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Neustart für Animal Collective: Dudes mit Stil


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Noch bevor bei Animal Collective aus kleinsten Teilen so etwas wie ein Song wird, steht das Herausfiltern einer Atmosphäre. Die Band arbeitet hart daran, sich dann an dieser fluiden Grundlage zu orientieren, denn der Aufnahmeprozess gestaltet sich bei dem seit ihrer Gründung 1999 mit musikalischen Stilen, Texturen und Ausdrucksformen experimentierenden Kollektiv als mitunter schwierig zu kontrollierendes kreatives Chaos.

„Jeder Song hat eine andere Handschrift und stammt von einer anderen Person“, erzählt Josh Dibb alias Deakin im Zoom-Gespräch gemeinsam mit Kollege Noah Lennox (Panda Bear). „Wir gehen sehr instinktiv an unsere Musik heran, orientieren uns aber an einer Art Leitfaden, der vorher feststeht.“ Bei vier Musikern, die ansonsten anspruchsvolle Solo-Projekte verfolgen, müssen die losen Fäden hier als Team zusammengehalten werden.

Introvertierte Songs

Das kann auch heißen, dass ein Song aus zweien montiert wird, wie „Prester John“, der ersten Single der neuen Platte von Animal Collective. Es besteht aus einem Stück von David Portner, bekannt unter dem Küstlernamen Avey Tare und verantwortlich für die pointilierten Lyrics der Band, sowie Panda Bear. Auch wenn es von den musikalisch in Baltimore sozialisierten Klangverwandlungskünstlern zwischenzeitlich immer etwas zu hören gab, ist „Time Skiffs“ das erste neue Album seit einem halben Jahrzehnt. Der Titel deutet mit seiner Anspielung aufs Segeln schon die Reisebewegung an, die diese neun meditativen, in der Mehrzahl überraschend introspektiven Stücke machen – und die den Reifungsprozess der Musiker spiegeln.

„Diese Songs sind für uns zu so etwas wie Zeitmaschinen geworden“, sagt Panda Bear und bezieht sich darauf, dass die Musiker inzwischen „erfahrene Dudes“ mit Familienleben geworden seien. Das verhinderte ganz profan die regelmäßige Zusammenkunft, mal ganz abgesehen von der Corona-Pandemie, die für die neue Platte den Aufnahmeprozess erschwerte. Dennoch seien die meisten Stücke schon vorher entstanden. Ihren Reiz beziehen sie aber aus einem bislang für Animal Collective in dieser Klarheit noch nicht herausgearbeiteten Live-Klang, der den „digitalen Sound“ der letzten Alben fast schon zurückdrängt.

Der Opener „Dragon Slayer“ beginnt mit hellen Glocken, in „Walker“ (einer ungewöhnlichen Verneigung vor Scott Walker) scheint eine Marimba zu erklingen, und ganz generell hat die Band sehr viel Wert auf perkussive Elemente gelegt, auch wenn am Ende der Synthesizer nur dazu gebracht wurde, bestimmte Instrumente zu imitieren. Deakin: „Das ganze Album sollte einen eigenen Rhythmus atmen. Das gibt den Liedern auch eine sehr hoffnungsvolle Note und es zeigt, wie wichtig uns Musik als Transportmittel von Stimmungen ist.“

Bevor sich die Band im Sommer 2020 für einige Zeit gemeinsam in einem Haus zum Jammen traf, wurden viele Teile über Entfernung zusammengesetzt und schließlich von der filigranen Produzentin Marta Salogni zu einem sehr organisch klingenden Ganzen vereint. Dabei spielte Lautstärke und der Klang der Instrumente eine große Rolle, so Panda Bear. „Wir haben alles Synthetische hinter uns gelassen, um es etwas erdverhafteter zu bekommen“.

Der Klang ist einmal mehr entscheidend

Viel Wert wurde auf Studiotechnik sowie die Ausrichtung von Mikrophonen gelegt. Gut zu hören ist das in „Strung With Everything“, wenn die Band im letzten Drittel gemeinsam mit krachendem Schlagzeug am Mikro zu kleben scheint, um sich in Ekstase zu singen. Das hätte auch ein Überbleibsel aus einer „White Album“-Session der Beatles sein können.

„Ich hatte in den letzten Jahren viele Gespräche mit Dave über den Klang von Jazz-Platten aus den 60ern“, deutet Deakin die Inspiration für diesen Stil. Und was trägt nun bei zu diesen nach wie vor unerhört wirkenden und nun auch in Richtung Ambient dahinsegelnden Sequenzstücken? Panda Bear: „Die Leute hören bei uns so viele Ursprünge heraus, dass man kaum darüber sprechen kann. Die Wahrheit ist: Wenn etwas zu sehr nach einem bestimmten Einfluss klingt, landet es sofort im Mülleimer.“

Noch nie klangen die Perfektionisten von Animal Collective dabei so entspannt und bei sich, vielleicht auch noch nie von sich selbst so erstaunt, wie auf diesem Album.

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