Rückblick 2025: Comeback des Britpop
Oasis und Pulp feiern große Comebacks, doch Nostalgie trifft auf Realität: Was bleibt von Britpop, wenn Emotionen und Geschäft kollidieren?
Jeder, der in diesem Sommer eine Stadionshow der Gallagher-Brüder besuchte, sprach hinterher vom „Konzert meines Lebens“. Die neue Pulp-Platte wiederum, „More“, stand auf Platz 1 der UK-Charts. Es ist ihr erstes Werk seit 2001, was bedeutet, dass sich alle Big-Four-Bands des Britpop – neben Oasis und Pulp noch Blur und Suede – erstmals seit 25 Jahren im Aktiv-Status befinden.
Britpop-Status und erste Einordnung
Zwei weitere Trivia. Mit Oasis hat die publikumsträchtigste Rock-Band des Jahres inmitten ihrer Setlist nur einen einzigen Song performt, der aus diesem Jahrtausend stand („Little By Little“, 2002). Und mit „More“ veröffentlichten Pulp erstmals seit 1996 im selben Jahr ein Album wie Suede („Antidepressants“).
Nostalgie ist wunderbar. Aber werden die Comebacks von Oasis und Pulp verklärt? Ein zweiter Blick ordnet die Dinge vielleicht ins Geschäftliche ein. Liam Gallagher, nicht mehr ganz bei Stimme, soll an „No Drinks“-Auflagen gebunden sein. Der angeschlagen aussehende Noel soll angeblich mit den Millionengewinnen seine Scheidung bezahlen. Ein Mitgrund für die Reunion? Rock’n’Roll, gesteuert durch Verbindlichkeiten? Eine Platte ist nicht in Sicht. Spätestens 2027, wenn alle Konzerte der „Oasis Live 25“-Tour absolviert sind, stellt sich die Frage, was von der Euphorie bleibt, wenn Liam und Noel sich wieder Soloprojekten widmen, die einen Bruchteil der Menschen begeistern.
Pulp haben mit „More“ ein introspektives, in vielen Momenten geflüstertes Alterswerk vorgelegt, das, wäre es im „Cool Britannia“-Jahr 1996 erschienen, der lauten Zeit von Lager-Bier, Heim-EM und „Trainspotting“, wohl kein Nummer-1-Album geworden wäre. Nur die Single „Spike Island“ beschert Retrogefühle, Jarvis Cocker besingt ein Konzert der Stone Roses von 1990, den Höhepunkt der Ecstasy-seligen Madchester-Bewegung. Oasis feiern auf ihren Gigs 120 Minuten lang die Neunziger.
Britpop-Nostalgie und neue Alterswerke
Auch „More“ ist, wie die Oasis-Reunion, kein reines „Labour of Love“. Die romantische Idee von vier Freunden, die sich nach Jahren der Trennung zusammenraufen und gemeinsam über Songtexte brüten, greift nicht – Cocker brachte die meisten Lieder mit, manche sind fast 30 Jahre alt. Sein letzter Hit war Jahrzehnte her: „Help the Aged“ von 1997, kein Solo-Song, sondern einer von Pulp.
Das (kurze) Britpop-Comeback hat uns etwas gelehrt: Jene von Feuilletonisten gefürchtete Rückkehr des Laddism in seiner toxisch männlichen Form, brüllen, grabbeln, sabbern, ist nicht eingetreten. Bei Oasis-Konzerten haben unzählige Männer vor Rührung geweint. Weil sie nicht die sein können, die sie mal waren – oder gern gewesen wären.