Kurz vor Weihnachten, am 12. Dezember 2015, schenkte Prince der Welt eine Überraschung. Er veröffentlichte das Album „Hit and Run Phase Two“. Wer es auflegte, hörte, ohne es zu ahnen, nach rund 55 Minuten die letzten Worte, die Prince zu Lebzeiten veröffentlichte: „The Big City so pretty / Oh yeah / Taking back the lane give it to the next man, plane / Foxy and you what you wanna do?“
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Die Übersetzung ins Deutsche ergibt wenig Sinn, zumal Prince seine Lyrics oft im Bewusstseinsstrom formulierte; spielerisch aneinandergereihte Wörter im Funk-Groove, hier in einer Erzählung über junge Menschen mit großen Träumen in großen Städten.
So ganz vorbei war der Song aber noch nicht. „Big City“ endet mit diesen zwei Worten: „That’s it“. Und es folgt ein weiteres Ende. Eine 45-sekündige Stille als programmierter Abschluss des Lieds. Eine beabsichtigte lange, inszenierte Stille, damit Hörer dem Album auch dann noch zugewandt bleiben, wenn die Musik längst verstummt ist.
131 Tage später
Und dann ist „Hit and Run Phase Two“ wirklich vorbei. That’s it.
131 Tage später ist Prince tot. Mitarbeiter finden ihn leblos in einem Fahrstuhl im Paisley Park, seinem Studio- und Wohnkomplex in Minneapolis. „Hit and Run Phase Two“, der Nachfolger des gerade mal im September 2015 erschienenen Albums „Hit and Run Phase One“, wurde zu seinem Vermächtnis. Ein ungeplantes Vermächtnis, denn anders als die finalen Platten der todkranken Freddie Mercury („Innunendo“) oder David Bowie („Blackstar“) waren die „Hit and Run“-Alben keine geplanten Abschiedswerke. Prince‘ Tod am 21. April 2016 war ein Unfall, er starb durch eine versehentliche Überdosis Fentanyl.
23 Songs, alles Prince
„Phase One“ und „Two“ enthielten keine Abschiedsbotschaften, aber sie enthielten in 23 Songs alles, was Prince seit Karrierebeginn 1978 ausgezeichnet hatte. Soul, Romanze, Petting, Eifersucht, Sex, Party, aber auch Signale an eine Welt, die ihm Sorge bereitete. „Phase One“ beginnt sogar wie eine Best-of von Prince, arrangiert allein im Eröffnungslied „Million $ Show“: Auf ein Multi-Stimmen-Sample aus seinem Debütalbumstück „For You“ folgt ein Sample der berühmten „1999“-Intro-Ankündigung „Don’t worry, I won’t hurt you“, und schließlich die noch berühmtere, feierliche Kirchenorgel-Einleitung aus „Let’s Go Crazy“.
Wie eine letzte Werkschau vor dem Ableben also. Die Pointe besteht darin, dass Prince in der Nabelschau von „Million $ Show“ als Sänger seine Gesangspartnerin Judith Hill nur flankiert, er selbst ist kaum zu vernehmen. Auch Rita Ora („Ain’t About To Stop“), Curly Fryz („Like a Mack“) und Lianne La Havas („Mr. Nelson“) singen mit. Und Prince stellt die Drei nicht einfach aus, denn im Laufe der Jahre ähnelten seine Duette immer mehr Freestyles, in denen er staunt und beobachtet.
Das swingende „Mr. Nelson“ (sein Geburtsname ist Prince Rogers Nelson) besteht allein aus der wiederholten, verzerrt vokalisierten Anrede „Mr. Nelson“ sowie der Zeile: „We don’t need no clouds, no / Where you are now / Is a place that does not require time.“ In Anbetracht seines baldigen Ablebens eine traurige, aber auch friedvolle Beschreibung.
