Zehn Sekunden bis zum Blackout: Netflix‘ riskante Wette mit Honnold
Millionen sahen Alex Honnold am Taipeh 101 – doch Netflix hatte einen Notfallplan. Warum der „Livestream“ zehn Sekunden verzögert lief.
Seit Alex Honnolds Besteigung des Wolkenkratzers Taipeh 101 am Wochenende diskutieren internationale Medien, wie weit auf Streaming-Plattformen übertragene Echtzeit-Action gehen darf. Der mehrfach ausgezeichnete Extremkletterer war live auf Netflix zu sehen – „free solo“, ohne Seil und mechanische Absicherung.
Während Millionen zusahen, wussten die Streaming-Experten: Dieses Spektakel könnte auch tödlich enden. Entsprechend war zumindest die Übertragung sorgfältig abgesichert.
Der Aufstieg auf das 508 Meter hohe Gebäude war ursprünglich für Freitag angesetzt, musste jedoch kurzfristig verschoben werden, nachdem Regen die Fassade rutschig gemacht hatte. Beim Neustart am Samstag – in Taiwan bereits Sonntagmorgen – zeigte sich das Wetter sonnig, das Gebäude war trocken.
Premiere am Hochhaus
Honnold, seit drei Jahrzehnten Extremkletterer von Weltformat und bekannt durch den Oscar-prämierten Dokumentarfilm „Free Solo“ von 2018, betrat Neuland. Nie zuvor hatte er ein Hochhaus aus Stahl, Glas und Beton bestiegen. „Es ist etwas völlig Neues“, sagte er im Vorfeld gegenüber der Hintergrund-Sendung „Netflix Tudum“. „Ich weiß nicht, wie es sich anfühlen wird.“
Für die US-Streamer bedeutete das Event nicht nur sportliche Grenzerfahrung, sondern auch mediale Verantwortung. Wie The Hollywood Reporter berichtet, lief der angebliche „Livestream“ mit einer Verzögerung von zehn Sekunden. Wäre es zu einem Unfall gekommen, hätte die Regie ihn sofort aus dem Bild schneiden können.
„Niemand will so etwas sehen“, erklärte Jonathan Mussman, Vice President für Netflix-Nonfiction- und Live-Programme. Auch Jeff Gaspin, zuständig für das „Unscripted“-Programm, bestätigte: Im Ernstfall wäre die Übertragung sofort beendet worden.
Zehn Sekunden Fallzeit
Die Ironie der Vorsichtsmaßnahme: Ein freier Fall von der Spitze des Taipei 101 würde rechnerisch gut zehn Sekunden dauern. Honnold selbst relativierte das Risiko später gegenüber dem US-Branchen-Magazin Deadline: Die Architektur mit ihren zahlreichen Balkonen hätte, rein theoretisch, gewisse Überlebenschancen geboten – mehr als viele natürliche Kletterrouten.
Am Ende demonstrierte „Skyscraper Live“ die Gratwanderung zwischen Extremsport, medialer Inszenierung und der Frage, wie weit Live-Unterhaltung im Zeitalter globaler Streams gehen darf.