Was Sie über den automatischen Militärdraft wissen müssen
The-Strokes-Frontmann Julian Casablancas machte beim Coachella Witze über die Einberufung – doch junge Amerikaner werden wohl kaum zum Dienst gezwungen.
Es ist eines der verlässlichsten Kriegsfilm-Klischees: der widerwillige Soldat, zwangsrekrutiert gegen seinen Willen, zusammengekauert an einer Wand, einem Bunker oder Hang, umgeben von Schüssen. Er stirbt meist irgendwann vor dem dritten Akt – eine namenlose, mahnende Metapher für Feigheit.
Der Gedanke an einen Militärdraft hat sich tief ins amerikanische Bewusstsein eingebrannt. Nahezu jeder große Krieg, den die Vereinigten Staaten geführt haben, war mit Zwangsrekrutierung verbunden. Der Unabhängigkeitskrieg, der Bürgerkrieg, beide Weltkriege, der Koreakrieg und der Vietnamkrieg – sie alle griffen auf den Draft zurück, um junge Männer in den aktiven Dienst zu holen. 1973 wurde die Praxis infolge des massiven öffentlichen Widerstands gegen den Vietnamkrieg beendet, und das US-Militär wurde zur reinen Freiwilligenarmee. Der Draft blieb jedoch als theoretische Notfalloption erhalten – ein Instrument, das man nur im äußersten Ernstfall aus der Schublade zieht.
Und doch: Obwohl es seit mehr als einem halben Jahrhundert keinen Draft mehr gibt, wirft jede militärische Auseinandersetzung unweigerlich das Gespenst des Selective Service auf.
Casablancas und der Coachella-Witz
Am vergangenen Wochenende beim Coachella Music Festival nahm The-Strokes-Frontmann Julian Casablancas Präsident Donald Trumps anhaltenden Konflikt mit dem Iran aufs Korn – und scherzte, die Festivalbesucher sollten sich auf den Krieg gefasst machen. „Freut ihr euch auf den Draft? Oh, Moment – nicht den NFL Draft. In sechs Monaten, glaube ich, muss sich jeder Berechtigte beim Militär registrieren“, sagte er. „Ich hoffe, eine der Coachella-Einheiten anführen zu dürfen. Die sexieste Einheit in unserem stolzen Militär, ganz sicher.“
Seit Trump gemeinsam mit Israel einen Krieg gegen den Iran vom Zaun gebrochen hat, kursieren jede Menge Spekulationen über eine mögliche Wiedereinführung des Drafts – von Online-Influencern, die Witze darüber reißen, ob Barron Trump bald in den Nahen Osten muss, bis hin zu ernsthafter Verwirrung darüber, ob junge Männer demnächst tatsächlich zum Dienst verpflichtet werden könnten. Nicht gerade hilfreich ist dabei, dass die Trump-Administration im vergangenen Jahr eine Initiative gestartet hat, die automatische Draft-Registrierung in allen 50 Bundesstaaten zu vereinheitlichen.
Das Wichtigste dazu im Überblick:
Wie funktioniert der Draft?
Der sogenannte „Draft“ – offiziell das Selective Service System (SSS) – ist im Wesentlichen eine große Datenbank, die von einer unabhängigen Bundesbehörde verwaltet wird. Per Gesetz sind alle männlichen US-Bürger und Einwohner zwischen 18 und 25 Jahren verpflichtet, sich darin zu registrieren.
Entgegen einer weit verbreiteten Annahme hat der Präsident keine alleinige Befugnis, das Selective Service System zu aktivieren und damit Einberufungen anzustoßen. Das liegt beim Kongress. Sollte der Präsident dort vorstellig werden und eine Draft-Aktivierung fordern, müssten die Abgeordneten eine entsprechende Ermächtigung verabschieden. Da die große Mehrheit der Amerikaner dem Draft ohnehin skeptisch gegenübersteht, bräuchte es wohl eine militärische Krise erheblich größeren Ausmaßes, um eine solche Entscheidung im Kongress durchzusetzen.
Käme es dazu, würden berechtigte Männer in ein Losverfahren aufgenommen. Jedem Geburtstag eines Kalenderjahres – einschließlich dem 29. Februar, Schaltjahrskinder sind also nicht ausgenommen – würde eine Nummer zugewiesen, die dann öffentlich gezogen wird. Laut der Website des Selective Service werden zunächst jene Männer einberufen, „deren 20. Geburtstag in das Jahr der Lotterie fällt. Falls nötig, werden weitere Losziehungen für 21-, 22-, 23-, 24-, 25-, 19- und schließlich 18,6-Jährige durchgeführt.“
Plant Trump die Wiedereinführung?
Danach sieht es nicht aus. Die Spekulationen darüber basieren im Wesentlichen auf Reformen am Selective Service System, die im Dezember letzten Jahres im Rahmen des National Defense Authorization Act verabschiedet wurden. Bislang sind Berechtigte verpflichtet, sich innerhalb von 30 Tagen nach ihrem 18. Geburtstag beim Selective Service zu registrieren und bei jedem Umzug ihre Adresse zu aktualisieren, solange sie im einberufungsfähigen Alter sind. Strafrechtliche Konsequenzen für Versäumnisse sind in den letzten Jahrzehnten so gut wie nie eingetreten, und die meisten Bundesstaaten verfügen über Systeme zur automatischen Registrierung im Zuge von Führerschein- oder Wählerregistrierungsanträgen.
Das bisherige System bleibt bis Ende des Jahres in Kraft, doch ab 2026 wird das Selective Service System damit beginnen, berechtigte Männer in allen 50 Bundesstaaten automatisch zu erfassen. Das neue System soll dabei auf Daten aus einer Vielzahl von Bundesbehörden zurückgreifen – und ist kein völlig neuer Vorschlag. Das SSS drängt seit mehreren Präsidentschaften auf eine Reform, auch unter dem früheren Präsidenten Joe Biden. Dennoch hat die Nachricht, dass die automatische Registrierung noch in diesem Jahr landesweit in Kraft treten soll, für Unruhe gesorgt.
Wächst der Widerstand?
Eine wachsende Zahl von Amerikanern und Interessengruppen quer durch das politische Spektrum ist der Meinung, dass es den Draft gar nicht geben sollte. Das neue Gesetz dürfte es Kriegsdienstverweigerern schwerer machen, einer Registrierung zu entgehen, da die Bundesregierung proaktiv Daten zu Alter und Aufenthaltsort erfasst. Vor diesem Hintergrund haben Experten Bedenken geäußert, dass das neue System die Gefahr von Überwachung und Datenmissbrauch durch Bundesbehörden erhöht.
Die Wahrscheinlichkeit, dass der Draft tatsächlich genutzt wird, um Männer in den Dienst einzuziehen, ist – zumindest vorerst – verschwindend gering.