Gaz Coombes im Interview: „Supergrass gehörten nie zum Britpop“


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Oasis und Blur waren die Britpop-Könige, aber den größten Hit schrieben Gaz Coombes, Danny Gof-fey und Mick Quinn alias Supergrass: „Alright“ war die Sommerhymne 1996, der Lobgesang auf Cool Britannia. Nach dem Debüt, „I Should Coco“, folgten immer experimentellere, vielleicht sogar immer bessere Alben – die sich jedoch immer schlechter verkauften. 2010 kam es zur Trennung. Nun gehen Supergrass, deren Mitgliedern bislang keine erfolgreichen Solo-Karrieren vergönnt waren, auf Tournee und veröffentlichen eine Werkschau, „The Strange Ones, 1994–2008“. Ein Gespräch mit Band-chef Gaz Coombes, 43, über den langen Schatten des Britpop, das digitale Zeitalter und Steven Spielberg.

Eine der letzten Singles 2008 hieß „Bad Blood“. Wie kam es dennoch zur Reunion?
Es gab nie böses Blut! Innerhalb der letzten zehn Jahre habe ich mit Danny und Mick immer wieder gesprochen. 2020 markiert das 25. Jubiläum unseres Debüts. Es ist eine Jetzt-oder-nie-Situation, ein ideales Zeitfenster, da ich danach mein viertes Soloalbum veröffentlichen will. Wir haben unseren Familien gesagt, dass wir wieder aufbrechen …

… und es wieder losgeht mit der Party?
Was soll das heißen: „wieder losgeht“? Ich habe nie aufgehört zu feiern!

Dann zur Sache: Wann erscheint ein neues Supergrass-Album?
Wir haben keines geplant.

Die Trennung erfolgte während der Aufnahmen zum unveröffentlichten Album „Release The Drones“. Warum vollenden Sie es nicht einfach?
Die Platte haben wir ja aus gutem Grund nicht herausgebracht: Die Aufnahmen waren nicht gut genug. Das Zusammenspiel haben wir nicht verlernt, aber es bedürfte eines großen Freiraums in den Köpfen, um ins Studio zu gehen.


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Sie waren 19, als der Erfolg über Supergrass hereinbrach.
Ich armer Teenager! Nein, man muss das Gute sehen: Ruhm und ein wenig Geld, wir konnten uns nicht beklagen. Als -Heranwachsender die Möglichkeit zu haben, unruhige Energie in Alben zu gießen, fast and furious – es hätte schlimmer kommen können.

Wie gingen Sie damit um, dass jede der folgenden fünf Platten schlechter lief als die davor?
Experimente sind das Ergebnis von persönlichem Wachstum durch Inspiration. Natürlich ist es unschön festzustellen, dass eine Weiterentwicklung nicht den Erfolg hat, den wir uns erhofften.

Setzte Sie das unter Druck?
Nein. Als Komponisten wurden wir immer besser. Ich wüsste auch gern, was die Inhaltsstoffe eines perfekten Hits sind, wie sie U2 oder Coldplay gelingen.

Vielleicht hätten Sie das Angebot Steven Spielbergs annehmen sollen, Stars in einer Fernsehserie im Stil der Monkees zu werden.
Sehr weit fortgeschritten waren die Planungen noch nicht. Es gab ein Meeting mit „The Great Man“ in Kalifornien, und wir waren geschmeichelt von der Idee einer eigenen TV-Show. Aber dann lag es uns doch am Herzen, unser zweites Album aufzunehmen, „In It For The Money“. Wir spürten, dass die Serie eine arge Abkürzung gewesen wäre, eine Freifahrt zum Ruhm. Es ging also zurück ins Studio.

Heutige Bands stehen unter enormen Druck

Wünschten Sie sich manchmal, Sie hätten nicht in der Britpop-Ära Karriere gemacht?
Britpop war eine globale Marke, jeder auf der Welt konnte fünf Bands des Genres aufzählen; oft waren auch Supergrass darunter. Wir haben Alben verkauft bis nach Asien. Das hätte im England der 80er- bis in die frühen 90er-Jahre nicht funktioniert. Die Gitarren kamen erst mit dem Britpop zurück, alive and kicking. Aber ich habe uns sowieso nie zu diesem Genre gezählt.

Nun veröffentlichen Sie die Werkschau „The Strange Ones“. Allein die vielen B-Seiten – heute werden ja kaum noch Singles auf CD oder Vinyl herausgebracht.
Heutige Bands stehen unter enormem Druck. Weil B-Seiten wegfallen, veröffentlichen sie weniger Songs, also müssen die, die veröffentlicht werden, extrem gelungen sein. Früher durften manche B-Seiten auch mal schlecht sein. Oder Quatsch, wie eine von uns: „Sex!“.


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Wo sind die bedeutenden neuen Rockbands?
Das ist die Schuld von The 1975! Nein, es wäre lächerlich zu sagen, „Rock ist tot“. Es gibt Fontaines D.C. und Idles, toller Post-Punk. Supergrass gehörten einer Zeit an, in der es leicht war, eine mysteriöse Aura aufrechtzuerhalten. Man verkroch sich für sechs Monate im Studio. Heute muss man permanent Updates zum Aufnahmeprozess liefern und seinen Status dokumentieren. Alle sind nackt, und wer halbwegs prominent ist, sowieso.

Supergrass dürfen nicht alltäglich werden

Auf Ihrem letzten Soloalbum, „World’s Strongest Man“, blickten Sie in die Zukunft: Hass in den sozialen Netzwerken, ein hassender US-Präsident. Supergrass, sagen Sie, sollen Spaß in die Welt zurückbringen.
Rockbands werfen den Blick auf das, was falsch läuft – und darauf, wie man dieses Problem löst. Ich sehe das mit Supergrass aber wie mit einem Kinobesuch: Man trifft die Filmauswahl nicht danach, ob es die eigene pessimistische Stimmung trifft – es muss uplifting sein. Wir wollen ein Gefühl von Wärme vermitteln.

Nur mit den alten Gassenhauern?
Sag niemals nie. Man will nicht immer nur das alte Material spielen. Eine Neverending Tour wird es aber definitiv nicht geben. Die Magie versuchen wir zu bewahren, indem wir „Supergrass 2020“ kompakt halten. Es darf nicht passieren, dass man sich täglich fragt: Und wo gucken wir uns heute Supergrass an?