Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Reste vom Buffet

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Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Reste vom Buffet

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Folge 133

Vor einigen Wochen begab sich Ihr ergebener Chronist auf ein klassisches Fagottkonzert in der nahe gelegenen Musikhochschule.

Na, habe ich Sie mit diesem Einstiegssatz geködert? Wie fahl und trüb wirkt dagegen eine Einleitung wie diese: „Gestern war ich im komplett zugekoksten Zustand mal wieder in der Pornodisco, und Sie glauben nicht, welcher weltberühmte Rockstar da mit welcher Berliner Politgröße nackt auf dem Dancefloor die Scorpions-­Pyramide nachzustellen versuchte!“

Doch obwohl auf der Bühne ausgesprochen virtuos und emotional einnehmend fagottiert wurde, wanderten die Gedanken immer wieder ins Kollaterale. So kam ich nicht umhin festzustellen, dass ein Fagott aussieht wie ein sehr exzentrisches Gerät zur Drogeneinnahme. Die Musiker wirkten aber extrem nüchtern. Ich behaupte hier mal, dass die Unsitte, sich vor einem Auftritt bis unter die Augenbrauen zuzubetonieren, ausnahmslos U‑Musikern vorbehalten ist. Auch scheint mir ein Fagott ein sehr rückenmuskulaturfeindliches Instrument zu sein: Wenn Sie demnächst mal wieder beim Orthopäden her­umsitzen, dürfen Sie davon ausgehen, dass sich unter ihren Mitsitzern etliche Fagottspieler befinden.

Ein Fagott

„Jetzt komm schon zum Punkt, Pfeil! Was ist mit dem Fagott in der Popmusik?!“, höre ich meine Leserinnen schreien. In der Pop- und Rockmusik ist das Fagott immer noch ein sehr unterrepräsentiertes Instrument. Jahrelang dachte ich, Tanita Tikarams Kammerpop-Hit „Twist In My So­briety“ beinhalte einen Fagottpart. Nach schmerzhafter Recherche (ich mag das Lied nicht) muss ich aber konstatieren: Frau Tikarams Stimme wird nicht von einem Fagott, sondern von einer Oboe umtrötet. Also wurde weitergestöbert. Fündig wurde ich bei The Mamas & The Papas und ihrem Lied „Dancing Bear“, in dem allerdings nicht nur ein Fagott (engl. „bassoon“) erklingt, sondern auch zahlreiche Flöten, Oboen und sogar ein Windspiel. Das Lied ist wunderbar, wenn man gezielt am Text vorbeihört. Nicht am Text vorbeihören muss man bei „Tears Of A Clown“ von Smokey Robinson & The Miracles.

Eine Oboe

Neid auf das Fagott?

Ansonsten aber: Soweit die Ohren reichen – überall nur Oboen. Ob bei Roxy Music („Ladytron“), den Go-Betweens („Bye Bye Pride“), Van Morrison („Got To Go Back“) und Gerry And The Pacemakers („Don’t Let The Sun Catch You Crying“). Ich vermute, dass Rockmusiker die Oboe dem Fagott unter anderem deshalb vorzogen, weil die Anwesenheit eines Fagotts sie verleitet hätte, das Instrument tatsächlich für den Rauschgiftkonsum zu missbrauchen. Eine Oboe ist da unverfänglicher: Sie sieht einfach nur wie ein Musik­instrument aus. Auch halte ich es für möglich, dass in den 70er-Jahren viele Gitarristen den Fagottisten ihr Instrument neideten, weil es in seiner edlen Gerecktheit einen phallischeren Charakter hat als so eine blöde her­umbaumelnde Gitarre.

Vielleicht ist das ja auch eine Erklärung dafür, warum es im Pop so viele Windspieleinsätze gibt: So ein Windspiel macht zwar sofort klar, dass man atmosphärisch so einiges vom Teller zu ziehen gedenkt; gleichzeitig besteht bei Gastmusikern, die mit Windspiel auf Popbühnen aufkreuzen, nie die Gefahr, dass sie sich in den Vordergrund spielen könnten. Der Windspieler ist unter den klassisch geschulten Gast­musikanten im Popkontext vermutlich der totale Oberhorst und bekommt vom Backstagebuffet immer nur die Reste. Dies ist auch der Grund, warum der Satz „Letzte Nacht hatte ich etwas mit dem Gast­windspieler vom vorletzten Scorpions-­Album“ nur selten aus Groupiemündern zu vernehmen ist. Ich bin überzeugt: Windspieler auf Popbühnen gibt es im Jahr 2017 noch mehr als Groupies hinter diesen Popbühnen.

Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Gothic Nashville Lo-Fi SPD

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