„Moana“: Disneys Déjà-vu-Maschine auf dem Höhepunkt
Warum plündert Disney seine animierten Meisterwerke für seelenlose Realverfilmungen? Antwort: $$$
Am Anfang war nur der Ozean – bis eine Maus auftauchte, mit Hut und am Steuer eines Dampfboots. Walt Disney: Sein Herz barg die größte Kraft, die je existierte – die Macht, primitive Skizzen in bewegte Bilder zu verwandeln und Animation in Träume. Er konnte Leben erschaffen, und Disney teilte es mit der Welt. Doch mit der Zeit begannen manche, nach Disneys Herz zu greifen – oder zumindest nach dem lukrativen Backkatalog seines Unternehmens. Sie glaubten, wenn sie ihn besäßen, wäre die Macht der Schöpfung ihre.
Doch ohne sein Herz begann Disney – genauer gesagt, der riesige Konzern, der seinen Namen trägt – zu bröckeln und gebar dabei eine fürchterliche Finsternis. Wir nennen dieses kreative Vakuum „die Realverfilmung eines Animationsklassikers“. Und egal ob du die Schönste im ganzen Land bist oder eine Tochter Montunuis, die über das Meer segelt – deine Geschichte wird diesem Schicksal nicht entgehen: Ein dreidimensionaler Zeichentrickfilm wird in einen eindimensionalen Geldautomaten verwandelt. Um einen selbstverliebten Halbgott zu paraphrasieren: Gern geschehen?
Schön und gut – vielleicht zählt „Moana“, Disneys Animationsfilm von 2016 über eine junge Polynesierin, die mit einem schelmischen Halbgott zusammenarbeitet, um ihre Insel zu retten, für dich nicht zu den „Klassikern“, die mit Disneys Ur-Trickfilmen oder den Großproduktionen der späten Achtziger und Neunziger mithalten. Der Film ist erst ein Jahrzehnt alt – aber dieser Blockbuster ist nach wie vor ein vergnügliches Erlebnis mit treuer Fangemeinde. Lin-Manuel Miranda, damals noch im Sog seines „Hamilton“-Triumphes, lieferte einen Soundtrack voller unterschätzter Ohrwürmer; nur weil in Karaokebars niemand „Where You Are“ mit der gleichen Inbrunst schmettert wie „Be Our Guest“, macht das den Film kein bisschen weniger stimmig. Dwayne Johnson erfüllt seinen Auftrag als Stimme von Maui – dem muskelverliebt-gestaltwandelnden Hünen mit den selbstironischen Tattoos und einem handfesten Ego – mit Bravour. Und Newcomerin Auliʻi Cravalho hatte nicht nur eine außergewöhnliche Stimme. Die junge hawaiianische Schauspielerin machte Moana zu einer Heldin, die ihren Platz im Disney-Pantheon neben Ariel, Belle und Dornröschen verdient. Bloß nennt diese künftige Seefahrerin keine Prinzessin – sie ist die Tochter eines Häuptlings, bitte sehr –, wobei Maui treffend feststellte: „Wenn du ein Kleid trägst und ein tierisches Sidekick hast, bist du eine Prinzessin.“
Dieser Satz taucht natürlich auch in der Realverfilmung von „Moana“ wieder auf, die Broadway-Schwergewicht Thomas Kail inszeniert hat; das Wort „Kleid“ wurde durch „Rock“ ersetzt, aber das ist so ziemlich der Umfang aller Änderungen am Originaltext. Sämtliche einprägsamen Dialoge aus dem ersten Film – ob mitreißend oder urkomisch – werden brav rezitiert. Die Eröffnungsmythologie über Maui, der das Herz der Naturgöttin Te Fiti stiehlt und damit den Lavadämon Te Kā erweckt? Auch dabei. Die Songs bleiben dieselben, ergänzt um einen Neuzugang namens „Along the Way“.
