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Bilderbuch sind Falcos Erben

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Bilderbuch sind Falcos Erben

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Sportjacke, Jeans, blond gefärbte Strubbelfrisur: Maurice Ernst hat sich nicht sonderlich herausgeputzt. So sieht jedenfalls kein extravaganter Dandy aus, der gerade vom Männermagazin „GQ“ zum „bestangezogenen Mann Österreichs“ gewählt wurde. „Da ist man den Medien ausgeliefert, was soll man machen?“, seufzt er und zieht die Augenbrauen hoch. Einen Augenblick später weicht die gequälte Miene einem breiten Grinsen. „Jede Liste, in der man vor David Alaba steht, hilft uns auch ein wenig weiter“, sagt er mit Blick auf die kleinen, absurden Grabenkämpfe, die ihn neuerdings begleiten. Maurice ist Sänger der „in Deutschland höchst erfolgreichen heimischen Band Bilderbuch“, wie ein österreichisches Kulturmagazin es, vermutlich nicht ganz unabsichtlich, zuspitzt. Denn Erfolg bei den Piefkes kann bei Austro-Indiebands auch als Beleg für folkloristische Untauglichkeit gelten, wie man aus der scheinbar hartnäckigen Weigerung der Volks-popstation Ö3, Bilderbuch zu spielen, herauslesen könnte. Den Kollegen von Wanda geht es genauso. Nur sind Bilderbuch spätestens nach ihrer EP „Feinste Seide“ und ihrem Amadeus Award eh keine Underground-Band mehr. Und wenn sie auf der Bühne den großen Gatsby des Wiener Powerpop geben, merkt man ihnen an, wie erhaben sie längst über jeglichen Hype-Verdacht deutscher Musikjournalisten sind.

Aus den Teenagern des Jahres 2005, die im überschwänglichen Disko-Existenzialismus ihrer Flegeljahre im besten Fall an die Modest Mouse der Ära „We Were Dead Before The Ship Even Sank“ oder Franz Ferdinand erinnerten, sind die herrlich schmierigen und routinierten Revuekünstler von 2015 geworden. Ganz am Anfang, noch als Jugendliche, haben sie Kinderbücher vertont, woraus der eigenwillige Bandname entstand, den sie später auch nicht mehr ändern wollten. Die vier Klosterschüler erwischten damals im oberösterreichischen Kremsmünster den Zeitgeist gerade so am letzten Zipfel: Gitarrenpop in tanzbaren vier Vierteln. Die Physik eines Popsongs hatten Maurice Ernst und seine Bandkollegen schon damals als Nichtvolljährige verinnerlicht, was sie erstaunlich abgebrüht auf ihrem 2009er Debüt, „Nelken & Schillinge“, beweisen. Lediglich bei den manierlich-fragmentarischen Texten lassen sich schon die Bilderbuch der Jetztzeit erahnen: eine Jam-Session der Hochsprache, damals sogar noch freier von jeder regionalen Färbung. Der Nachfolger, „Die Pest im Piemont“, geht 2011 einen ähnlichen Weg wie das zweite Album der Arctic Monkeys, das die Erfolgsformel des Debüts vorsätzlich mit Füßen tritt und durch etwas ersetzt, das eine beileibe noch nicht erwachsene Band für erwachsen hält: das gefürchtet ernsthafte Diskursalbum. Doch auch wenn man damit die nicht unbeträchtliche Menge der treuen Fans auf weniger verkrampfte Zeiten vertrösten muss, reift Bilderbuch von einer guten Live-Band zu einer regelrechten Schaustellertruppe heran, der immer mehr bewusst wird, dass ihre Nische die Fläche ist. Und dazu gehört auch ein gelber Lamborghini im Video zur Single „Maschin“.

„Deshalb bin ich auch so stolz auf Bilderbuch“, erzählt Maurice Ernst und gießt sich ein Sprudelwasser ein. „Deshalb währt das auch schon zehn Jahre. Wir sind eine Band, die nicht über Radio oder ein Internet-Release gekommen ist, sondern über die Bühne. Wir haben uns im klassischen Sinne den Arsch in Österreich abgespielt, und das kann uns niemand mehr nehmen. Hat man nur ein Internet-Selbstbewusstsein, geht man auf die Bühne und ist ein Würschtl. Du tust so, als wärst du der Coolste, aber in Wirklichkeit fürchtest du dich. Das haben wir Gott sei Dank schon hinter uns.“

Wer das für PR-taugliche Überheblichkeit hält, muss sich mal die „Rockpalast“-Aufzeichnung aus dem Vorprogramm der Beatsteaks anschauen, wo Bilderbuch der oft bis zur Schmerzgrenze souveränen Hauptband auch ohne Greatest-Hits-Programm keine Chuzpe-Points schuldig bleiben. Es ist nicht nur der Wille zur modischen Extravaganz, die vor allem Ernst und Gitarrist Michael Krammer live ausmachen, sondern auch der zur gestischen. Indirekt gibt die Band mit ihrem showmanship zwar zu, dass ihr die lyrische Quintessenz gerade relativ wurscht ist, aber dafür bekennt sie sich zur ehrlichsten und schwierigsten aller Bühnendienstleistungen: der Unterhaltung ihres Publikums. Und das auf dem instrumentalen Niveau einer Studioband.

