Schluss mit dem „Industry-Plant“-Gerede!
Warum der Industry-Plant-Vorwurf vor allem Frauen trifft – und weshalb wir 2026 endlich mit diesem misogynen Diskurs aufhören sollten.
Kurz vor dem Ende des Jahres 2025 veröffentlichte Doechii einen neuen Song mit dem Titel „Girl, Get Up“. Die größte Aufmerksamkeit galt dabei nicht dem Feature von SZA oder dem synthielastigen Sample des Birdman-und-Clipse-Hits „What Happened to That Boy“ aus dem Jahr 2002. Vielmehr waren es Doechiis Lyrics, in denen sie eine sehr klare In-und-Out-Liste für das neue Jahr präsentierte. In: Kombucha trinken, gut schlafen und meditieren. Out: misogynistische Arschlöcher im Internet.
Für Frauen in der Musikindustrie ist dieses „Out“ leider nichts Neues. Doechii kämpft mit diesen Angriffen bereits seit 2024, also seit ihrem Durchbruch mit dem gefeierten Debütalbum „Alligator Bites Never Heal“, für das sie einen Grammy als bestes Rap-Album gewann. Inklusive eines prominenten Co-Signs von Kendrick Lamar, wie sie selbst in „Girl, Get Up“ betont. Obwohl sie seit über einem Jahrzehnt Musik macht, führte ihr Mainstream-Erfolg dazu, dass ihr im Netz vorgeworfen wurde, ein sogenannter „Industry Plant“ zu sein. Besonders der umstrittene Streamer Adin Ross griff sie öffentlich auf seinem Kick-Kanal an. Doechii kontert diese Vorwürfe direkt im Song: „All that industry plant shit wack / I see it on the blogs, I see you in the chats“, rappt sie und ergänzt: „Y’all can’t fathom that I work this hard / And y’all can’t fathom that I earned this chart.“
Was bedeutet eigentlich „Industry Plant“?
Der Begriff „Industry Plant“ wird Künstlern entgegengeschleudert, um sie zu diskreditieren, ihre Authentizität infrage zu stellen und zu suggerieren, ihr Erfolg könne nicht organisch entstanden sein. Gemeint ist damit, dass Marketingstrategien, Labelbosse oder familiäre Kontakte im Hintergrund angeblich ihre Karrieren künstlich aufgebaut hätten. Zwar trifft dieser Vorwurf gelegentlich auch männliche Musiker wie den britischen Rocker Yungblud oder den R&B-Sänger 4batz, doch auffällig ist, dass er überwiegend gegen Frauen gerichtet wird.
„Das ist ein völlig irrer Doppelstandard“, sagte Phoebe Bridgers bereits 2020. „Wenn man als Frau wohlhabende Eltern hat, darf man offenbar keine Musik machen – als Mann wird man dafür belohnt. Nach dieser Logik ist jeder mittelmäßige weiße Junge ein Industry Plant.“ Ähnlich deutlich äußerte sich Rhian Teasdale von Wet Leg 2022 gegenüber dem ROLLING STONE: „Am Ende ist es einfach Misogynie, oder? Wenn Leute uns trollen wollen, trolle ich sie eben zurück.“
Von Hip-Hop-Foren bis Popkultur
Der Ausdruck „Industry Plant“ tauchte erstmals Anfang der 2010er-Jahre in Hip-Hop-Foren auf und breitete sich später auch auf Indie-Rock und Pop aus. Ein prominentes Beispiel ist Lana Del Rey, die besonders nach Bekanntwerden ihrer früheren Beziehung zu einem Labelchef Ziel dieser Erzählung wurde. Er nahm sie nie unter Vertrag. Doch Del Rey spielte ironisch mit dem Narrativ und veröffentlichte 2014 auf Ultraviolence den Song „Fucked My Way Up to the Top“.
So alltäglich ist der Begriff inzwischen geworden, dass Musikerinnen regelmäßig in Interviews danach gefragt werden. 2022 sprach ich mit King Princess, bürgerlich Mikaela Straus, darüber, dass ihre Ururgroßeltern Ida und Isidor Straus waren – die berühmten Macy’s-Miteigentümer, die auf der Titanic starben. Es ging weniger um einen Industry-Plant-Vorwurf als um das Etikett „Nepo Baby“. Sie stellte klar, dass sie keineswegs in märchenhaftem Reichtum aufgewachsen sei. „Grundsätzlich sind die Leute frustriert über den sozioökonomischen Zustand der Musikindustrie“, sagte sie. „Ich verstehe das total. Aber ich bin einfach nicht dieses Mädchen. Es gab harte Zeiten, und die gibt es immer noch.“
Transparenz statt Misstrauen
Auch Claire Cottrill, bekannt als Clairo, wurde kritisiert, weil sie nicht das vollständig selbstgemachte Bedroom-Pop-Wunder war, als das viele Fans sie sehen wollten. Der Grund: Ihr Vater war mit Jon Cohen, dem Gründer ihres damaligen Labels Fader, befreundet. Cottrill hat das nie bestritten, und ihre Offenheit trägt eher zu ihrer Glaubwürdigkeit bei als das Gegenteil.
„Ich bin mir absolut bewusst, dass manches für mich einfacher war als für andere“, sagte sie 2021 in ihrer ROLLING-STONE-Coverstory. „Es wäre dumm, dieses Privileg nicht anzuerkennen. Aber es wäre genauso dumm gewesen, diese Beziehung nicht zu nutzen, als ich Angst hatte und völlig verunsichert war. Die Leute glauben, was sie glauben wollen – ich lerne nur, es besser zu erklären.“
Selbst Superstars bleiben nicht verschont
Sogar globale Stars wie Billie Eilish oder Chappell Roan mussten sich Skepsis anhören. Eilish witzelte über ihre schauspielenden Eltern: „Die sind Nobody! Wo ist denn diese Pflanze? Wo ist der Samen? Ich wäre gern ein Industry Plant – dann hätte ich dafür nicht so hart arbeiten müssen.“ Auch Roan, deren Karriere 2024 – rund zehn Jahre nach ihren ersten musikalischen Gehversuchen – explodierte, reagierte trocken: „Nur weil du jemanden nicht kennst, heißt das nicht, dass er ein Industry Plant ist. Hast du mal darüber nachgedacht, dass du vielleicht einfach nicht up to date bist?“
Vielleicht ist genau das eine Lektion für dieses Jahr. Also, frei nach Doechii und mit einem kleinen Zusatz von Chappell Roan: In: Kombucha, guter Schlaf – und einzugestehen, dass man manchmal einfach nicht auf dem Laufenden ist. Out: haltlose Vorwürfe gegen Musi