Die Vorabsingle „Fallinlove2nite“ ist Classic Prince: Vollmondnacht, zwei Menschen tanzen und verlieben sich, dazu der Wunsch, nebeneinander aufzuwachen und dann zu sehen, was der Tag bringt. Typisch Prince ist auch, dass er die Sache bis zum Ende denkt – er beschreibt die Veränderung körperlicher Zustände („‘bout to go hard“) ebenso wie den Anspruch, allein deshalb auch alle anderen Menschen beglücken zu können, also auch die, die gar nicht mit ihm in die Kiste wollen – „y’all ready for me!“.
Seven-Inch in ROLLING STONE 01/2026
„Fallinlove2nite“ ist der ROLLING-STONE-Ausgabe 01/2026 als weltexklusive Seven-Inch-Single beigelegt, mit dem durch schwere Wah-Wah-Effekte getragenen Albumstück „Hardrocklover“ als B-Seite.
Für „Hit and Run Phase Two“ arbeitete Prince eng mit Chris James zusammen. Der in Memphis geborene Musiker nahm für diese Platte, als auch die Prince-Werke „Plectrumelectrum“ und „Art Offical Age“, eine Rolle ein, die nach Prince-Maßstäben einer Art Kronprinzenstatus entsprach: James fungierte als sein Toningenieur.
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Toningenieure haben immer lustige Geschichten über Prince zu erzählen. Sie mussten ständig erreichbar sein, weil der Meister zu jeder Tages- und Nachtzeit aufnehmen wollte; Life-Work-Balance als gigantische Herausforderung. Der Garmisch-Partenkirchener Hans-Martin Buff etwa, der unter anderem das „Emancipation“-Album von 1996 betreute, erzählte von den wortkargen Instruktionen des Prince, der seine magischen Ideen nie erklären wollte: „Einfach diesen Knopf am Mischpult um drei Level nach rechts drehen.“
Susan Rogers, die für das Meisterwerk „Sign O‘ The Times“ an den Reglern saß, schwieg beschämt zur Aufnahme von „The Ballad of Dorothy Parker“, dessen dumpfer Sound von ihr verursacht wurde, weil sie das Lied bei einer Überspielung falsch entzerrte. Aber Prince war begeistert, hielt dies für einen bewussten Lo-Fi-Effekt und nahm die Ballade mit diesem Klangbild aufs Album.
Chris James über ständige Bereitschaft
„Es gab viele Herausforderungen bei der Arbeit mit Prince“, sagt auch Chris James. „Die größte Herausforderung war auch hier, sich an die zufälligen Anforderungen von jemandem anzupassen, der sich nicht an normale Arbeitszeiten halten konnte. Wenn die Inspiration kam, und sie kam ständig, rief er mich zu allen Tages- und Nachtzeiten aus dem Country Inn zu sich.“
James habe nie gewusst, welche Instrumentierung oder welche Vibes involviert sein könnten. „Akustische Drums oder Drumcomputer aufzunehmen, Klaviere oder Synthesizer, Gitarren oder Bass – ohne eine andere Person außer mir selbst? Das erforderte ein Maß an ständiger Bereitschaft, das nicht so notwendig war, als ich mit Frank Ocean, Ashanti oder Paramore arbeitete.“
Diese Konzentration auf den Moment der Aufnahme stand im Kontrast zu den Rahmenbedingungen, unter denen Prince Mitte der 2010er-Jahre arbeitete. Während im Studio maximale Kontrolle herrschte, geriet das Geschäftsmodell, auf dem seine Karriere jahrzehntelang aufgebaut hatte, zunehmend unter Druck. Unter sinkenden Plattenverkäufen hatten seit dem Siegeszug digitaler Musikdistribution ab Mitte der Nullerjahre und der Eröffnung des iTunes-Stores alle großen Künstler zu leiden.