Ihr drittes Album, „Schick Schock“, ist auch Grund genug, sich an sich selbst zu berauschen, wenn man das kleine Wunder vollbringt, bestmögliche Popsongs mit einer orgiastischen Produktion und einem teuflischen Vergnügen am Zitat zu verbinden, ohne dass es nach Collage klingt.

„Wir wollten dieses Mal bewusst Musik machen, die man gerne hört, bei der man sich selber genügt. Schon bei der EP haben Mike (Gitarrist Michael Krammer – die Red.) und ich Monate damit zugebracht, Kanye West und Prince zu hören. Wir wollten eine kompromisslose Snare wie auf einer Prince-Platte, aber trotzdem einen scheißgeilen Song. Dann haben wir auch diese Kanye-Attitüde in uns aufgenommen und gesagt: Man darf wieder mehr als Künstler, man darf sich ruhig ein wenig überspitzen, solange die Qualität stimmt.“

Unter der Best-dressed-Oberfläche pulsiert eine ehrgeizige Mucker-Attitüde, die im deutschsprachigen Raum seit Jahren darauf wartet, von ihrem 90er-Jahre-Streber-Pickerl befreit zu werden. Fallbeispiel Gitarrensoli auf einer sonst eher nach moderner R’n’B-Deklination produzierten Platte: „Es war unsere bewusste Überlegung, die Gitarre auf ein neues Niveau zu heben. Das ist eine extreme Gitarrenplatte geworden, und wir sagen: Verdammt, der Mike ist ein Guitar Hero, und wir müssen das auch so leben!“

An der Art, wie Maurice über den Paradigmenwechsel der Band seit der „Feinste Seide“-EP und ihr vermeintlich leidliches Austro-Pop-Erbe referiert, merkt man, dass er schon etliche Interviews zu diesem Thema auf seinem jungen oberösterreichischen Buckel hat. Immer wieder hebt er dabei das Arbeitsethos und die handwerklichen Fähigkeiten hervor, die bei Bilderbuch hochgehalten werden. Eine Begeisterung, die völlig ungebrochen und ohne jede Ironie daherkommt: „Ich war mal auf einem Kolloquium in Potsdam, die haben mich zum Thema deutschsprachige Lyrik eingeladen. In der Vorstellungsrunde habe ich gesagt, ich fühle mich Toto näher als Bob Dylan. Und das meine ich von Herzen. Ich will mich als Musiker fühlen, als Muckerband. Und unsere Gitarrensoli sind der Beweis: Man kann auch wieder zu Virtuosität stehen.“

Tatsächlich ist vor allem die Bereitschaft zum streberhaften Tüfteln-und-sich-erst-dann-gehen-Lassen die Stärke von „Schick Schock“. Dass man sich zunächst gegenseitig Skizzen und Samples durchs Mailprogramm zuschmeißt, wie die Band es beschreibt, ist die notwendige Vorproduktion des nun folgenden Theaterstücks – in der manischen Hauptrolle: Maurice Ernst als „Maurice Antoinette“, der entklemmt lustwandelnde Austro-Prince mit der professionellen Publikumsansprache eines Vaudeville-Darstellers und der Selbstgefälligkeit eines Rappers. Eine Opéra comique mit den Stahleiern des HipHop. Klar, auch der pseudo-diskursgetriebene Vorgänger, „Die Pest im Piemont“, war schon Theater, das Bühnenbild war allerdings karg und schwarz.

„Die Attitüde war auch eine ganz andere“, sagt Maurice – und so wie er sich zurücklehnt, hat man nicht das Gefühl, als entschuldige er sich. „Das war halt progressiv. Ich denk mal so: Die erste Bowie-Platte hat ja auch nix mit der zweiten zu tun und trotzdem hört man den Bowie heraus. Und bei uns gibt’s jetzt die dritte Platte, und in so einer kurzen Distanz fallen Diskrepanzen natürlich extrem auf. Wir wollten uns mit dem ersten Album nicht als Teenieband abstempeln lassen.“

Während „Nelken und Schillinge“ sich noch an Gitarrendiskotheken orientiert, gleicht „Die Pest im Piemont“ einer Erkrankung des vegetativen Popsystems. Erst aus dieser fiebrigen Verkopfung kann ganz ohne Reue „Schick Schock“ entstehen. Das Album einer Band, die sich mit Gusto dahin treiben lässt, wo sie Fragen aufwerfen wird. Und jetzt stimmt auch der Anschluss, um sich nach dem 500 Kilo schweren rosa Elefanten namens Falco zu erkundigen, der es sich nicht nur wegen Maurice’ Denglisch-Exzessen und seiner Lust am phonetikgetriebenen Neologismus auf der Platte bequem gemacht hat, sondern auch im Rahmen einer neu entfachten Diskussion darüber, inwiefern die Neue Österreichische Welle sich denn überhaupt an den Devotionalien des Austro-Pop von Falco bis zu Ambros, Cornelius & Co. vergreifen dürfe, ohne sich als verirrte oder gar berechnende Traditionalisten verdächtig zu machen.

