Philip Glass cancelt Kennedy Center: „Nicht mit meinem Werk vereinbar“

Philip Glass sagt die Premiere seiner „Lincoln“-Sinfonie im Kennedy Center ab und kritisiert den politischen Kurs der Institution scharf.

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Philip Glass hat die Uraufführung seiner neuen Sinfonie „Lincoln“ im Kennedy Center abgesagt. Begründung: Die heutigen Werte der Institution stünden im direkten Widerspruch zur Aussage des Werks.

Absage nach politischem Kurswechsel

Philip Glass zog die Premiere seiner Sinfonie Nr. 15, „Lincoln“, aus dem Kennedy Center zurück, nachdem US-Präsident Donald Trump die Kontrolle über die Institution übernommen hatte. Das Werk, das gemeinsam vom National Symphony Orchestra und dem Kennedy Center in Auftrag gegeben worden war, sollte im Juni seine Weltpremiere feiern.

In einem Schreiben erklärte Glass, die Sinfonie sei „ein Porträt von Abraham Lincoln“. Zugleich stellte er fest: „Die Werte des Kennedy Center stehen heute in direktem Konflikt mit der Botschaft der Sinfonie.“

„Verpflichtung zum Rückzug“

Glass führte weiter aus: „Daher sehe ich mich verpflichtet, die Premiere dieser Sinfonie unter der aktuellen Leitung des Kennedy Center zurückzuziehen.“

In einer Stellungnahme gegenüber ROLLING STONE reagierte Kennedy-Center-Sprecherin Roma Daravi scharf: „Für Politik ist in der Kunst kein Platz. Wer aus politischen Gründen zu Boykotten aufruft, trifft die falsche Entscheidung. Wir haben keine einzige Show abgesagt. Linke Aktivisten drängen Künstler zu Absagen, doch das Publikum will, dass Künstler auftreten und schaffen – nicht unter dem Druck politischer Insider absagen, die von Spaltung profitieren.“

Reaktionen des National Symphony Orchestra

Jean Davidson, Geschäftsführerin des National Symphony Orchestra, erklärte: „Wir haben große Bewunderung für Philip Glass und waren überrascht, von seiner Entscheidung zeitgleich mit der Presse zu erfahren.“

Die Schärfe von Glass’ Schritt gewinnt zusätzliches Gewicht durch die inhaltliche Grundlage der Sinfonie. Inspiriert wurde „Lincoln“ von Lincolns berühmter Lyceum-Rede aus dem Jahr 1838, gehalten lange vor seiner Präsidentschaft.

Warnung vor Gewalt und Machtmissbrauch

In der Rede warnte Lincoln vor den Gefahren von Mobgewalt. Er bezog sich auf mehrere damalige Morde und Lynchjustiz, ausgeübt von sklavenfreundlichen Mobs. Zugleich sprach er über die Bedrohung, die solche Gruppen – ebenso wie ehrgeizige Politiker, die sie kontrollieren wollten – für Regierung und Verfassung der Vereinigten Staaten darstellen könnten.

Glass integrierte Passagen aus dieser Rede in das Libretto von „Lincoln“, darunter folgendes Zitat: „Die Gesetzlosen im Geiste, die die Regierung als ihren tödlichsten Feind betrachtet haben, feiern ein Jubelfest über die Aussetzung ihrer Wirksamkeit. Es gibt kein Unrecht, das ein geeignetes Objekt für Wiedergutmachung durch Mobgesetz wäre. Wir hoffen, dass alle Gefahren überwunden werden können, doch irgendein von Ehrgeiz besessener Mann wird unter uns aufsteigen. Auszeichnung wird sein oberstes Ziel sein, und da es nichts mehr aufzubauen gibt, wird er sich kühn der Aufgabe widmen, niederzureißen.“

Wachsende Zahl prominenter Absagen

Die Absage von „Lincoln“ macht Philip Glass zu einer der prominentesten Persönlichkeiten, die in den vergangenen Monaten Auftritte oder Veranstaltungen im Kennedy Center gestrichen haben. Die Kritik begann bereits Anfang des vergangenen Jahres, nachdem Trump den Vorstand des Hauses auflöste, mit Vertrauten neu besetzte und sich selbst zum Vorsitzenden ernannte.

Eine weitere Welle folgte Ende des Jahres, als der Vorstand einer rechtlich umstrittenen Umbenennung zustimmte: „The Donald J. Trump and the John F. Kennedy Memorial Center for the Performing Arts“.

Weitere Künstler ziehen Konsequenzen

Zu den weiteren Absagen zählen Auftritte von Renée Flemming, Béla Fleck, der Folk-Sängerin Kristy Lee sowie eine zehnjährige Jubiläumsserie des Musicals „Hamilton“.

Jon Blistein schreibt für den ROLLING STONE USA. Hier geht es zum US-Profil