Kontrolle im Studio, Druck im Geschäft
Im Jahr 2004 war Prince – nach Jahren mittelmäßiger Alben, Streit mit dem Label und dem Versuch einer Neuerfindung als „The Artist formerly known as Prince“ (TAFKAP) – mit „Musicology“ zwar ein Comeback gelungen. Aber zum Legacy-Künstler wurde er durch klug ausgesuchte Auftritte in ungewohnten Umgebungen.
Bei der posthumen Einführung George Harrisons in die Rock and Roll Hall of Fame stand Prince für eine Live-Darbietung von „While My Guitar Gently Weeps“ neben Tom Petty, Steve Winwood, Jeff Lynne und Dhani Harrison auf der Bühne, spielte ein ungeplant langes Gitarrensolo und ließ sich auch nicht durch dezente Signale Pettys (sein einsetzender Backgroundgesang) unterbrechen.
Aus der Hommage an ein Beatles-Lied wurde eine selbstvergessene Prince-Fanfare, was überangestrengte Kritiker auch als emanzipatorischen Akt gegenüber dem weißen Mann, der die Musikindustrie lange genug beherrscht hatte, verstanden wissen wollten. Am Ende schmiss Prince seine Gitarre über seinen Kopf und verschwand wortlos von der Bühne. Petty, Winwood, Lynne und George Harrisons Sohn konnten zusehen, wie sie allein ihren Abgang gestalten.
Chris James erkannte in dem Auftritt in der Ruhmeshalle des Rock eher eine „subtile Ironie“: „Prince ließ die Leute das Original vergessen. Ich durfte solche Auftritte im Studio und bei Proben die ganze Zeit hören – einige davon wurden bis heute von keiner anderen lebenden Person gehört.“
Es folgten nicht minder gefeierte Auftritte wie mit Beyoncé bei den Grammys 2004, ein Headliner-Gig des für Festivalstippvisiten nicht bekannten Prince in Coachella 2008 und Roskilde 2010 sowie seine Performance in der Halbzeitshow des Super Bowls 2013, in vielen Kritikerlisten als beste Halbzeitshow-Performance aller Zeiten bezeichnet. Er spielte „Purple Rain“ im strömenden Regen Miamis und wandelte auf seinen Stilettos wie ein Geist über die glitschigen Laufstege, wohl wissend, dass er niemals ausrutschen würde, weil jemand da oben über ihn wacht.
Diese Reisen machten Prince nicht nur einer neuen Generation von Fans bekannt, sondern erinnerten an das, was viele, irritiert durch die Jahre seiner eigenen Selbstfindung, vergessen hatten: dass Prince ein Bühnenkünstler ist, der jeden elektrisiert, ob im Saal einer Preisverleihung oder einem Footballstadion.
Triumphzüge der 2000er und 2010er
Die Zehnerjahre wiederum verliefen turbulent für Prince. Mit „20Ten“ gelang ihm ein Coup, weil er das Album weltweit diversen Zeitungen oder Zeitschriften beilegen ließ (in Deutschland dem ROLLING STONE), was nicht nur die Zeitungsauflagen massiv erhöhte, sondern natürlich auch seine Musik in etliche Haushalte mehr beförderte. Dann geschah etwas, von dem man sich vorstellen muss, dass Prince schwer darunter litt, auch wenn er sich dazu nur vage geäußert hat: Vier Jahre lang kein Studioalbum.
Was hat Prince in dieser Zeit bloß getrieben? Enttäuscht sei er von der Musikindustrie, gab er zu Protokoll. Er glaube nicht mehr an das Album als entscheidenden Verkaufsträger, um seine Lieder optimal vertreiben zu können. Eine Alternative aber fiel ihm auch nicht ein. Was soll man sagen: Prince behauptete auch mal, „The Internet ist Dead“, und stellte anschließend mehrere Batzen Songs ins Netz. Prince war entgegen vielen Behauptungen kein Perfektionist – er haute am liebsten sofort alles raus, was er aufnahm, mitsamt Fehler, was im Webzeitalter noch leichter ging. Nur ein Album, das ließ auf sich warten.
