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20 Jahre „Kid A“ von Radiohead: Melodiöse Anmut und Erhabenheit


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Thom Yorke hatte sich mit Ambient beschäftigt, mit Krautrock, Avantgarde, Klassik, Jazz – mit allem, nur nicht mit Rockmusik. Im Nachgang von „OK Computer“ litt der Sänger unter Depressionen und Schreibblockaden. Jegliche Melodie wollte er verbannen, Rhythmen, Patterns, Beats – und um Gottes Willen keine Gitarren verwenden!

Ohne Deadline und Songs begaben sich Radiohead ins Studio auf der Suche nach einer Zukunft für sich selbst und ihre Musik. Ein Pop-Exorzismus stand bevor, vielleicht sogar eine Auslöschung – „How To Disappear Completely“. Die Band arbeitete anderthalb Jahre in vier verschiedenen Studios, nahm über 30 Songs auf, und als „Kid A“ schließlich im Herbst 2000 erschien, war tatsächlich „Everything In Its Right Place“.

Everything In It’s Right Place

Jenes eröffnende Statement war auf verstörende Weise ebenso beklemmend wie brillant in seiner melodiösen Anmut und Erhabenheit. Das Radikalste an „Kid A“sind aus heutiger Sicht ohnehin Interims-Avantgardismen wie das an Eno erinnernde „Treefinger“ – die doch nur der verbindende Leim von „The National Anthem“, „Disapear“, „Optimistic“, „In Limbo“, „Morning Bell“ und all den anderen Kernstücken dieser Platte sind, die zwar strukturell Neuland betraten, aber auf ihr harmonisches Gerüst reduziert durchaus typisch für Radiohead waren und sind.

Konnte oder wollte kaum einer so sehen: Nick Hornby verglich das Werk im „New Yorker“ mit Loud Reeds „Metal Machine Music“ und schrieb von einem bewussten kommerziellen Selbstmord mit dem Ziel einer baldigen Kündigung des Plattenvertrags. Hat nicht funktioniert: „Kid A“ verkaufte sich sensationell, erreichte Platz eins in den USA, in UK und zahlreichen anderen Ländern, und schließlich gab es den Grammy für das beste Album des Jahres.

Majestätische Verzweiflungsgesänge

Das nur acht Monate später erschienene „Amnesiac“ war dann die Fortsetzung. Abermals wurden majestätische Verzweiflungsgesänge wie der „Pyramid Song“ von Klang-Collagen durchbrochen. Weniger radikal, kamen indes auch vereinzelt klassische Radiohead-Ingredienzien zum Einsatz wie etwa bei „Knives Out“.

Beide Werke waren nicht nur musikalisch ihrer Zeit voraus. Das Klaustrophobische, Verzweifelte, Paranoide dieser Musik nahm die durch den 11. September und die wirtschaftliche Entwicklung der Folgejahre ausgelöste Unsicherheit und Angst der Menschen vorweg. Sinngemäß erklärte Yorke, wenn „Kid A“ die Katastrophe war, sei „Amnesiac“ der Versuch einer Analyse.


Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Huren, Heuchler, Heilige

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