Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Mystische Brüste und kastrierte Philosophen

Vor zwei Jahren habe ich eine neue Band gegründet, sie heißt DIE REALITÄT. Wir sind super: sehr laut – aber süß. It’s indie as fuck, wie meine Großtante zu sagen pflegte. Oder wie wir zu sagen pflegen: „Heute, wo sich niemand mehr für Bands interessiert, haben wir eine gegründet.“ Man nennt das womöglich antizyklisches Arbeiten. Oder man nennt es sonst irgendwie. Worauf ich hinaus will: Es ist für hiesige Indie-Musiker verführerisch, vergangene Zeiten zu glorifizieren: „In den späten Achtzigern wären wir groß gewesen! Spex-Titelbild mindestens!!“

Vor ein paar Tagen fand ich eine olle Spex-Ausgabe aus dem Jahr 1988: „The German Issue“ verhieß das Cover in knalliger Manier. Auch eine Liste wurde angekündigt: „Deutschland – alle Bands“. Dazu als Cover-Stars Die Goldenen Zitronen, ein Artikel über die deutsche „Gitarren-Provinz“ (der unser Waltroper Produzent Olaf O.P.A.L. entstammt), ein weiterer über deutschen Trash-Metal und eine unterhaltsames Blind Date mit Bernd Begemann und Philip Boa.

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Der Zitronen-Artikel von der großartigen Clara Drechsler ist natürlich phänomenal und sollte mehrfach in allen Deutsch-Leistungskursen des Landes durchgenommen werden. Das wirklich Schöne an dem Heft aber ist besagte Liste, mit der die Redaktion bemüht war, alle Bands abzubilden, die zu jener Zeit unter dem Banner „Indie“ in Deutschland aktiv waren.

Natürlich finden sich einige Künstler, die schon damals – auf unterschiedlichen Levels – nicht ganz unpopulär waren: Boa, die Neubauten, FSK, Westbam. Andere fanden erst später so richtig zu sich: Tom Liwa und seine Flowerpornoes etwa, die hier ebenfalls, noch auf Englisch singend, auftauchen. Viel schöner aber ist es, heute die schillernden Namen der anderen 250 Bands zu lesen: The 7 Roberts, Shizzo Flamingos, Verichrome Tulips, Wxrey and the Caterpillars, The Nesthaken, Kiwisex, Eric Hysteric …

Was ist schief gelaufen?

„Was ist aus ihnen geworden?“, fragt man sich. „Arbeiten die heute alle als Unternehmensberater oder Kaufhausdetektive?“ Man kann sich aber auch anderes fragen: „Was ist schief gelaufen? Und wann?“ Beziehungsweise ganz anders: „Was ist diesen tapferen Reckinnen und Recken erspart geblieben, nachdem sie ihre stockenden Indie-Karrieren beendet und ihre Träume an den Ufern ihrer Dorflüsse begraben haben?“.

Da wäre zum Beispiel „Der Beat from Bagdad“, das Ein-Mann-Projekt eines gewissen Paul Fantini aus Bonn. Seinen Song „Crying in the Kitchen“ vom Album „Me and my Rhythm Guitar“ (wird heute für um die 70 Euro gehandelt) hörte ich in jenen Erweckungsjahren in der prägenden WDR-1-Sendung „Graffiti“ und war daraufhin einigermaßen hin und weg: Beat Happening und Jonathan Richmann mit schönstem 39-Clocks-Gedächtnisakzent in einer Bonner Lo-Fi-Küche – ganz toll! Ich wüsste gerne, was aus Fantini geworden ist. „Graffiti“-Moderator Thomas Elbern übrigens spielte auch in diversen deutschen Indie-Bands. Die prominentesten waren vermutlich Pink Turns Blue (ebenfalls in der Spex-Liste vertreten), bei denen er allerdings schon 1987, unter anderem wohl wegen seiner Tätigkeit als Radio-Host, ausgestiegen war.

Kastrierte Philosophen

Meine Lieblingsband aus der Liste sind ganz klar Kastrierte Philosophen (nicht zu verwechseln mit den ebenfalls vertretenen Die Philantropen mit den zerrissenen Hosen aus Düsseldorf!). Kastrierte Philosophen – vor allem ihr Album „Nerves“ – kam noch in diesem Jahr häufig bei mir zum Einsatz. Wer daran interessiert ist, wie es klingen könnte, wenn Velvet-Underground-beeinflusster amerikanischer 80er-Gitarrennoise auf Nico-eske Neo-Chanson-Intonation trifft, der sollte hier bedenkenlos zugreifen. Gitarrist Matthias Arfmann produzierte später so einiges, unter anderem „Bambule“ von Absolute Beginner. Sängerin Katrin Achinger scheint ebenfalls noch in Maßen musikalisch aktiv zu sein. Darüber hinaus schreibt sie Bücher.

Manche in der Liste vertretenen Bands sagen mir gar nichts, allerdings klingt die ein oder andere Beschreibung mehr als verführerisch. Als Beispiel sei die Formation Mystic Brust (!) genannt, über die es hier heißt: „LP kommt mit Libretto mit Ezra-Pound-, Artaud- und Bibel-Zitaten und entfesseltem Irrsinn („Kosmische Titten“, „pangalaktische Dandies“), einen Haufen Cassetten hat die Band schon hinter sich, trotz Spinnerimage (und –fotos) teilweise sehr gute, neu angewandte Psychedelia, teilweise erträglich.“ Ich glaube, ich muss ganz dringend dieses Mystic-Brust-Album besitzen! Hat das jemand? Ich muss mal um eine Audienz beim großen Obskuritäten-Connaisseur Earl Orlog bitten.

Sehr gut hört sich auch die Beschreibung von Chaoten Combo 7 und die Atombusensingers an, von der es die Single „Der Mörder mit der weißen Wurst“ zu suchen gilt: „Dialekt-Pogo trifft Liedermacher-Psychobilly unter ungeregelten Umständen“, schreibt Spex.

„Treten grundsätzlich nur mit Malerin/Dia-Performerin auf.“

Aber nicht alle Bands jener Tage litten damals unter einem Busen-Fimmel. Viele waren auch eher Kunst-mäßig unterwegs. Über die Osnabrücker (!) Formation Poison Dwarfs (Album: „La Ronde“) heißt es: „Treten grundsätzlich nur mit Malerin/Dia-Performerin auf.“ Das sollte meines Erachtens ohnehin wieder viel mehr gemacht werden, würde auch heute noch sehr funktionieren! Grandios auch die Pseudonyme der Mitglieder der Fun-Punker Rudolfs Rache: Winnetou I – voc, Winnetou II – g, Winnetou III – b, Old Shatterhand – dr. Einer nannte sich gelegentlich auch Nihil Young. Winnetou II arbeitet heute übrigens als Konzert-Booker. Oder war es Old Shatterhand?

Man kann natürlich nächtelang am Kaminfeuer darüber meditieren, was aus all diesen Bands geworden wäre, hätte ihnen bereits das Internet zur Verfügung gestanden. Ebenso ließe sich darüber nachsinnen, wie es wäre, wenn heutigen Indie-Bands noch die Spex zur Verfügung stünde. Man kann sich aber auch das Knie mit Marmelade bestreichen. Am Ende ist doch alles nur Realität.

Einstweilen möge man mich bitte mit Informationen über den Verbleib von Paul Fantini versorgen, damit ich eines Tages sagen kann: I know, where Der Beat From Bagdad lives.


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