2014: Zwei Alben, neue Band, neuer Afro
Prince veröffentlichte 2014 dann gleich zwei Platten, „Plectrumelectrum“ und „Art Official Age“ und stellte mit 3rdEyeGirl ein neues, nie zuvor präsentiertes Live-Band-Arrangement vor: zwei Gitarren, Bass, Schlagzeug, er als alleiniger Mann unter drei Frauen, Donna Grantis, Ida Nielsen, Hannah Welton. Zudem traf Prince eine politische Entscheidung, die er rein über sein Äußeres kommunizierte. Prince trug einen Afro, wie zuletzt 1978. Natural Hair als Hinweis auf Identität, Widerstand und kulturelle Selbstbestimmung. Den Afro trug er gar bis zu seinem Tod, also noch zwei weitere Jahre. Für Prince, der normalerweise zu jedem neuen Album einen neuen Look präsentiert, ein außergewöhnlich langes Commitment.
Das Jahr 2015 begann für ihn mit einer kurzen, aber viel zitierten Rede bei den Grammys. Prince war Präsentator des „Album des Jahres“ und sagte mit fester, wenn auch ungewohnt vorsichtiger Stimme: „Albums … remember those? Albums still matter. Albums, like books and black lives, still matter.“
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Es enthielt alles, wofür Prince in jener Ära stand. Zweifel und Widerspruch – taugt das Albumformat also doch noch etwas? Viel wichtiger aber sein Wunsch nach Gerechtigkeit – es darf nicht sein, dass Weiße Menschen Schwarze Menschen töten, allein weil sie leicht damit durchkommen. Prince hielt ein friedvolles Zusammenleben für möglich. Er selbst hatte viele Jahre zuvor eine scheinbar undurchlässige Grenze überwinden können, indem er der erste Schwarze Rockstar wurde, der das weiße MTV-Publikum für sich einnahm (und dabei auch noch Strapse und High Heels trug).
„Black Lives Matter“ als Echo im Saal
Der Saal im Staples Center von Los Angeles bebte. Als Beck wenige Sekunden später auf die Bühne kann um den Preis für „Morning Phase“ als Album des Jahres von ihm entgegenzunehmen, strahlte er, denn er ist ein Fanboy von Prince. Aber „Black Lives Matter“ waren die Worte, die hängen blieben.
Die „Black Lives Matter“-Protestbewegung wurde 2013 als Reaktion auf den strukturellen Rassismus innerhalb amerikanischer Polizeibehörden gegründet. Innerhalb weniger Monate starben die Afroamerikaner Freddie Gray, Eric Carner und Michael Brown durch Polizeigewalt. Prince war schockiert. Besonders der Tod von Freddie Gray setzte ihm zu. Gray, 25, wurde wegen Waffenbesitzes in Baltimore festgenommen und auf die Wache gebracht. Er starb dort an einer schweren Rückenmarksverletzung, die er während seiner Fahrt im Polizeitransporter erlitt.
Wenige Wochen nach seinem Tod organisierte Prince im Paisley Park das Spendenkonzert „Dance Rally 4 Peace“ und in Baltimore den „Rally 4 Peace“-Auftritt, für den er die oberste Staatsanwältin der Stadt Marilyn Mosby für eine Rede gewinnen konnte. Er selbst spielte ein Solo-Set am Keyboard; vielleicht hat das seine Lust an der „Piano and a Microphone“-Tournee geweckt, zu der er im Februar 2016 aufbrechen würde. Der letzten Konzertreise seines Lebens.
Als Prince im Mai 2015 den Song „Baltimore“ veröffentlichte, stand das Gerichtsurteil gegen die sechs Beamten, die Gray misshandelt haben sollen, noch nicht fest: dreimal Freispruch, zweimal Anklage fallen gelassen, einmal Ende des Gerichtsverfahrens wegen Uneinigkeit in der Jury. Wut und Fassungslosigkeit im ganzen Land, vor allem unter Afroamerikanern. Sie gingen auf die Straße.
