Anybody Really Fall In Love Anymore?“ gleich noch seinen Sänger Jon Bon Jovi als Songwriter mit. Die Haupt-Hitlieferanten waren allerdings Diane Warren und Desmond Child – zwei Autoren/Komponisten, denen die 80er-Jahre sehr viel zu verdanken haben.

„If you’re so tough/ Come on and prove it/ Your heart is down for the count/ And you know you’re gonna lose it …“

Das beste Lied der beiden auf „Heart Of Stone“ ist zweifellos „Just Like Jesse James“. Noch heute läuft einem ein Schauer über den Rücken und gleichzeitig muss man lachen, wenn sie mit tiefer Stimme die ersten Zeilen singt: „You’re strutting into town like you’re slinging a gun/ Just a smalltown dude with a big-city attitude.“ Diese Frau lässt sich von keinem Angeber mehr etwas vormachen. Zeig mal her, was deine geladene Pistole kann, fordert sie. In dem Bolton-Stück wirft sie einem Typen vor, er würde die Liebe nicht mal erkennen, wenn sie ihm die Tür eintritt. Mit dem Peter-Cetera-Duett „After All“ endet das Album zwar versöhnlich, aber insgesamt hat sie damals mit 43, im besten Das-eigene-Leben-noch-mal-auf-den-Kopf-stell-Alter, „Bang Bang“ komplett gedreht. Es ist jetzt ihr Baby, das am Boden liegt, nicht umgekehrt. Cher lässt sich schon lange von niemandem mehr niederstrecken, sie ist ja selbst umwerfend.