Guns N‘ Roses in Berlin: Axl hat verdammt nochmal Respekt verdient

Klar: Axl Rose singt heute wie eine Cartoonfigur. Aber: Guns N’ Roses bieten noch immer eine der größten Rockshows der Welt.

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Axl Rose steht zweifellos in einer Reihe mit Phil Collins und Papst Johannes Paul II., zwei Figuren der Popkultur, die ihr Leiden auf Bühnen beziehungsweise den Balkonen dieser Welt mit uns geteilt haben, sodass wir Zeugen ihrer aufopferungsvollen Darbietung wurden. Sie leiden oder litten: auch für uns. Der Unterschied: Axl Rose hat sein Gebrechen, die Verwandlung seiner einstigen Rockstimme in die einer Cartoonfigur, nie kommentiert. Und dafür gebührt ihm, ganz unironisch, Respekt.

Axl Rose, 64, könnte längst mit Playback-Spuren arbeiten – unabhängig davon dürfte es dafür inzwischen ohnehin zu spät sein, nach Jahren auf Tour als Micky Maus des Hardrock. Seine Stimme ist noch einmal deutlich schlechter geworden als beim letzten Berliner Gastspiel von Guns N’ Roses 2018. Dass die ersten beiden Berlin-Konzerte der Band seit acht Jahren und die ersten deutschen Hallenshows überhaupt nicht ausverkauft sind, könnte auch mit ihrem zunehmend ramponierten Ruf zusammenhängen. Zahllose Wacken-Videos dokumentieren entsetzte Fans, die das Gelände verlassen, weil sie glauben, Rose singe mit eingeklemmten Weichteilen.

Seine Stimme klingt tatsächlich schlimm. Aber das ist nicht schlimm.

Slash, Duff und die Nostalgiemaschine

Guns N’ Roses gehören zu den wichtigsten Bands der vergangenen vier Jahrzehnte. Sie werden gefeiert, weil sie drei der bedeutendsten Hardrock-Platten (früher nannte man es Sleaze) der Musikgeschichte veröffentlicht haben. Man will diese Band sehen, nicht bloß hören, auch wenn ihre letzten relevanten Kompositionen 35 Jahre zurückliegen. Wie sehr wir etwa auch den Mann neben Rose, dem Hünen mit Zylinder, vermissen würden, sollte es ihn irgendwann nicht mehr geben, ist uns wahrscheinlich noch nicht mal klar. Noch immer: der markanteste Les-Paul-Gitarrist seit Jimmy Page.

Vielleicht auch der einzige Gitarrist, der sich von Song zu Song eine neue Gitarre reichen lässt, aber kein unterschiedliches Modell, sondern schlicht eine neue Farbe. Wenn die Soli intensiv werden, stellt Slash die Gitarre auf Hochkant. Abgesehen davon bietet „Double Talkin‘ Jive“ noch immer ein Showcase dafür, dass dieser Leadgitarrist längst bessere neue Lieder verdient. Später macht er noch die Talkbox. Die Talkbox ist so überflüssig wie eine Zugabe im Gitarrensolo, daran wird sich nie etwas ändern.

Es entbehrt daher nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet der Sänger von Guns N’ Roses, der „Kontrollfreak“, „Egomane“ und „Karrieremensch“ Axl Rose, zur größten Schwachstelle der Band geworden ist. Von der klassischen Besetzung sind nur noch jener Leadgitarrist Slash sowie Bassist Duff „Beer“ McKagan übrig geblieben, beide einst für ihre labile Verfassung durch erhöhten Drogenkonsum berüchtigt. McKagan brachte sich bekanntlich mit Alkohol beinahe um und überlebte 1994 nur knapp einen Riss der … Lunge? Leber? Nein, der Bauchspeicheldrüse. Heute trägt er, für Berlin, ein Muskelshirt mit dem 2014 hinzugefügten vierten Stern.

Immer geil abgeliefert

Beim ersten ihrer beiden Konzerte in der Uber Arena funktioniert die Maschine Guns N’ Roses dennoch als bombastische Theaterproduktion der Arnie-Armeen („You Could Be Mine“) und tragischen Hochzeitsdioramen auf Liberace-Level („November Rain“). Es wirkt vielleicht etwas bieder, so deutsch und finanzbuchhalterhaft, Songanzahl (26) und Konzertdauer (fast drei Stunden, dennoch eines ihrer kürzesten Sets 2026) gegen den Ticketpreis aufzurechnen, überhaupt ein Konzert nach dieser „Arbeitsleistung“ zu beurteilen. Aber sagen wir es einfach mit den Leuten aus dem Heinz-Strunk-Fanclub: Immer geil abgeliefert.

„Man bekommt was fürs Geld“. In „Welcome To The Jungle“ singt Rose von „Serpentines“ und macht seinen Snake Move, in „Mr. Brownstone“ schaut er bei der Zeile „waste of my time“ wie schon 1987 auf seine Swatch (bei der „Use Your Illusion“-Tour hat er tatsächlich immer wieder auf seine Armbanduhr geschaut, als würde ihm die auf den Boden geklebte Setlist nicht die Zeit vorgeben), „It’s so Easy“ bietet den Moment für alle Atzen, an einer bestimmten Stelle den Mittelfinger zu zeigen, bei „Nightrain“ macht Slash wie immer den Chuck-Berry-Ducky.

Ist „Civil War“ der Höhepunkt des Sets? Das im Fukuyama-Jahr 1989 komponierte Lied entwirft die Utopie „Peace Could Last Forever“ und wirkt heute entfernter denn je.

Die Band als Aufführung ihrer selbst

Das neue Lied „Atlas“ trägt einen ähnlich wuchtigen Titel wie „Civil War“, ist aber so unbedeutend, dass es nicht mal stört, keine Zeile von Axl Rose zu verstehen. Und weil etliche Memes und Videos längst dokumentieren, wie Rose heute klingt, kann sich niemand überrascht zeigen. Und deshalb sollte man den Aufwand dieser Band, die sogar noch den Mut aufbringt, gelegentlich solche neuen, komplett überflüssigen Songs wie aus dem Suno-Generator zu veröffentlichen, einfach würdigen.

Das Theaterhafte von Guns N’ Roses ermöglicht auch den Vergleich mit Metallica, die 1992 noch als ihr Support-Act (offiziell: Co-Headliner) auftraten. Die „Use Your Illusion“-Alben verkauften sich weit besser als das nahezu zeitgleich veröffentlichte „Black Album“. Aber Metallica blieben, trotz aller Krisen und künstlerischen Irrwege, ein regelmäßig veröffentlichender Act. Seit mehr als zwei Jahrzehnten spielt die Band in unveränderter Besetzung und mit bemerkenswerter Konstanz.

Guns N’ Roses dagegen sind heute eine Aufführung ihrer selbst. Vielleicht steckt hinter ihrer schiefen Intensität tatsächlich mehr Geschäftssinn als künstlerischer Ehrgeiz. In it for the money.

Aber: Take my money.

Die Erinnerungen sind es wert. Und wer weiß, vielleicht singt Axl Rose inzwischen nur noch auf diese Weise, weil ihm irgendwann ein Arzt erklärt hat, dass die Alternative Schweigen wäre. Deshalb wäre „Estranged“ heute wohl auch mehr wert, würde die Band es als Instrumental darbieten.

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