Prince und Politik: selten, aber treffsicher
Prince ist nicht für seine politischen Songs berühmt. „Purple Rain“, „Raspberry Beret“, „Cream“, „Batdance“ und „When Doves Cry“ skizzieren nicht die Weltlage. „Kiss“ von 1986 war – unfreiwillig – politisch, weil er darin Frauen exakte Vorschriften erteilte, wie sie zu sein haben, um ihm zu gefallen; der „Purple Rain“-Kinofilm zwei Jahre zuvor zeigte, wie eine quengelnde Frau in einen Müllcontainer gestopft wurde.
Bei Themen, die über ihn selbst hinausgingen, traf Prince jedoch immer den richtigen Ton. Der Angst vor einem Atomkrieg setzte er irre Party-Hymnen entgegen („1999“), die Crack-Pandemie der Reagan-Jahre illustrierte er mit technoiden Beats („Sign O‘ The Times“), den Niedergang der Motorcity Detroit mit Rhythmen, die wie absaufende Autos klangen („Dance On“).
„Baltimore“ ist eine versöhnliche, geradezu freundliche Polit-Ballade – warum sollte Prince sich auch anmaßen, im Namen Freddie Grays Zorn oder Rache zu äußern? „Does anybody hear us pray / For Michael Brown or Freddie Gray? Peace is more than the absence of war “. Harte Worte fand dagegen Ex-Pavement-Kopf Stephen Malkmus in seiner wütenden Psychedelia-Hymne „Bike Lane“, drei Jahre nach Prince: „The cops that killed Freddie / Sweet young Freddie Gray / Got behind him with the trenchant / And choked the life right out of him / His life expectancy was max 25.“
Prince Ode an Freddie Gray ist ein eher hippieskes Friedenslied ohne Feindzuschreibung, ein Lied mit Ich-Botschaften statt Forderungen. Weniger als ein Jahr vor seinem Tod hat Prince es tatsächlich geschafft, eines der bedeutendsten Stücke seiner Karriere aufzunehmen.
Seven-Inch in „Musikexpress“ 02/2026
„Baltimore“ liegt dem „Musikexpress“, der wie ROLLING STONE im Mediahouse Berlin erscheint, in der Ausgabe 02/2026 als weltexklusive Seven-Inch-Single bei, mit dem „Hit and Run Phase Two“-Albumsong „Stare“ als B-Seite.
Ergänzen sich beide Alben zu einem großen Ganzen? Zeigen sie „die zwei Seiten des Prince“? Eher nicht. Natürlich ist „Phase One“ etwas mehr sexy, während „Phase Two“ in eben jenem „Baltimore“ oder in „Black Muse“ Fragen nach Identität und Selbstbestimmung stellt.
Aber die Zwillingsalben erinnern an „Use Your Illusion I“ und „II“, erschienen 24 Jahre zuvor. Guns N‘ Roses haben 30 zum Teil spektakuläre Lieder über zwei Alben ausgegossen und zugesehen, dass die Hits gleichmäßig verteilt sind (mit „Human Touch“ und „Lucky Town“ hatte Bruce Springsteen kurz darauf dasselbe mit 30 leider zum großen Teil unspektakulären Liedern versucht). Prince stand nicht für Polaritäten, nicht für Sex vs. Liebe, Gottglaube vs. Rationalität, „schwarze Musik“ vs. „weiße Musik“. Sondern für Fluidität, einer Vereinbarkeit von Zuständen. Kennzeichen seiner Gemeinde war, dass er niemanden ausschloss. Und er bot seiner Gemeinde alles überall auf einmal.
