RS-Story



Big Thief: Hoffnungsfrohe Skeptiker


von

Adrianne Lenker hat sich noch schnell einen Kaffee gemacht, um ihrer Müdigkeit zu begegnen. Die letzten Tage waren nicht ganz so entspannt für sie, wie sie im Gespräch gesteht. Doch die Sängerin gehört zu den glücklichen Menschen, die sich von solchen Dingen nicht aus der Ruhe bringen lässt.

Immer wieder nutzt sie die Redezeit für lange Denkpausen, um dann philosophisch zu werden. So etwa, wenn es um ihre Verbindung zur Natur geht oder die Frage, wo sie ihre rastlose Band (nach zuletzt zwei ergreifenden Platten 2019 erscheint nun ein Doppelalbum – Kritik HIER) lokalisieren würde – nämlich nicht in irgendeiner Stadt, sondern auf der Erde, im Hier und Jetzt.

Das neue Album von Big Thief wurde an vier verschiedenen Orten aufgenommen

Das spielte durchaus eine Rolle für die Aufnahmen der neuen Songs von Big Thief. Nachdem die letzte Tour wegen der Corona-Pandemie ins Wasser fiel, entschieden sich die Musiker, die Pläne für eine neue LP vorzuziehen. Den Freiraum nutzten sie für ein Experiment: Um herauszufinden, welche Möglichkeiten ihr Songwriting unter verschiedenen Bedingungen annehmen würde, spielten sie neue Songs an vier verschiedenen Orten ein. Dabei schloss man sich unter anderem auch in einer Hütte im Wald ein, badete im eiskalten Bach in der Nähe und arbeitete letztlich nur mit einer 8-Spur-Kassettenmaschine.

Die Idee kam von Schlagzeuger James Krivchenia, der das Album auch produzieren wollte. Ein Schritt, der die Band noch näher zusammenrücken ließ. „Wir waren sehr berührt, als James das vorschlug“, sagt Lenker. „Man muss vertrauen haben in diesen Prozess. Es braucht Geduld. Aber Geduld ist viel wertvoller als jedes Geld der Welt oder einen Grammy zu gewinnen. Wenn ich nur durch diese Band geduldiger werde und mehr liebe, dann zählt es auch nicht, welche Erfolge wir haben. Das ist dann der Schatz, den wir als Gemeinschaft gewonnen haben.“

Man merkt der Sängerin, die seit ihrem zehnten Lebensjahr Musik schreibt, an, dass sie stolz ist auf die Freundschaft, die ihre Band zusammenhält, die es ihr auch ermöglicht, parallel eine Solokarriere zu pflegen, die gerade erst eine berückende Platte („Songs And Instrumentals“, 2020) hervorbrachte.

Ohnehin fließen hier die kreativen Energien ineinander und am Ende bleibt die schwierige Aufgabe, die vielen entstandenen Stücke zu einem Ganzen zu verschmelzen. „Wir haben sehr unterschiedliche Vorstellungen, was auf das Album gehört und was nicht“, so Lenker. Lachend ergänzt sie: „Einige meiner schönsten Sachen sind nicht enthalten. Jeder musste das ertragen, einige seiner Lieblinge rauszuschmeißen. Aber in einer sehr tiefen Freundschaft zu sein, bedeutet, dass man sein eigenes Ego zur Seite stellen kann. Wir brauchen einen Konsens. Jeder muss sich mit jeder Idee anfreuden können.“ Wenn auch nur einer etwas auszusetzen habe, gehe es von vorne los.

Musikmachen mit Freunden

Das klingt nach einem mühsamen Prozess. Doch Lenker bestätigt, dass die großen Grabenkämpfe ihrer Gruppe bereits mit der ersten Studioaufnahme („Masterpiece“, 2016) ausgestanden waren. Danach wurde es nur immer harmonischer. So glaube sie schon deshalb an ihren Traum, auch in 50 Jahren noch Musik zu machen – „wie ein gewisser Robert Zimmerman“.

