James Blood Ulmer, innovativer Gitarrist zwischen Avantgarde und Blues, ist mit 86 Jahren gestorben

Mit Ornette Colemans Ideen in die Popmusik: Ulmer war ein echtes Unikat – und einer der originellsten Gitarristen seiner Generation.

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James Blood Ulmer, der innovative Gitarrist, der Avantgarde-Jazz mit Funk und Blues verschmolz, ist am 3. Juni gestorben. Das teilte seine Familie in einem Statement via „DownBeat“ mit. Eine Todesursache wurde zunächst nicht genannt; die Familie erklärte lediglich, Ulmer sei „friedlich“ gestorben. Er wurde 86 Jahre alt.

Bekannt für seinen einzigartigen Improvisationsansatz und seine warme, rauchige Stimme, schuf sich Ulmer Ende der Siebziger und Anfang der Achtziger eine ganz eigene Nische. Bevor er eigene Alben veröffentlichte, spielte er E-Gitarre in Ornette Colemans Free-Jazz-Ensemble Prime Time. Colemans „Harmolodie“-Theorie – im Kern ein Konzept, bei dem Harmonie, Bewegung und Melodie auf eine Ebene gebracht werden, um ein transzendentes Klangbild zu erzeugen – ließ Ulmer die Gitarre neu denken: In Akkordschüben und selbsterfundenen Melodien bewegte er sich auf seinen Soloalben durch Pop- und Soul-Kontexte. Kritiker und Musikerkollegen erkannten ihn sofort als Erneuerer.

„Der Verlust ist für mich und viele in meinem Umfeld tief“, schrieb Living-Colour-Gitarrist Vernon Reid, der Ulmers Album „Memphis Blood“ produziert hatte, in den sozialen Medien. „Blood war einmalig. Er war aus dem Stoff gemacht, aus dem der Blues ist. Roh. Rein. Elementar.“

Familie und Weggefährten trauern

„Für die Welt war James Blood Ulmer eine Legende, ein Visionär und eine musikalische Kraft mit einem unverwechselbaren, einzigartigen Sound“, heißt es im Statement der Familie. „Für seine Familie war er ihr Lehrer, ihr Geschichtenerzähler und ein Quell der Stärke. … Seine Musik war furchtlos, und sein Geist war es ebenso.“ Details zu einer öffentlichen Gedenkfeier sollen folgen. „Bitte respektiert unsere Privatsphäre in dieser Zeit – und spielt Bloods Musik LAUT!“, schrieb die Familie.

Geboren als Willie James Ulmer am 8. Februar 1940 in St. Matthews, South Carolina, war Musik von Anfang an ein fester Bestandteil seines Lebens. Als Sohn eines baptistischen Predigers sang er Gospel in der Vokalgruppe seines Vaters, den Southern Sons, und begann im Alter von vier Jahren Gitarre zu lernen. Als Teenager entdeckte er den Blues und die Musik von Chuck Berry – was seine Eltern als „Teufelswerk“ betrachteten, wie die Familie in ihrem Statement festhält.

Mit 18 Jahren zog der Musiker nach Pittsburgh, gründete dort eine Familie und verdiente seinen Lebensunterhalt als Gitarrist in Doo-Wop-Gruppen wie den Del Vikings. Stationen in Columbus, Ohio, und Detroit folgten, wo Ulmer sein Handwerk durch Unterrichten und Auftritte in lokalen Clubs weiter verfeinerte. „Nachdem sein Idol Wes Montgomery ihn kalt abblitzen ließ, begann Blood, seine eigene musikalische Sprache zu entwickeln – entschlossen, wie niemand sonst zu klingen“, schrieb die Familie. Schließlich zog die Familie nach New York, wo er Coleman begegnete.

Karriere zwischen Jazz und Blues

Neben seiner Arbeit mit Coleman sammelte Ulmer erste Erfahrungen bei Art Blakeys Jazz Messengers – als deren erster Gitarrist überhaupt – und nahm mit dem Jazz-Organisten Larry Young (auch bekannt als Khalid Yasim) sowie Tenorsaxophonist Joe Henderson auf. Sein Debütalbum „Tales of Captain Black“, auf dem Coleman Altsaxophon und Colemans Sohn Denardo Schlagzeug spielte, erschien 1979 und etablierte ihn als frische Stimme auf der Gitarre. 1980 holte die Post-Punk-Band Public Image Ltd. Ulmer als Vorgruppe für ihre US-Tournee. Auf seinem zweiten, stärker bluesorientierten Album „Are You Glad to Be in America“ (1981) begann er erstmals zu singen. Im selben Jahr unterschrieb er beim Major-Label Columbia und veröffentlichte „Free Lancing“. Ein Artikel der „New York Times“ bezeichnete ihn damals als den „originellsten E-Gitarristen, der seit dem verstorbenen Jimi Hendrix aufgetaucht ist“.

Zu den Höhepunkten seiner Diskografie zählen „Odyssey“ (1983), auf dem seine Begleitband ganz ohne Bassisten auskam, sowie das Live-Album „Part Time“ (1984). Auf „Music Speaks Louder Than Words“ (1995) widmete er sich Colemans Katalog, auf dem von Bill Laswell produzierten „Blue Blood“ tauschte er Licks mit Parliament-Funkadelics Bernie Worrell aus. Seine Blues-Alben der 2000er-Jahre, beginnend mit „Memphis Blood“, zeigten eindrucksvoll, wie souverän er das Konventionelle mit dem Unkonventionellen in Balance hielt.

Letztes Konzert in Detroit

Ulmer spielte außerdem mit Music Revelation Ensemble, Phalanx und Third Rail und war als Gastmusiker auf Alben von Ry Cooder, den Roots und Joe Henderson zu hören. Seinen letzten Auftritt hatte er am 1. September 2024 beim Detroit Jazz Festival – danach, so die Familie, „begann sein Gesundheitszustand sich zu verschlechtern, und er trat in eine stillere Zeit abseits von Tourneen und Bühnen ein“. Ulmer hinterlässt sechs Kinder und seine Frau Eva.

Als er 1998 vom Magazin „Perfect Sound Forever“ gefragt wurde, wie er in Erinnerung bleiben wolle, hatte Ulmer eine knappe Antwort parat: „Als Harter Arbeiter! Das ist alles!“