Kassetten, „God“ und „We Can Fuck“
In Prince‘ Probe- und Studioräumen türmten sich Massen von übereinandergestapelten Tonbändern und Kassetten. Nicht nur die Regale waren voll, auch auf dem Boden lagen Datenträger. Deren Beschriftungen lasen sich wie Tagebuchausschnitte, Stimmungs- und Reflexionsbarometer. Unter einer mit „God“ beschrifteten Kassette lag eine, die „We Can Fuck“ betitelt war – das Miteinander von Religion und Sexualität.
Diese ästhetische Offenheit bedeutete im Studio jedoch keineswegs Beliebigkeit. Chris James erzählt von der militärischen Strenge, die Prince von seinen Mitstreitern erforderte: „Er erwartete hohe Funktionalität und konnte unhöflich und ungeduldig sein, wenn Dinge, die für ihn offensichtlich waren, nicht sofort für einen selbst offensichtlich waren. Manchmal war es wie Rätsel in Echtzeit zu lösen – an manchen Tagen war deine Lösung punktgenau, an anderen Tagen weniger“. James lacht.
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„Gedankenlesen war manchmal stressig für mich – vielleicht unterhaltsam für ihn. Prince erforschte wohl die Grenzen meines Hintergrunds als Produzent & Multi-Instrumentalist in R&B, Gospel, Funk, HipHop und Rock.“ Der „Stress“ wurde auch institutionell anerkannt: Für „Hit and Run Phase Two“ würde Chris James eine Grammy-Nominierung für die beste Leistung eines Toningenieurs im Nicht-klassischen Bereich erhalten, genau wie Jahre später für seine Mitwirkung am Reissue des Prince-Albums „Diamonds and Pearls“. Seine jüngste Prince-Arbeit war die Wiederveröffentlichung von „Around the World in a Day“ im November vergangenen Jahres, für die er einen Dolby- Atmos-Mix anfertigte.
„Bei Prince war es essenziell, bereit zu bleiben – und aus dem Weg zu bleiben. Wenn ich zu viele Fragen stellte, drehte er sich um und sagte: ‚Was glaubst du, ist das hier, ein Rolling-Stone-Interview?‘“ Für einen Auftritt in der Show von Jimmy Kimmel stand Chris James mit Prince sogar auf einer Bühne. Wie so oft testete sein Boss mögliche Mistreiter vorab in einem Tischtennismatch – schon Michael Jackson soll er, 1986 war das, wenig freundschaftlich am Tisch ausgeschmettert haben.
Tischtennis und Tempo
James wusste, dass das kein gemütliches Ping-Pong-Spiel wird. „In einer Pause forderte er mich zu einer Partie heraus. Während seines ersten Aufschlags fragte er mich, was ich bei ‚Jimmy Kimmel Live‘ tragen würde – dann schlug er aggressiv auf, bevor ich antworten konnte. ‚Ich weiß nicht, etwas Cooles‘, antwortete ich mit dem breitesten Grinsen im Gesicht.“
Nicht lange danach fand James sich dabei wieder, in seiner Band im Fernsehen zu spielen. „Diese Erfahrung fasste Prince perfekt zusammen. Wenn er deinen Instinkten und deiner Musikalität vertraute, konnten die Dinge sehr schnell gehen.“
Manche von Chris James‘ atemlosen Erzählungen geben eine leise Ahnung vom schier übermächtigen Anspruch, den Prince an ihn stellte – denn James war auch als sein Live-Mixer unterwegs: „Nach einem langen Tag mit Reisen, Aufbau, Soundcheck, zwei Shows und dann Abbau bekam ich einen 3-Uhr-morgens-Anruf mit Bedenken über die Anzahl der Regenerationen auf seinem Vocal-Echo, während er sich die Show zurück anhörte – weil ihm jeder einzelne Aspekt wichtig war. Es war erschöpfend, intensiv und gelegentlich absurd – zu lernen, wie man in letzter Sekunde Samples in ein Yamaha Motif XF Keyboard auf einer dunklen Bühne mit einer Nebenhöhlenentzündung von den Nebelmaschinen lädt. Es gab sehr wenig Spielraum für Fehler. Aber das war der Preis für Exzellenz in seiner Welt.“
Der Perfektionismus, der sich auf der Bühne in nächtlichen Anrufen und Extremsituationen entlud, endete nicht mit dem letzten Applaus. Im sagenumwobenen Vault häufte Prince Material in einem kaum überschaubaren Ausmaß an. Werden wir all diese Aufnahmen, Tausende unveröffentlichte Songs, irgendwann hören?
