Chappell Roan Grammys 2026: Anatomie eines durchdachten Konzept-Looks

Transparentes Mugler-Kleid, mittelalterliche Tattoos, zwei komplett unterschiedliche Welten: Chappell Roan bewies bei den Grammys 2026, dass roter Teppich Kunst ist. Der Look erklärt.

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Bei der 68. Grammy-Verleihung am 1. Februar gehörte Chappell Roan zu den Künstlerinnen, über die am meisten gesprochen wurde – weniger wegen der Trophäen, dafür umso mehr wegen ihrer kompromisslosen Ästhetik. Die Sängerin, die für zwei Auszeichnungen nominiert war, erschien in einem transparenten Mugler-Kleid, das durch aufwendig gestaltete temporäre Tattoos zu einem der visuell eindrucksvollsten Momente des Abends wurde.

Roan bewies einmal mehr, dass sie den roten Teppich als Bühne begreift – nicht für bloßen Glamour, sondern für Erzählungen. Eine Konzept-Erklärung.

Mittelalterliche Fantasie als ästhetisches Konzept

Verantwortlich für das visuelle Gesamtbild war Make-up Artist Andrew Dahling, der gemeinsam mit MAC Cosmetics ein bewusst reduziertes Beauty-Konzept entwickelte. Ziel war es, die Tattoos nicht zu überlagern, sondern ihnen Raum zu geben. Dahling erklärte der Presse: „Sobald die Tattoos ins Spiel kamen, bekam alles eine mittelalterliche Dimension – aber auf authentische Weise.“ Die Motive wirkten weniger wie Verzierung als vielmehr wie Teil einer in sich geschlossenen Fantasiewelt, die historische Referenzen mit moderner Pop-Ikonografie verband.

Chappell Roan bei den Grammys
Chappell Roan bei den Grammys

Einige Beobachter:innen deuteten einzelne Motive der Körperbemalung symbolisch. So wurde etwa ein Pony-Motiv im Brustbereich als mögliche Referenz auf Roans Song „Pink Pony Club“ gelesen, einen der zentralen Titel ihres bisherigen Schaffens.

Abseits des inszenierten Grammy-Looks trägt Chappell Roan auch echte Tattoos. Dazu zählt unter anderem ein Schwan-Motiv am Unterarm, dem sie selbst eine persönliche Bedeutung zuschreibt und das mit aktuellen künstlerischen Inspirationen der Musikerin in Verbindung steht.

Chappell Roan bei den Grammys
Chappell Roan bei den Grammys

Zurückhaltung als Stilmittel

Im Kontrast zu Chappell Roans sonst oft exzentrischen Glam-Looks entschied sich das Team diesmal für bewusste Zurückhaltung. Dahling beschreibt die Herangehensweise laut „Marie Claire“ wie folgt: „Es war so viel los – die Tattoos, die Prothesen, all diese Details. Wir wollten, dass alles zusammenpasst und die Welt, die wir geschaffen haben, respektiert wird.“

Rauchige, aber weich gehaltene Augen, dezente Metallic-Akzente und ein zurückgenommenes Nude-Rot auf den Lippen sorgten dafür, dass Schmuck, Texturen und Silhouetten im Mittelpunkt blieben.

Ein zweiter Look, eine andere Stimmung

Chappell Roan bei den Grammys
Chappell Roan bei den Grammys

Später am Abend zeigte sich Roan in einem zweiten Outfit: ein fließendes, engelsgleich drapiertes Kleid mit kühlerer Anmutung. Das Make-up wurde entsprechend angepasst – Lavendeltöne, metallische Highlights und dramatische Schattierungen erzeugten eine neue Atmosphäre, ohne die Grundidee von kontrollierter Coolness zu verlassen. Auch hier ging es weniger um Effekte als um Haltung.

Zwischen Pop-Theater und nächstem Karriereschritt

Musikalisch befindet sich Chappell Roan derzeit in einer Phase der Neujustierung. Nach dem Erfolg ihrer letzten Veröffentlichungen arbeitet sie an neuem Material, das laut Interviews persönlicher und zugleich experimenteller ausfallen soll. Themen wie Identität, Begehren und Selbstinszenierung bleiben zentral, werden aber stärker mit elektronischen und theatralen Elementen verknüpft. Roan denkt Pop nicht als Produkt, sondern als Gesamtkunstwerk – eine Haltung, die sich auch in ihren visuellen Entscheidungen widerspiegelt.

Grammys ohne Trophäe – aber mit Wirkung

Auch wenn Chappell Roan ihre Nominierungen am Ende nicht in einen Grammy ummünzen konnte, war ihr Auftritt ein Statement. In einer Preisverleihung, die oft auf sichere Bilder setzt, nutzte sie die globale Bühne für einen künstlerischen Entwurf, der sich gängigen Erwartungen entzog. Manchmal, so zeigte dieser Abend, liegt der nachhaltigere Sieg nicht im Gold, sondern in der Erinnerung.

Brianna Bryson WireImage
Amy Sussman Getty Images
Kevin Winter Getty Images for The Recording A