Dwayne Johnson verkörpert Maui erneut als Kreuzung aus spruchreifem Actionhelden und abgeschwächter Version von Robin Williams‘ Dschinni aus „Aladdin“ – als hätte jemand besagten Komiker mit einem milden Beruhigungsmittel sediert. Moana wird nun von Catherine Lagaʻaia gespielt, einer australischen Schauspielerin, die charmanter kaum sein könnte und hervorragend zwischen Begeisterung und Genervtheit wechselt – den beiden Zuständen, die ihr hauptsächlich abverlangt werden. Jemaine Clement hatte „Shiny“, den großen Auftritt des riesigen, gierigen Krabenmonsters Tamatoa, einst zu einem Flight-of-the-Conchords-würdigen Höhepunkt gemacht. Er wiederholt exakt dieselbe Performance – nur dass sein Krebs-Kaiju diesmal, na ja, CGI ist. Genauso wie die winzigen Kakamora-Piraten und Heihei, das mutierte Komödienhuhn. Die computergenerierten Upgrades würde man nicht gerade als Verbesserung bezeichnen.
Keine Verbesserung, nur Kopie
Klare Ansage: Verbesserungen sucht man in diesem neuen „Moana“ vergebens. Was man findet, sind schematische Neuauflagen und Kopien zweiter Güte – Momente, Einstellungen, emotionale Wendepunkte, Plotpunkte, Setpieces und Pointen aus dem Animationsfilm. Nur dass man Johnson diesmal beim Durchkauen von Mauis aufgeblasener Selbstverliebtheit und sanfter Mentorenrolle zusehen und zuhören kann, statt ihn bloß die kollektive Vision der Animatoren vom Halbgott ergänzen zu lassen. Die Performance ist weder besser noch schlechter. Sie ist einfach gleich – nur irgendwie weniger. Die Ironie: In dieser Realverfilmung ist Johnsons Interpretation weit weniger charmant, aber um ein Vielfaches cartoonhafter. Seine Mitspieler finden gelegentlich kleine Glanzmomente – ein Lob an Rena Owen aus „Once Were Warriors“, die der eigenwilligen Gramma Tala extra Portionen Schalk mitgibt –, doch so viel von ihrer Arbeit geht im Rauschen computergenerierter Effektgewitter unter. Manche davon zeigen nur umso deutlicher, wie viel Magie in solchen Übersetzungen verloren geht: Das wiederkehrende Motiv, wie der Ozean Moana und Maui immer wieder auf ihr Camakau-Boot zurückspuckt, ist ein inspirierter Slapstick-Gag der Animatoren. In dieser Version 2.0 wirken die digitalen Wellen, die sie aufs Floß werfen, wie ein kleiner Schritt von KI-Brei entfernt.
Es gibt viel von diesem Uncanny-Valley-Spektakel – selbst die postkartentauglichen Tropenlandschaften Oahus, die für altpolynesische Inseln herhalten müssen, werden ständig von Szenen untergraben, die erkennbar auf einem Soundstage in Atlanta vor generierten Hintergründen gedreht wurden. Man schaut dem Werk von Technikern zu, nicht von Handwerkern. Das animierte „Moana“ ist jene Art von transzendenten, mythischen und dennoch leichtfüßigen Geschichten, die das Haus der Maus auf dem Höhepunkt seiner Möglichkeiten auszeichnet. Das Realfilm-„Moana“ ist bloßes Spektakel, das sich von jedem anderen generischen Spektakel da draußen nicht unterscheidet – Disneys Déjà-vu-Maschine auf dem Gipfel. Das Original wirkte wie ein universelles Ermächtigungsmärchen, gefiltert durch echten Respekt vor der Inselkultur. Die einzige Kultur, die hier zur Schau gestellt wird, ist Konzernkultur: Ein geliebter Film wird zu aufgewärmten Resten verarbeitet, um mehr Kasse zu machen. Wenn die Einspielergebnisse einer zweitklassigen Realverfilmung wie dem letztjährigen „Lilo & Stitch“ die Unternehmenskassen füllen konnten, sollte dieser Film die Führungsetage bis zum Hals in Dagobert-Duck-Münzbergen versinken lassen. Aber das macht das Ausschlachten von Klassikern für kommerzielle Zwecke kein bisschen weniger deprimierend. Kein Danke, Disney.