Kritik: The Cure in Berlin – Perry Bamontes Vermächtnis lebt

The-Cure-Konzert mit emotionalem Tribut an Perry Bamonte: Robert Smith führt die Band durch Klassiker. Schattenspiele der Vergangenheit und Momente der Trauer

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„I think it’s dark, and it looks like rain, you said“, singt Robert Smith, und es bleibt lustig – und gewöhnungsbedürftig –, „Plainsong“ ausgerechnet als Eröffnungsstück eines sonnendurchfluteten Open-Air-Konzerts zu erleben. Das instrumentale, dreieinhalbminütige Intro des „Disintegration“-Klassikers ist eigentlich ein Bühnenlichtlied der Dunkelheit, bietet aber zuverlässig die interessantesten Beobachtungen, die wir an Smith vornehmen können – und die er selbst anstellt. Er wandert tapsig von Bühnenseite zu Bühnenseite und fixiert verschiedene ferne Punkte, sein Kiefer mahlt, er lächelt. Nie würde er darüber reden, woran er in solchen Momenten denkt.

Bassist Simon Gallup ist erkrankt, sein Sohn Eden übernimmt für ihn (obwohl er sowieso längst festes Mitglied geworden ist), und The Cure schrumpfen vom Sextett zum Quintett. Vom „Classic Cure“-Line-up ist damit nur noch Smith übrig (Roger O’Donnell stieß erst 1989 dazu), was The Cure nun ungewollt in die Nähe der ewigen Konkurrenzband New Order rückt. Auch bei ihnen ist live nur noch ein einziges Gründungsmitglied übrig geblieben: Bernard Sumner. Aber auch zu fünft müssen The Cure ihre Arrangements nicht umbauen. „It was a difficult day“, sagt Robert Smith dennoch. Er bedankt sich; sein schnell gezischtes „Thank you“ klang lustigerweise schon immer so, als würde er stattdessen „The Cure!“ rufen.

Schade ist allerdings, dass „Primary“ ausgerechnet am heutigen Abend in der Parkbühne Wuhlheide sein Tourdebüt feiert. Der 1981 veröffentlichte Song wird wie in der Studioversion eigentlich mit zwei Bässen gespielt, doch ein Gallup am Bass muss heute reichen. Vielleicht auch ein zynischer Gruß an Simon. Man hätte vermuten können, er fiele nicht heute, sondern für das Konzert am Sonntag aus, wenn er sich nach dem England-Sieg morgen zu sehr betrinkt.

Eine Songauswahl mit kleinen Rissen

Es ist ein sehr gelungener Auftritt mit nur wenigen, wenn auch erwartbaren Fehlern. „High“ klang live noch nie gut, seit Boris Williams nicht mehr bei Cure Schlagzeug spielt; Jason „Coop“ Cooper setzt sein letztes Break bei „Push“ zu früh ein, worüber zumindest Smith lachen kann. Überhaupt bleibt „Push“ der wohl meistgefeierte Cure-Evergreen, der nie als Single erschien. Und „Never Enough“ mit nur einer Gitarre zu performen und diese dann auch noch Reeves Gabrels zu überlassen, ist keine optimale Idee. Er setzt sich wie immer unter Druck, in seinen Soli bloß keinen einzigen Ton zu wiederholen, und spielt das Stück von Anfang bis Ende in den höchsten Lagen – wie das aufgeregte Vorspiel eines Teenagers bei der Lieblingsband. Smith tanzt dabei mit seinem Schellenkranz und scherzt darüber, wie schwer es doch sei, gerade mit dem Tamburin den Rhythmus zu halten: „I always get out of time!“

Aber das sind Kleinigkeiten. „Shake Dog Shake“, zum Glück gespielt, ist ein emotionaler Höhepunkt, weil der Song einen stillen Gruß an den verstorbenen Perry Bamonte enthält. Die Band blendet auf der Leinwand wieder den alten Split Screen mit den Schatten der Cure-Musiker ein. Die Silhouette ganz am rechten Rand ist noch immer die des vielgeliebten Multiinstrumentalisten Bamonte. Das kann niemanden kalt lassen, auch wenn Bamonte vielleicht nicht jeder erkannt hat.

Der eigentliche Höhepunkt ist das noch seltener gespielte „One Hundred Years“, ein Lied über den Irrsinn des Krieges. „Caressing an old man and painting a lifeless face / Just a piece of new meat in a clean room / The soldiers close in under a yellow moon“, singt Smith – 1981 im LSD-Rausch komponiert und noch immer faszinierend, seine schönsten Zeilen. Die Leinwand zeigt Kriegsbilder, und hier unterscheiden sich The Cure wohltuend von Strokes-Sänger Julian Casablancas, der bei seinen Lollapalooza-Auftritten mit suggestiven Einblendungen den ganz, ganz großen Bogen spannen wollte – von der Unterdrückung der Sklaven in den USA bis zum Gazakrieg. „One Hundred Years“ zeigt kontextfreie Bilder aus mehr als hundert Jahren Gewalt, ohne anzuklagen. Es ist ihr bester Live-Song, und das war er schon immer. Der Rhythmus allein klingt wie Krieg.

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Ein kurzes Ende an einem schwierigen Tag

„I’ll be back in two minutes and I put my happy face on!“, sagt Smith und verlässt die Bühne kurz, um sich auf den Zugabenblock vorzubereiten.

Nach seiner Rückkehr sagt er noch einmal: „It was a long and difficult day.“ Es muss schwierig sein, auf Gallup zu verzichten, aber ganz so klar erscheint das nicht. Sein Fehlen fällt nicht allzu sehr auf, technisch war er nicht unersetzlich, und sein mit „Bad Wolf“ beschrifteter Verstärker wird vom Sohn gut aufgewärmt.

Leider beenden The Cure ihr Set mit dem bisher kürzesten der Tournee – abgesehen von einem Festivalauftritt (die naturgemäß oft kürzer sind) und jener Show im polnischen Gdynia, als die Bühne nach starkem Regenfall unter Wasser stand und Smith nur halbironisch sagte, er könne an einem Stromschlag sterben, wenn er den Auftritt nicht abbreche.

Vielleicht liegt es am Fehlen Gallups, dass The Cure etwas kürzer treten. Vielleicht aber auch an der völlig beknackten Berliner Lärmschutz-Sperrstunde. Morgen dann bitte „Secrets“!

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