„Das wurde uns zuerst bei der EP attestiert und kam eigentlich überraschend. Vermutlich weil unser Sound international, aber doch deutschsprachig ist, hat man gesagt: Das ist wie Falco. Die Strophentexte von ‚OM‘ waren auch eine Reaktion darauf. Aber es hat angefangen Spaß zu machen, mit einem Klischee zu spielen, das einem attestiert wird, von dem man gar nicht wusste, dass man da hinwill.“

Dieses sture Nicht-mehr-Zurückrudern von den Poptraditionen des Mutterlands verbindet Bilderbuch mit den Wiener Kollegen von Wanda. Man plündert genüsslich, wo es passt. Und nichts muss einem peinlich sein, nur weil es wie etwas klingt, das vorher da war.

„Deutschsprachige Musik hat’s bei uns ja immer gegeben, aber sie hat sich den österreichischen Traditionen verschlossen. Wahrscheinlich wollte man sich emanzipieren. Man hat bewusst auf jegliche Klischees verzichtet, die man sich durch die Kultur eigentlich erarbeitet hat. Was jetzt mit Wanda und Bilderbuch passiert: Man spielt wieder ein bisschen mit dem kulturellen Back-up, und dann werden einem halt so Schlagwörter wie „Lässigkeit“ oder „Arroganz“ attestiert, aber man muss sich gar nicht dagegen wehren. Nur so bekommt deutschsprachige Musik in österreichischer Tradition wieder einen Drive. Wanda und Bilderbuch sind die Ersten, die sich mit einer Selbstverständlichkeit hinstellen und sagen: Wir sind größer als das System.“

Das scheint beiden Bands tatsächlich wichtiger als die schnelle D-Mark: die Rückeroberung der Deutungshoheit in der Heimat. Nicht der ORF soll entscheiden dürfen, was Bilderbuch und Wanda bedeuten – das will man gefälligst selbst, und die qualitativ narrensicheren aktuellen Alben beider Bands sind der Rammbock gegen das Burgtor der angeblichen öffentlich-rechtlichen Ignoranz. Denn Bilderbuch reicht es nicht mehr, vom progressiven Radiosender FM4 in den Himmel gehoben zu werden, sie wollen von Ö3 in aller Konsequenz für die Masse gespielt werden. Oder?

„Voll“, sagt Maurice. „Und ich bin froh, dass es Wanda gibt, weil dann nicht eine Band allein die Last tragen muss. Man muss das Spiel einfach umdrehen und sagen: Wir österreichischen Bands sind größer als euer kleines, kleines System! Das können wir zusammen erreichen.“

Trotz Maurice’ Kampfansage kann man nicht ignorieren, dass „Schick Schock“ textlich eher Müßiggang und Blendertum als gesellschaftlichen Aktivismus propagiert – aber da widerspricht er energisch: „Nein. Nein! Nummern wie ‚Plansch‘, ‚Maschin‘ oder ‚Gigolo‘ sind nicht unpolitisch. In dem Moment, wo du mit blau gefärbten Haaren auf einem Lamborghini hin- und herrutschst, ist das für mich ein politischer Akt. Doch was auch stimmt, ist: Das meiste passiert in der Rezeption und liegt nicht in meiner Macht – aber unpolitisch sind die Songs nicht.“

Es schwingt also schon eine Vision von Gesellschaft mit? „Auf jeden Fall. Das ist ein Spiegel-Album. Das letzte war ein Zeigefinger-Album.“

Bleibt die Frage, ob man Erfolg auch einfach nur als Selbstzweck haben darf. Und ehrlich gesagt wäre ich enttäuscht, würde sich Maurice gegen Ende des Gesprächs mit dem ROLLING STONE als bescheidener Liedautor erweisen. Ab welchem Punkt war ihm denn klar, dass er es jetzt ganz brutal wissen will?

„Ach, die Wahl hat man ja gar nicht. Bei uns war immer Zug nach vorne. Und bei der ‚Feinste Seide‘-EP waren wir in einem Alter, wo es Umbrüche gab, da ist der Schlagzeuger ausgestiegen, und dann war da dieses ‚Jetzt erst recht, aber ganz entspannt!‘. Und dann dreht sich wieder ein Rad und die Entscheidung wird dir wieder abgenommen. Wir wären verrückt, würden wir jetzt nicht weitermachen. Über die nächsten zwei Jahre werde ich wahrscheinlich noch mein ganzes Leben lang reden.“

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