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‘Dune’ wird 30: Das große Epos, das David Lynchs Karriere fast erledigt hätte

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‘Dune’ wird 30: Das große Epos, das David Lynchs Karriere fast erledigt hätte

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Zu den Werken des Regisseurs Alan Smithee gehören Kuriositäten wie „McGyver“, „Fade-In / Iron Cowboy“, „The Shrimp On The Barbie“ –  und „Dune – der Wüstenplanet“. „Dune“ zumindest inoffiziell. Denn eigentlich ist der 1984 entstandene Film von David Lynch. Weil der sich aber mit den Produzenten über eine Schnittfassung nicht einig werden konnte, griff man für die TV-Fassung kurzerhand auf Alan Smithee zurück – ein Name, der die Höchststrafe garantiert: Den Mann gibt es gar nicht, das Smithee-Siegel kriegen alle Filme, für die keiner mehr die Verantwortung übernehmen will.

Der Schlusspunkt eines Projekts, das nahezu alle Beteiligten ablehnten. Allein die Liste der engagierten Kräfte liest sich wie eine Beverly-Hills-Party, weniger wie ein Team mit Mission: Lynch, Produzent Dino De Laurentiis, europäische Schauspieler wie Max von Sydow und Jürgen Prochnow, dazu die Musiker Sting, Brian Eno, Toto, sogar Michael Bolton ist kurz zu sehen.

Frank Herberts „Dune“-Romanvorlage, 1965 mit Band eins als Saga gestartet, umfasste vor Drehstart bereits vier Bücher mit tausenden Seiten. Bevor Lynch sich ans Werk machte, hatten sich in den Siebzigern schon Regisseur Alejandro Jodorowsky  und Artdesigner HR Giger die Zähne am „Wüstenplanet“ ausgebissen, die Dreharbeiten (mit Salvador Dalí als Hauptdarsteller!) wurden nie begonnen. Für Jahre sollte „Dune“ als unverfilmbar gelten.

Lynch kürzte seine Kinofassung von mehr als vier Stunden erst auf drei Stunden, schließlich landete er bei 137 Minuten – in den Achtzigerjahren des Kinos nahezu eine Maximallänge; in der heutigen „Avatar “-Ära wäre „Dune“ dagegen fast unverschämt kurz. Die Sitzungen im Schneideraum, die Auseinandersetzungen zwischen Lynch und Produzent de Laurentiis, müssen die Hölle gewesen sein.

Über die Kohärenz der verschiedenen Schnittfassungen lässt sich nicht streiten. Die fertigen Versionen sind wie Baustellen. Es gibt Voice-Over, als Erzählmittel stets eine Verzweiflungstat; nicht weiter verfolgte Charaktere (Virginia Madsens Prinzessin aus dem Intro); sowie die für „Dune“ bereits im Roman sinnfrei wirkenden Übertragungen aus der Sprache der Religionen: „Sie bringen uns den Heiligen Krieg! Den Dschihad!“. Den Tiefpunkt markieren wohl die Comic-Einblendungen, eingefügt in der Post-Produktion der TV-Fassung, um inhaltliche Löcher zu stopfen – jetzt wirkte „Dune“ wie ein Lehrfilm für Kinder. Einige der Figuren, vor allem Linda Hunt, von Sydow oder Richard Jordan, sind nur für drei Szenen respektive zehn Minuten zu sehen. Was für ein Versäumnis.

