Label stellt sich gegen Drake: „Haarsträubend heuchlerisch“
Drake kann noch immer nicht klein beigeben – sein eigenes Label nennt ihn deshalb „heuchlerisch“.
Universal Music Group schlägt erneut gegen Drake zurück. In einem neuen Berufungsschriftsatz bezeichnet das Label den Versuch des Rappers, seine gescheiterte Verleumdungsklage wegen Kendrick Lamars „Not Like Us“ wieder aufzunehmen, als unlogisch und „haarsträubend heuchlerisch“.
In dem ROLLING STONE vorliegenden 83-seitigen Schriftsatz wirft das Label dem kanadischen Rapper Aubrey Drake Graham vor, „das Recht auf den Kopf zu stellen“. Der Schriftsatz argumentiert, US-Bundesrichterin Jeannette A. Vargas habe im vergangenen Oktober korrekt entschieden, als sie zu dem Schluss kam, Lamars Lyrics, die Drake als Pädophilen bezeichnen, seien „nicht klagbare Meinungsäußerung“. Es seien also keine Tatsachenbehauptungen.
Das Label erklärt, Drake habe sich offensichtlich frei gefühlt, UMGs Plattform zu nutzen, um Lamar „in ebenso aufwieglerischen Worten“ anzugreifen, wenn es ihm passte. Nun aber fordere er einen anderen Maßstab für die „Worte, die ihm jetzt missfallen“ und die gegen ihn gerichtet wurden. „[Drake] versucht, Worte aus ihrem Kontext zu reißen und sie als klagbare Verleumdung einzustufen, wenn irgendwer, irgendwo sie möglicherweise als Tatsachen auffassen könnte.“
Richterin sah Rap-Battle-Kontext
In ihrem Urteil, mit dem sie Drakes Klage im vergangenen Herbst abwies, stellte Richterin Vargas fest, Lamars Lyrics seien als „direkter Rückbezug auf Drakes eigene Lyrics“ in einem „hitzigen Rap-Battle mit aufwieglerischer Sprache und beleidigenden Anschuldigungen von beiden Seiten“ zu verstehen. Sie kam zu dem Schluss, ein vernünftiger Zuhörer würde davon ausgehen, Lamar rappe „hyperbolische Schmähungen“ – keine „nachprüfbaren Tatsachen“.
„Die Frage in diesem Fall lautet, ob ‚Not Like Us‘ von einem vernünftigen Zuhörer so verstanden werden kann, dass Drake tatsächlich ein Pädophiler ist oder sexuelle Beziehungen zu Minderjährigen hatte“, schrieb Vargas. „Angesichts des Gesamtkontexts, in dem die Aussagen in der Aufnahme gemacht wurden, kommt das Gericht zu dem Schluss: Nein.“
Das neun Songs umfassende Rap-Battle im Zentrum dieses Rechtsstreits sorgte ab April 2024 für Schlagzeilen. Es eskalierte, als Drake am 3. Mai 2024 „Family Matters“ veröffentlichte und Lamar darin häuslicher Gewalt bezichtigte. Er behauptete, Lamar sei nicht der Vater eines seiner Kinder. Dieser antwortete mit den unmittelbar aufeinanderfolgenden Drops „Meet the Grahams“ und „Not Like Us“. Die Hook des von Letzterem – „certified lover boy, certified pedophile“ – ging augenblicklich viral.
Drakes eigene Lyrics als Beleg
UMG erklärt, das Gericht habe zu Recht betont, dass die neun Songs „miteinander im Dialog stehen“. Es weist darauf hin, dass Lamars Zeile „Say, Drake, I hear you like ‚em young“ eine offensichtliche Antwort auf Drakes Lyrics in „Taylor Made Freestyle“ gewesen sei. Darin hatte Drake Lamar aufgestachelt, Gerüchte zu wiederholen, Drake habe jemanden Minderjähriges gedatet. „Talk about him likin‘ young girls“, rappt Drake in dem Track.
„So sehr Drake diesen Kontext im Nachhinein auch missfallen mag – er ist nach New Yorker Recht legitim und man muss ihn berücksichtigen“, argumentieren UMG und seine Anwälte in dem Schriftsatz.
