Spezial-Abo

Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Mystische Brüste und kastrierte Philosophen

Folge 190

Vor zwei Jahren habe ich eine neue Band gegründet, sie heißt DIE REALITÄT. Wir sind super: sehr laut – aber süß. It’s indie as fuck, wie meine Großtante zu sagen pflegte. Oder wie wir zu sagen pflegen: „Heute, wo sich niemand mehr für Bands interessiert, haben wir eine gegründet.“ Man nennt das womöglich antizyklisches Arbeiten. Oder man nennt es sonst irgendwie. Worauf ich hinaus will: Es ist für hiesige Indie-Musiker verführerisch, vergangene Zeiten zu glorifizieren: „In den späten Achtzigern wären wir groß gewesen! Spex-Titelbild mindestens!!“

Vor ein paar Tagen fand ich eine olle Spex-Ausgabe aus dem Jahr 1988: „The German Issue“ verhieß das Cover in knalliger Manier. Auch eine Liste wurde angekündigt: „Deutschland – alle Bands“. Dazu als Cover-Stars Die Goldenen Zitronen, ein Artikel über die deutsche „Gitarren-Provinz“ (der unser Waltroper Produzent Olaf O.P.A.L. entstammt), ein weiterer über deutschen Trash-Metal und eine unterhaltsames Blind Date mit Bernd Begemann und Philip Boa.

Spex-Buch auf Amazon.de kaufen 

Der Zitronen-Artikel von der großartigen Clara Drechsler ist natürlich phänomenal und sollte mehrfach in allen Deutsch-Leistungskursen des Landes durchgenommen werden. Das wirklich Schöne an dem Heft aber ist besagte Liste, mit der die Redaktion bemüht war, alle Bands abzubilden, die zu jener Zeit unter dem Banner „Indie“ in Deutschland aktiv waren.

Natürlich finden sich einige Künstler, die schon damals – auf unterschiedlichen Levels – nicht ganz unpopulär waren: Boa, die Neubauten, FSK, Westbam. Andere fanden erst später so richtig zu sich: Tom Liwa und seine Flowerpornoes etwa, die hier ebenfalls, noch auf Englisch singend, auftauchen. Viel schöner aber ist es, heute die schillernden Namen der anderen 250 Bands zu lesen: The 7 Roberts, Shizzo Flamingos, Verichrome Tulips, Wxrey and the Caterpillars, The Nesthaken, Kiwisex, Eric Hysteric …

Was ist schief gelaufen?

„Was ist aus ihnen geworden?“, fragt man sich. „Arbeiten die heute alle als Unternehmensberater oder Kaufhausdetektive?“ Man kann sich aber auch anderes fragen: „Was ist schief gelaufen? Und wann?“ Beziehungsweise ganz anders: „Was ist diesen tapferen Reckinnen und Recken erspart geblieben, nachdem sie ihre stockenden Indie-Karrieren beendet und ihre Träume an den Ufern ihrer Dorflüsse begraben haben?“.



Eric Pfeils Pop-Tagebuch: 200 Jahre „Macarena“

Folge 200 Als ich vor 61 Jahren mit dieser Kolumne begann, war dort, wo sich heute blühende Poplandschaften befinden, karstiges Brachland. Niemand grüßte den anderen. Die Welt war ein in schwarzweiß ausgestrahltes Grau. Die Beatles gingen noch zur Schule. Ringo hieß zu diesem Zeitpunkt noch Ingo, das „R“ addierten seine Berater erst später aus Coolnessgründen dazu. Seither hat die Popmusik zahlreiche Erneuerungen, Durchwirbelungen und Häutungen erfahren. In all diesen Jahren lag ich mit meinen messerscharfen Analysen des Musikbetriebs meistens richtig. Manchmal aber auch nicht. Zwar habe ich HipHop, Hamburger Schule und den „Macarena“-Song vorhergesehen. Allerdings habe ich auch in einer…
Weiterlesen
Zur Startseite