Der Vault und das Unglaubliche
Chris James würde es sich wohl wünschen. „Es war herausfordernd, meinen Unglauben zu zügeln angesichts der erstaunlichen Lieder, die er einfach in den Vault warf. Viele davon halte ich für zehnmal besser als das, was veröffentlicht wurde. Sie waren zutiefst reflektierend, fast meditativ über das Leben selbst.“
Schon wenige Monate später würde Prince tot sein. Und doch scheint es so, als stand Prince noch zu sehr im Leben, als dass er diese Meditationen mit der Welt teilen wollte.
Das Jahr 2015 beschloss Prince mit einem Auftritt, den er low-key halten wollte, wohl auch, weil er sich gut bezahlen ließ und mit dem Gastgeber nicht befreundet war. Silvester gab er am Gouverneur Beach auf der Karibik-Insel Saint Barthélemy (St. Barts) ein Privatkonzert für Roman Abramowitsch, jenen russischen Oligarchen, der sich auf Veranstaltungen gern mit großen Namen schmückt, wie Kings of Leon oder Red Hot Chili Peppers.
Im Februar 2016 brach Prince zu seiner letzten Tournee auf: „Piano and a Microphone“. Die erstmalige Gelegenheit, Prince für die Dauer eines ganzen Konzerts allein am Klavier zu hören. Videoaufnahmen waren nicht erlaubt, es gab ein Handyverbot.
Die letzte Woche
Prince, der selbst ernannte „skinny motherfucker with the high voice“, war so schmal wie nie. Allein sein Gesicht sah aus, als hätte man es zart in den Afro hineingewebt.
Die Woche vor seinem Tod am 21. April verlief dramatisch. Eine Notladung mit dem Flugzeug. Eine Wiederbelebung. Ein gutes halbes Jahr vor Carrie Fisher – auch die „Star Wars“-Prinzessin musste notlanden, nach einer Überdosis, aber für sie kam schon im Flugzeug jede Hilfe zu spät. Fisher verstarb am 27. Dezember 2016, zwei Tage nach George Michael.
Auch nach der Notladung lebte Prince seinen Rhythmus weiter. Vor seinem Tod sagte er, bei einer Party im Paisley Park: „Wartet noch ein paar Tage ab, verschwendet nicht eure Gebete.“ Er schätzte seinen Zustand gut ein.
Da blieben Prince noch vier Tage. Als hätte er den Zeitpunkt seines Todes kontrollieren können. Wer sich die Szene von Prince‘ Zusammenbruch im Fahrstuhl auszumalen traut, wird sich eine Suizidabsicht aber kaum vorstellen können.
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Chris James kann sich an den 21. April noch sehr gut erinnern. „Das Datum erklingt für mich mit ähnlichem Schock und erfüllt mich mit Trauer wie der 11. September 2001. An dem Tag, der ein weiterer gewöhnlicher Donnerstag hätte sein sollen, war ich in meinem ehemaligen Studio in Encino.“
Dann trudelten die Textnachrichten ein.