Das Label bezeichnet es außerdem als „widersinnig“, dass Drake behaupte, Lamars Lyrics könnten verleumdend sein. Rap-Lyrics werden in Strafprozessen mitunter als Beweismittel zugelassen. UMG hält dagegen, dass dieser Kontext – in dem eine Jury unter anderen Rechtsmaßstäben Tatsachenfeststellungen treffen soll – ein grundlegend anderer sei. Zudem weist das Label darauf hin, dass Drake im November 2022 eine Petition unterzeichnet hatte. Diese kritisierte Staatsanwälte dafür, den kreativen Ausdruck von Künstlern als Tatsache zu behandeln.
Vorwurf der Heuchelei
„Drakes Argument ist zudem haarsträubend heuchlerisch“, heißt es in dem Schriftsatz. Dieser zitiert die Petition, in der es hieß, „Rap-Lyrics werden mehr als jede andere Kunstform im Wesentlichen als Geständnisse eingesetzt, um schwarze Kreativität und Kunstfertigkeit zu kriminalisieren.“ Dies sei „unamerikanisch und schlicht falsch“. Der Schriftsatz legt nahe, Drake nehme nun die entgegengesetzte Position ein, um seinen eigenen Interessen zu dienen.
In seinem 60-seitigen Berufungsschriftsatz vom Januar hatte Drake sein Argument erneuert. Lamars Track stelle als „präzise“ und „eindeutige Tatsache“ fest, dass Drake ein „zertifizierter Pädophiler“ sei. Er behauptete, UMG habe „Not Like Us“ „unablässig“ auf eine Weise vermarktet, die Verbraucher in die Irre geführt und ihm ernsthaften Schaden zugefügt habe. Lamars Lyrics seien „beweisbar wahr oder falsch“ – weshalb seine Klage vor eine Jury gehöre.
Drake und seine Anwälte machten ferner geltend, die Abweisung seiner Klage könnte weitreichende negative Folgen haben. Dies schaffe eine „gefährliche Regelung“, die Künstler und Labels unabhängig davon schützen würde, wie extrem oder schädlich ihre Anschuldigungen sein mögen. UMG entgegnete am Freitag, dieses Argument „verzeichne“ Richterin Vargas‘ Urteil „auf eklatante Weise“.
Kein Freifahrtschein für Diss-Tracks
„Es wurde nirgendwo festgestellt, dass ein Diss-Track niemals verleumdend sein kann. Es wurde lediglich anerkannt, dass der ‚durchschnittliche Zuhörer‘ in diesem Kontext und die ‚allgemeine Erwartung‘ an Aussagen in diesem Format von Bedeutung sind“, heißt es in UMGs Schriftsatz.
Drake hatte UMG ursprünglich im Januar 2025 verklagt. Er warf dem Label vor, Lamars Hit so zu bewerben, dass er „die spezifische, unverkennbare und falsche Tatsachenbehauptung vermitteln sollte, Drake sei ein krimineller Pädophiler“. Bemerkenswert: Er verklagte nur das Label, das ihn und Lamar vertritt – nicht Lamar selbst.
UMG konterte mit zwei vernichtenden Anträgen auf Klageabweisung, die letztlich erfolgreich waren. „Der Kläger, einer der erfolgreichsten Aufnahmekünstler aller Zeiten, hat ein Rap-Battle verloren, das er selbst provoziert hat und an dem er freiwillig teilnahm“, schrieben UMGs Anwälte. „Anstatt die Niederlage so hinzunehmen, wie es der unerschütterliche Rap-Künstler tun würde, als der er sich so oft inszeniert, hat er sein eigenes Plattenlabel verklagt – in einem verfehlten Versuch, seine Wunden zu lecken.“
Grammy-Triumph und Super Bowl
„Not Like Us“ gewann die Grammy Awards für Record of the Year und Song of the Year und wurde damit erst der dritte Hip-Hop-Song, dem das gelang – nach Childish Gambinos „This Is America“ und Lizzos „About Damn Time“. Lamar performte den Song außerdem während der vielgesehenen Super-Bowl-Halbzeitshow 2025.
Drake hat bis zum 17. April Zeit, auf UMGs neuen Berufungsschriftsatz mit einer Erwiderung zu antworten.