Die neuen Stücke von Big Thief kreisen erneut um die ewigen Themen des Lebens wie Liebe („12,000 Lines“) und Zuversicht in Zeiten großer Herausforderung („Change“ – vielleicht der schönste Song, den die Band je geschrieben hat). Sie buchstabieren das ganze Folk-Instrumentarium durch, was auch die unterschiedlichen Studio-Einrichtungen mit vier verschiedenen Tontechnikern ermöglichte, und versenken sich auch in Country-Gefilden („Spud Infinity“).

Das Aufnahmekonzept führte zu Liedern, die allesamt eine eigene Reibefläche haben, die kein homogenes Klangbild, aber eine spannungsvolle Vielfalt ergeben. Dabei wandelt sich Lenkers Stimme, als wäre sie einmal von einem frühen Morgenspaziergang gestärkt, ein anderes Mal von Kerzenlichtstimmung belegt.

Auch Gitarre und Schlagzeug finden jeweils eine eigene Tiefe. Adrianne Lenker: „Ich wollte das gar nicht verstecken, dass wir so unterschiedlich aufgenommen haben. Wichtig war die dynamische, landschaftliche Atmosphäre. Man fühlt sich irgendwie, als befände man sich auf einem Abenteuer.“ Die Songs sind allerdings nicht in der Reihenfolge ihrer Aufnahmeorte zusammengesetzt.

Der Wandel der Band und ihr Zusammenhalt sollten spürbar sein, so die Sängerin. Sie sei eine verletzliche Person und brauche für solch eine Offenlegung der eigenen kreativen Möglichkeiten auch den entsprechenden Rahmen, also Menschen, mit denen sie gerne Zeit verbringt. Das sei auch der Grund, warum ihnen gemeinsam überhaupt so viel Ausstoß gelinge. „Da sind noch sehr viele Songs, die wir ausgelassen haben“, sagt sie. Und man glaubt es ihr aufs Wort.

Angesprochen auf die melancholische Grundierung ihrer Songs wird Lenker sehr nachdenklich. Sie schließt ihre Augen, wartet, bis sie antwortet. „Ich fühle mich meiner eigenen Traurigkeit sehr nahe. Aber sie ist nichts Schlechtes. Ich habe einfach nicht das Ziel, rund um die Uhr glücklich zu sein. Ich glaube auch, dass das nicht so klappt.“ Man solle Traurigkeit ertragen, wenn sie komme, und sie auch vorbeiziehen lassen können, um schließlich wieder der Freude des Lebens nahe zu sein. Das richte auch einen anderen Fokus aufs Erleben. Stücke wie „Little Things“ oder „No Reason“ kreisen dieses Gefühl ein.

„Darum geht es auch in ‚Change’“, sagt Lenker. „Würde ich ein ewiges Leben wollen, in dem alles immer gleich bleibt? Nein, das ist die Schönheit des Lebens, dass sich Dinge ändern können. Es gäbe keine Großmütter und keine Babys ohne Wandel.“

Schubladen sind Adrianne Lenker fremd

Melancholie kennt natürlich auch ein gesteigertes Natur- und Selbstempfinden. Hat sie eine stark weibliche Perspektive in ihrer Musik? Wieder denkt Lenker lange nach. Natürlich singe sie als weiße Frau anders als etwa ein schwarzer Mann. „Ich wünsche mir oft, dass wir uns vor allem nur als Menschen verstehen, dass Fragen von Gender und Rasse und sozialer Klasse keine Rolle spielen.“

Viel werde über ihre Kurzhaarfrisur gesprochen, doch ihre Gefühle seien als Ausdruck ihres Menschseins genauso wichtig und doch auch sehr präsent in ihrer Musik. Schubladen, das wird deutlich, sind Adrianne Lenker fremd. Wichtiger ist es ihr, Fragen zu stellen: Was macht uns als Menschen aus? Was ist Natur? Was nutzt uns Menschen unsere Intelligenz, wenn wir nicht glücklich sein können? So ist die feinsinnige Kunst von Big Thief, man hat es schon erahnt, eine, die große Antworten zugunsten vieler kleiner Fragen auslässt. Musik für Menschen mit Zweifeln und Hoffnungen.

Folgen Sie dem Verfasser dieser Zeilen, wenn Sie mögen, auf Twitter und auf seinem Blog („Melancholy Symphony“).