Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Haltet die Kinder da raus!


von
Eric Pfeil
Eric Pfeil

Folge 243

Anna, Roderich, Clara und Ulf sitzen anlässlich ihres traditionellen Adventssaufens beisammen. Soeben hat das Gespräch den Themenkomplex „Weltuntergang und allgemeiner Daseinsverdruss“ verlassen. Man wendet sich der Popmusik zu.

Ulf: War 2022 jetzt ein gutes Pop-Jahr?

Roderich: Pop ist so egal geworden, oder?

Clara: Jahre aber auch.

Ulf: Dann halt Musikjahr – meine Güte! War es ein gutes Musikjahr?

Clara: Kate Bush hatte einen Hit. Insofern für mich ein gutes Musikjahr.

Roderich: Ja, aber mit einem uralten Song. Was nur wieder zeigt, wie schlimm es um Pop bestellt ist, wenn der große Pop-Moment des Jahres ist, dass lauter Seriengucker-Jugendliche das olle Ding zum Hit machen.

Clara: Sag das den Jugendlichen!

Anna: Und sag Kendrick Lamar, dass Kate Bush der größte Pop-Moment des Jahres war.

Roderich: Also ich hör ja nur noch sehr gute oder sehr schlechte Musik. Alles andere interessiert mich nicht.

Ulf: Was soll das heißen?

Roderich: Ich hör nichts Mittelmäßiges mehr. Gute Musik höre ich, weil sie gut ist. Schlechte, weil sie was über Scheitern und Unzulänglichkeit erzählt, das hat ja auch einen Glanz. Aber Mittelmaß ist immer Zeitverschwendung.

Anna: Na ja, gestern hast du irgendwann Maxïmo Park gehört. Wenn das nicht mittelmäßig ist, was dann?

Roderich: Hä? Maxïmo Park ist doch nicht mittelmäßig!

Ulf: Also mein größter Pop-Moment des Jahres war die neue Platte von Little Simz.

Clara: Neulich hast du gesagt, dass das Bob-Dylan-Konzert dein absoluter Höhepunkt des Jahres war.

Ulf: Bob Dylan ist was anderes.

Anna: Stimmt – was anderes als Musik.

Roderich: Bob Dylan ist der perfekte Musiker für mich. Der macht entweder sehr gute oder sehr schlechte Musik, aber nie mittelmäßige.

Ulf: Hm, aber „Street ­Legal“ zum Beispiel ist schon mittelmäßig.

Roderich: Das ist eine Platte, auf der nur sehr gute oder sehr schlechte Songs drauf sind. Sie kann also im Ergebnis nicht mittelmäßig sein.

Anna: Können wir bitte aufhören, über Bob Dylan zu reden, und wieder über Musik sprechen?

Clara: Das Riesenthema in Deutschland waren ja dieses Jahr die leeren oder halb leeren Konzerte.

Roderich: Das muss so ein Horror sein, heutzutage in ’ner kleinen Band zu spielen: Den ganzen Tag musst du diesen schlimmen Social-Media-Quatsch machen, und abends spielst du dann in irgendeinem leeren Club.

Anna: Ja, aber hat das nicht immer zum Kunstmachen gehört, dass man nun mal nicht davon ausgehen kann, totalen Success zu haben?

Roderich: Klar, bloß heute funktioniert ja nur noch dieses Ultrasichere.

Ulf: Genau. Auf der anderen Seite gab es dieses Jahr ja doch auch die vollen Arenakonzerte. Rammstein, Billie Eilish, Rolling Stones, Coldplay

Anna: Alles Bratwurst-Events. Das sind ja keine Konzerte.

Clara: Ich hab mal ’ne Frage: Wann fing das eigentlich an, dass bei diesen Riesenevent-Konzerten – bei Coldplay, bei den Foo Fighters – an einem gewissen Punkt Kinder aus dem Publikum auf die Bühne geholt werden, die dann bei einem Stück Keyboard oder Schlagzeug spielen dürfen? Ich find, das ist komplett unkünstlerischer Horror. Das ist die Disneyisierung von Popmusik.

Ulf: Bob Dylan holt keine Kinder auf die Bühne.

Roderich: Hihi.

Ulf: Ich glaub, das liegt, wie alles andere auch, an Social Media. Das wird gemacht, seit diese Bands wissen, dass das super auf Instagram aussieht.

Anna: Oder fing Springsteen damit an?

Roderich: Niemals!

Ulf: Der kommt ja nächstes Jahr wieder auf große Tour.

Anna: Bratwurst-Tour.

Roderich: Das ist für mich jetzt schon der Höhepunkt des Pop-Jahres 2023.

Anna: Lasst uns lieber wieder über die beschissene Weltlage reden, okay?