Beeindruckend aber bleibt, auch heute noch, das visuelle Ergebnis der 40-Millionen-Dollar-Produktion (was dem heutigen Gegenwert von 200 Millionen entspricht). Lynch hat eine Welt ins Kino gestemmt, deren Gesetzmäßigkeit man zu keiner Zeit in Frage stellt. Das Leben auf den Planeten Arrakis, Caladan, Giedi Prime  –  und man glaubt sogar den Geruch und Geschmack dieser Welten zu spüren – sollten über Jahrzehnte die letzten im Kino sein, die vollendet erscheinen.  Der Film ist ein Ausstattungs- und Maskenwunder, von den Militär-Uniformen, dem barocken Design der Raumschiffe, bis hin zur Industrielandschaft auf dem Planeten der Harkonnen und der allgegenwärtigen Droge „Spice“, die zu Mensch-Mutationen führt. Erst Peter Jacksons „The Lord Of The Rings“-Verfilmung, die 17 Jahre später kam, würde eine neue Fantasy-Welt glaubhaft abbilden. Auch Lynchs „Dune“ war ja ursprünglich auf drei Teile angelegt, es sollte anders kommen.

Überhaupt, das „Spice“. Um dieses Halluzinogen, durch deren Gebrauch sich das Universum erst erkennen und dann lenken lässt, dreht sich alles. Das „Spice“ gilt als höchstes Gut, Schurken wie Helden wollen es auf dem Wüstenplaneten fördern. Wann hat es das je in Hollywood gegeben: ein Film, der Drogen in derart positives Licht rückt? Als Mittel, um über die Galaxis zu herrschen? Einige Kritiker sehen im Wüstenvolk der Fremen, die direkten Zugang zum „Spice“ haben, eine Anspielung an die Völker des Mittleren und Nahen Ostens.  So, wie die Fremen die Spice-Produktion kontrollieren können, würden das etwa die Saudis mit dem Öl tun. Die Imperialisten um Shaddam IV (Jose Ferrer), die den Wüstenbewohnern deshalb auf die Pelle rücken, seien dann die USA.

Die revolutionäre Geschichte Frank Herberts jedenfalls findet auf der Leinwand ihren Niederschlag. Das Königshaus der Hauptfigur, des Kronprinzen Paul Atreides (Kyle McLachlan), wird von den Harkonnens (Sting spielt einen bösen Neffen), gestürzt. Mittellos auf dem Wüstenplaneten gestrandet, muss Paul sich den Fremen anschließen, wird zum Spice-User, dadurch Beherrscher der riesigen Sandwürmer und dann Anführer der Rebellen-Armee. Am Ende ist Paul Atreides  zum Gott aufgestiegen – er lässt den ewig ersehnten Regen auf  die Wüste „Dune“ herabprasseln. Mehr Macht eines Drogenabhängigen geht nicht.

Filmemacher David Lynch war für „Dune“ vielleicht nicht der richtige Mann. Er zieht, das hätte Produzent de Laurentiis schon nach Lynchs Debüt „Eraserhead“ (1975) klar sein können, unterbewusst wirkende Bilder und Andeutungen einer verständlichen Umsetzung des epischen Stoffes vor. Aber den damals 37-Jährigen zu engagieren war dennoch eine Idee, die sich leicht nachvollziehen lässt. Lynch galt als heißer Nachwuchs, war ein Protegé von Mel Brooks, und schon sein zweiter Film, „The Elephant Man“, erhielt 1981 acht Oscar-Nominierungen. Die Regie von „Star Wars: The Return Of The Jedi“ lehnte Lynch noch ab, bei „Dune“ wurde er dann schwach. Zumindest verwirklichte Lynch auch in dieser Großproduktion jene Vision, die schon die Vorgängerfilme prägte: mutierte Körper, die in einer Welt der Ausgrenzung um Anerkennung kämpfen.

„Dune“ kam zur Weihnachtszeit 1984 in die Kinos und floppte fürchterlich. Nie wieder würde Lynch einen derart großen Film übernehmen. Aber das ist vielleicht auch ganz gut so. Mit weniger aufwendigen, aber nicht wirklich kleineren Stoffen sollte er zu einer Größe aufsteigen, die bis heute ihresgleichen sucht. Lynchs nächste Projekte nach dem „Wüstenplaneten“ hießen: „Blue Velvet“ und „Twin Peaks“. Und der Name Alan Smithee verschwand für immer aus dem Kosmos des David Lynch.

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