„Es hieß, Jemand wurde im Paisley Park aufgefunden. Ich konnte es nicht glauben. Dann überkam mich überwältigende Trauer. Nie in einer Million Jahren hätte ich mir vorstellen können, dass dies passieren würde.“
Keine langfristigen Pläne
Gab es vorher Pläne, weiter mit Prince zusammenzuarbeiten? „Ich hatte nie langfristige Pläne mit Prince – so arbeitete er einfach nicht“, sagt James. „Man wurde gerufen, wenn man gebraucht wurde, und man wusste nie, ob man für eine Session oder 17 verschiedene Sessions da sein würde.“
Er erzählt aber von Ideen, mit denen beide jonglierten, noch zur Zeit der „Piano and a Microphone“-Tournee. Eine Jazz-Fusion-EP etwa. Oder Prince‘ Idee, mit Shania Twain ein Album im Stile des Fleetwood-Mac-Klassikers „Rumours“ aufzunehmen.
James erinnert sich noch an jedes einzelne Detail. „Das letzte Mal, als ich mit ihm im Gebäude war, nahm ich auf, wie er ein Gitarrensolo für sein Jazz-Fusion-Projekt auf seiner weißen Vox HDC77 in seinen Mesa-Heartbreaker-Combo-Verstärker mit lila Tolex spielte. Danach legte ich den Standby-Schalter am Verstärker um. Ich hätte nicht ahnen können, das dies unser letzter gemeinsamer Moment sein würde. Momente wie dieser – flüchtig, ungeplant und außergewöhnlich – waren typisch für die Arbeit mit Prince.“
Gerade solche intimen Erinnerungen stehen im Gegensatz zu der Art und Weise, wie Prince nach seinem Tod öffentlich verhandelt wurde. Prince wird selbstverständlich nicht gewollt haben, dass man ihn so in Erinnerung behält, wie Klatschseiten es forciert haben, indem sie Bilder der Leiche ins Netz stellten.
Aber es hätte Prince gefreut, dass kurz nach seinem Tod ein unbekanntes Video aufgetaucht ist, das ihn im Alter von elf Jahren zeigt.
Ein Fundstück von Prince, das erste Video von ihm als Kind. Und das nicht als Performer, nicht als Kinderstar, das war er ja auch nie. Die Eindeutigkeit jener rund 20-sekündigen Aufnahme musste zuvor jedoch von „Experten“ (also der Schwarmintelligenz des Internets) bestätigt werden; der Vintage-Clip zeigt ihn als namenlosen Jungen.
Das Kind im CBS-Clip
Könnte dieser Junge mit der Wintermütze und dem großen Mund wirklich Prince gewesen sein? Im Jahr 1970 befragte CBS auf den Straßen von Minneapolis verschiedene Schüler, ob sie mit dem Streik ihrer Lehrer einverstanden sind. Der Reporter beugt sich mit seinem Mikro nach unten. „Findest Du den Streik gut?“ Zustimmung. „Yo“, „Yoap“ oder einfach ein ganz neues Wort, so richtig herauszuhören ist das nicht. Und der Junge führt aus: „Lehrer haben mehr Geld verdient. Sie machen für uns Extrastunden.“
Man könnte sagen, Prince würde später sehr, sehr viele „Extrastunden“ in die Anfertigung von Musik legen, das beweist allein seine Diskographie aus rund 70 Studioalben, die unter seinem Namen oder dem seiner Protegés erschienen. Und er würde seine Majorlabels zu Recht kritisieren, wenn sie seine Arbeit unterbinden, sei es durch Knebelverträge oder mangelnde finanzielle Ausschüttungen. Aus Protest legte er für viele Jahre seinen Vornamen Prince als Künstlernamen ab.
So schüchtern wie bei seinen späteren TV-Auftritten als Musiker (der erste würde schon neun Jahre später folgen) war Prince als interviewtes Kind jedoch nicht. Sein Umgang mit Menschen, die ihn nach seiner Meinung fragten, ebenso wie sein Gespür für Situationen, die anderen noch verborgen blieben, war bereits mit elf Jahren ausgeprägt. Prince hatte früh eine klare Haltung, ein instinktives Gefühl für Gleichheit und Fairness.
That’s it.