Alphaville-Chef Marian Gold: „Trump, dieser Oberclown“
Marian Gold von Alphaville spricht Klartext: Warum der Protest gegen Trumps „Forever Young“-Nutzung weit mehr als ein Urheberrechtsstreit ist.
Die deutsche Synthie-Popband Alphaville geht gegen die unerlaubte Nutzung ihres größten Hits vor und verknüpft den aktuellen Konflikt mit einem dezenten Verweis auf die eigene „Legacy“.
Auslöser ist ein KI-generiertes Video von US-Präsident Donald Trump, das dieser auf seiner Plattform „Truth Social“ veröffentlicht hat. Der Clip zeigt einen Zeitraffer seines Lebens, vom Kleinkind bis in die Gegenwart, unterlegt mit dem Welthit „Forever Young“. Die Band reagierte umgehend und unmissverständlich.
„Da wir, die Band Alphaville, Trumps politischen Ansichten in keiner Weise zustimmen und sie sogar weitgehend verabscheuen, werden wir dafür sorgen, dass dieser Beitrag unverzüglich aus dem Internet entfernt wird“, heißt es auf dem Instagram-Account von Alphaville.
Noch deutlicher fällt die anschließende Absage aus: „Wir untersagen hiermit jegliche weitere Verwendung von Alphaville-Musik durch die Republikanische Partei und ihren Präsidenten.“ Unterzeichnet ist das Statement mit „freundlichen Grüßen aus dem alten Europa“ und dem Namen von Sänger Marian Gold.
ROLLING STONE sprach mit Marian Gold über seine Beweggründe – und das Vermächtnis von „Forever Young“.
Marian Gold, wie erfahren Sie eigentlich davon, dass jemand „Forever Young“ für eine Kampagne benutzt – haben Sie einen „Google Alert“ für das Lied eingerichtet?
Nein, das passiert durch Fans, durch Internetkontakte, über unsere verschiedenen Social Media oder eben durchs Management, manchmal auch durch die Plattenfirma. Also das kommt aus allen Richtungen, je nachdem wie die Interessenlage ist. Das heißt, das wird mir dann auch mit einer Intention zugesteuert – also wie bei Trump jetzt: „Da tut sich wieder was.“ Das war eine Mitteilung, die ich von einem Kollegen erhalten habe, gestern Nachmittag. Und ich hatte das Gefühl, dass ich da umgehend in irgendeiner Form darauf reagieren muss.
Was war das Ziel Ihres Posts?
Die Fronten sind ja klar. Auch durch das Internet haben sich Bubbles gebildet – es geht also nicht darum, durch diesen Instagram-Post andere Leute, die anderer Meinung sind, in diesem Zusammenhang von irgendwas zu überzeugen. Sondern es geht in erster Linie darum, dass sich die Reihen der Leute, die so in etwa mit unserer politischen Einstellung übereinstimmen, ein bisschen schließen. Ich nehme mich selbst und Alphaville da jetzt nicht so wichtig. Ich weiß nicht mal, ob Donald Trump überhaupt davon weiß, dass „Forever Young“ von den Republikanern gespielt wird. Nehmen wir an, dass eine PR-Abteilung dieses Ding gemacht hat – und die kennen ja keine Gnade. Da haben sich ja schon andere amerikanische Künstler beschwert, dass ihre Musik auf Events und in Social Media ohne Freigabe verwendet wird.
„Wir alle sterben. Wir alle leben in diesem Dilemma, dass wir existieren und dass es irgendwie sinnlos ist, irgendwann nicht mehr zu existieren“
„Forever Young“ stellt die Traurigkeit in den Mittelpunkt, dass ewige Jugend eben nicht möglich ist. Glauben Sie, jemand wie Trump versteht den Inhalt?
Es hat eigentlich nicht so viel damit zu tun, was mit Trump allein passieren wird. Wir alle sterben. Wir alle leben in diesem Dilemma, dass wir existieren und dass es irgendwie sinnlos ist, irgendwann nicht mehr zu existieren. Warum existiert man dann? Das ist die Thematik – ich würde nicht mal von Problematik reden –, die der Song hat: dass wir alle in diesem Zwiespalt gefangen sind und uns alle eigentlich die gleichen Fragen stellen.
Ich bin mir sicher – ich will jetzt nicht zu weit abschweifen –, aber wenn man nachts in den Garten geht und zu den Sternen raufschaut: Da sind Milliarden anderer Zivilisationen garantiert, wo die Leute genau das Gleiche tun, in den Himmel schauen und sich fragen, wie viele andere Lebewesen sich diese Frage stellen. Wir sind mit dieser Fragestellung garantiert nicht alleine. Das ist eigentlich die zentrale Frage des Universums, unseres Universums. Und das macht eben die Universalität dieses Liedes auch aus – dass es auf sehr, sehr viele unterschiedliche Lebenssituationen eine Antwort hat. Weil diese Fragestellung bei Geburtstagen, bei Begräbnissen, bei Hochzeiten, bei allen möglichen anderen sozialen Events irgendwo eine Rolle spielt.
Vor Trump hatte schon die AfD Ihr Lied benutzt.
