George Martin: Die Kompositionsgeheimnisse der Beatles-Legende

Das Buch „George Martin: The Scores“ zeigt erstmals originale Partituren des Beatles-Produzenten – ein einzigartiger Blick auf sein Werk.

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George Martin wurde als Produzent der Beatles zur legendärsten Figur seines Fachs – ein Studiozauberer, der gemeinsam mit vier jungen Musikern aus Liverpool die Musikgeschichte verwandelte. Nun ist sein musikalisches Werk in einem aufwendig gestalteten neuen Buch versammelt: „George Martin: The Scores“, das im April beim Verlag Curvebender erscheint (der Verlag für den deutschsprachigen Raum ist noch nicht bekannt).

Es ist die erste Sammlung seiner Musikmanuskripte und öffnet erstmals seine persönlichen Archive. Das Werk ehrt den verstorbenen Sir George Martin anlässlich seines 100. Geburtstags. Er wurde am 3. Januar 1926 geboren.

Das dreibändige Buch enthält dutzende originale handschriftliche Partituren zu Klassikern wie „Strawberry Fields Forever“, „A Day in the Life“, „Here Comes the Sun“, „Yesterday“, „Live and Let Die“ und vielen weiteren Stücken. Zudem gibt es ein Vorwort von einem seiner größten Bewunderer und engsten Weggefährten: Paul McCartney.

Ein Kunstbuch aus Noten

George Martins Sohn Giles Martin, selbst ein vielfach ausgezeichneter Produzent, sagt gegenüber ROLLING STONE: „Es ist, wenn man so will, ein Kunstbuch, denn seine Partituren sind sehr schön. Da ist eine Fließbewegung. Es hat eine besondere Lebendigkeit, diese Musik auf dem Papier zu sehen.“

„The Scores“ ist ein Projekt, das in den letzten Lebensjahren des Produzenten begann, noch vor seinem Tod im Jahr 2016. „Es war ein sehr bewegendes Projekt“, sagt Giles Martin. „Es war eine Idee, die ich gemeinsam mit den Leuten von Curvebender hatte. Als mein Vater krank war, dachte ich, das wäre etwas Gutes, um ihn bei Laune zu halten. Ein Buch mit seinen Partituren.“

Arbeit bis zuletzt

Martin war trotz seines sich verschlechternden Gesundheitszustands intensiv in das Projekt eingebunden. „Er mochte die Idee. Und dann ist er gestorben. Ich meine, er war 90“, sagt Giles Martin. Doch der Produzent durchforstete seine Archive gründlich. „Im Grunde ist es eine Auswahl seiner Partituren, die wir genommen und perfekt reproduziert haben – so, wie damals schon die Partitur von ‚Yesterday‘. Es ist ein Buch mit seinen Noten und Kommentaren – ein tiefer Einblick in jedes Arrangement, in seine Entstehungsgeschichte und in die Frage, wie es umgesetzt wurde.“

Es handelt sich um jene Manuskripte, die Martin nach den Aufnahmesessions aufbewahrte. Da sie seine Arbeitsnotizen im Studio waren, enthalten sie handschriftliche Änderungen und bieten einen unmittelbaren Blick auf seinen kreativen Prozess. Einige zeigen alternative Arrangement-Ideen, die es nicht in die endgültigen Fassungen schafften. Zum Buch gehört außerdem ein Album mit orchestralen Neueinspielungen seiner Partituren, die ein besonders genaues Hinhören ermöglichen. Die Aufnahmen entstanden in Studio Two der Abbey Road Studios. Jenem Raum, in dem Martin mit den Beatles Musikgeschichte schrieb.

Luxusausgaben für Sammler

Die Standardausgabe enthält einen USB-Stick mit Audiodateien. Die Deluxe Edition kommt in einer Schatulle und umfasst eine CD, einen Taktstock für Dirigenten, eine eigenständige Reproduktion einer Martin-Partitur sowie eine Blu-ray mit Dokumentaraufnahmen der Neueinspielungen in den Abbey Road Studios. Für besonders ambitionierte Sammler gibt es zudem eine limitierte Signature Edition, die persönlich von George Martin signiert wurde. Eer unterzeichnete sie zu Beginn des Projekts, erlebte das fertige Buch jedoch nicht mehr. Alle drei Editionen sind ab sofort bei Curvebender vorbestellbar.

Sir George – von der Band stets respektvoll „Mr. Martin“ genannt – war der Produzent, der John, Paul, George und Ringo unter Vertrag nahm. Doch mehr noch: Er traf die mutige Entscheidung, ihnen zu erlauben, ihre eigenen Songs zu schreiben – im damaligen Popgeschäft nahezu undenkbar. Sein Hintergrund lag in der klassischen Musik. „Ich bin kein Rock-&-Roll-Mensch“, sagte er einmal. „Ich mochte Rollkragenpullover. Mag ich immer noch. Und ich habe eine Schwäche für den einen oder anderen Blazer. Aber es war eine bewusste Entscheidung von mir, mich nicht anzupassen, indem ich mich ihnen nicht anschloss. Ich ließ mir die Haare erst wachsen, nachdem die Beatles vorbei waren.“

Der Architekt des Beatles-Sounds

Doch es war seine Expertise, die der Band half, sich weiterzuentwickeln und zu experimentieren – und ihre verrücktesten Ideen im Abbey Road Studio Wirklichkeit werden zu lassen. Ein berühmtes Beispiel: Er komponierte und spielte das Klaviersolo in „In My Life“ selbst und beschleunigte es anschließend, sodass es beinahe wie ein Cembalo klingt. Von „Yesterday“ über „Eleanor Rigby“ bis „I Am the Walrus“ waren seine Orchestrierungen ein wesentlicher Bestandteil des Beatles-Sounds.

„Es ist wunderschön, das auf dem Papier zu sehen, in seiner Handschrift“, sagt Giles Martin. „Für einen großen Mann schrieb er sehr kleine Noten.“ Doch diese Noten schrieben Musikgeschichte. „Wenn man es niedergeschrieben sieht, wird einem klar, dass niemand diese Musik hören konnte – nicht einmal er selbst –, bevor sie gespielt wurde. Und jetzt ist es umgekehrt: Man sieht die Musik, die gespielt wurde.“

Rob Sheffield schreibt für den ROLLING STONE USA. Hier geht es zum US-Profil