Dieser Rechtsruck, der sich durch alle Gesellschaften in den letzten Jahrzehnten immer weiter verstärkt hat – da kommt man früher oder später in diese Situation, dass man instrumentalisiert wird. Und bei der AfD war es ganz einfach: Wir haben einfach einen Post geschickt und gesagt, „Leute, wir finden euch scheiße, und spielt bitte nicht unsere Musik.“ Und das war es. Die spielen uns nicht mehr. Man spielt ja keine Musik von Leuten, die einen nicht mögen! Das ist gut.
„Gegen Trump sind wir nicht mal ein David“
Welche Rechte können Sie tatsächlich geltend machen? Wie können Sie gegen die Instrumentalisierung des Songs vorgehen?
Bei der AfD kann man das machen, weil das einfach ein kleinerer Verein ist. Bei so einem riesigen Konglomerat wie der amerikanischen Präsidentschaftstruppe – ich würde nicht mal sagen, wir sind da ein David. Wir sind einfach ziemlich nebensächliche Erscheinungen für die. Deswegen: Mein Ziel war eigentlich nicht – oder mein Ziel ist eigentlich nicht –, ob die das jetzt weiter benutzen oder nicht. Das überlasse ich unseren Rechtsanwälten. Interessiert mich eigentlich auch nicht weiter. Sondern was für mich wichtig war, war in diesem Zusammenhang einfach unsere Position zu klären für alle Leute da draußen. Also nicht nur für unsere Befürworter, sondern eben auch für die – sagen wir mal – politischen Gegner. Es geht darum, dass die Leute über uns Bescheid wissen und wissen, auf welcher Seite wir stehen.
Haben Sie schon mal erlebt, dass Feedback von den „falschen“ Leuten kam – also von Rechten, die dachten, Alphaville sei auf ihrer Seite – und das wirklich unangenehm wurde?
Ja, das ist immer so. Das prominenteste Beispiel war dieser Bruce-Springsteen-Song, den damals Ronald Reagan auf seinen Conventions gespielt hat: „Born in the U.S.A.“ Das war ein totales Missverständnis. Die dachten, das ist irgendwie ein patriotischer Song – es ging aber eigentlich um einen Vietnam-Rückkehrer, also eigentlich um jemanden, der in der Gesellschaft nicht mehr akzeptiert wird. Also eigentlich um genau das Gegenteil.
„Es kann sein, dass mir irgendwie bei der nächsten Nordamerika-Tour die Einreise verweigert wird“
Was würden Sie tun, wenn Trump das Lied einfach weiter benutzt? Muss man darauf vertrauen, dass die Botschaft sich trotzdem ausgebreitet hat – oder ist man da international mehr oder weniger hilflos?
Ich möchte nicht, dass hier der Eindruck entsteht, dass wir im Prinzip eine Welle reiten und uns von unserer Protestnote mehr Popularität oder sonst irgendwas versprechen. Es ist heutzutage, glaube ich, das Allerwichtigste, eine Entscheidung zu treffen, auf welcher Seite man steht – wo man seine eigenen Ideen und seine eigenen Lebensvorstellungen einordnet. Das ist der einzige Vorteil dieser Zeit: dass sie einen dazu zwingt, tatsächlich vor sich selbst Stellung zu beziehen und eventuell für diese Einstellung auch Nachteile in Kauf zu nehmen. Es kann zum Beispiel sein, dass mir irgendwie bei der nächsten Nordamerika-Tour die Einreise verweigert wird oder sowas. Das wurde mir jedenfalls von Bedenkenträgern bereits zugetragen, bevor wir diesen Post losgelassen haben.
Teilen Sie diese Sorgen?
Das ist mir eigentlich scheißegal. Wobei ich sagen muss: Amerika ist ein wunderschönes, großartiges Land. Es geht einfach um diese politische Richtung, für die momentan die Republikaner stehen – und vor allen Dingen dieser Oberclown, den sie zu ihrem Präsidenten gestellt haben.
Wie gehen Sie damit um, dass AfD-Wähler unter Ihren Hörern jetzt vielleicht sagen, sie hören kein Alphaville mehr? Ist das etwas, das Ihnen auch egal ist – oder finden Sie, Musik sollte jeden erreichen?
Das interessiert mich überhaupt nicht. Wir leben im freien Land – also noch im freien Land. Jeder darf eine Meinung haben, eine politische Meinung haben, und sich dann mit den Konsequenzen dieser Meinung auseinandersetzen. Wenn Leute das für nötig halten, unsere Musik nicht mehr zu hören, dann ist es halt so. Wenn wir uns politisch überhaupt nicht äußern würden, würden manche Leute ja dennoch sagen, „der Song gefällt mir nicht.“ Für mich ist der Unterschied marginal.
Wie gesagt: Es geht mir nicht darum, Leute, die eine andere Meinung haben als wir, von irgendwas zu überzeugen. Sondern ich möchte einfach eine Feststellung über uns und über unseren Standpunkt treffen, damit alle Leute wissen, woran sie sind, wenn sie mit uns was zu tun haben wollen.
Spüren Sie nach solchen Ereignissen wie Trump eigentlich einen messbaren Popularitätsschub – zum Beispiel auf Spotify?
Ja, klar, auch nach Trump. Und wir sind ja sehr stark vernetzt über alle möglichen Social-Media-Kanäle. Anders funktioniert das heutzutage nicht mehr im Musikgeschäft. Und das hat natürlich eine extreme Wirkung. Ich würde nicht behaupten, dass „Forever Young“ ein wichtiger politischer Faktor hier in Deutschland ist – und trotzdem hat das natürlich Aufsehen erregt.