Warum Jonny Greenwood den Oscar für „One Battle After Another“ bekommen muss

Jonny Greenwood hat sich als Filmkomponist längst bewiesen. Warum seine Musik zu „One Battle After Another“ den Oscar verdient

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Es war einmal, dass Paul Thomas Anderson in den Niederlanden in ein Kino flüchtete. Der Regisseur war 2003 beim Internationalen Filmfestival Rotterdam, geriet in einen plötzlichen Wolkenbruch und suchte Schutz in einer laufenden Vorstellung. Der Film war ein essayistischer Mix aus überwiegend gefundenem Material, der Geburt, Tod und die Verbindung zwischen Körper und Seele frei assoziativ untersuchte. Der Titel: „Bodysong“. Wie man heute sagen würde: ein Trip.

Was Anderson sofort fesselte, war die Musik. Der Score verband schiefe – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn – Percussion mit jaulenden Synthesizern, nervösen Jazz-Zwischenspielen, motorischen Beats, Piano-Fugen, die ein- und auszublenden scheinen, sowie Streicherarrangements von beinahe himmlischer Schönheit.

All das ergänzte die radikalen Bilder perfekt. Noch erstaunlicher: Diese avantgardistische Klanglandschaft stammte von einem Gitarristen einer der populärsten Rockbands der Welt. „Ich kannte Jonny Greenwoods Arbeit mit Radiohead natürlich und habe sie verfolgt“, sagte Anderson später. „Und ich habe mich einfach in das verliebt, was er für diesen Film gemacht hat.“

Von „Bodysong“ zu „There Will Be Blood“

Zu diesem Zeitpunkt arbeitete Anderson bereits an dem Drehbuch zu seinem nächsten Projekt, einer Geschichte über einen Ölmann, der sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts in einem Machtkampf mit einem Prediger befindet. Er fragte sich, ob eine Musik wie die zu „Bodysong“ zu dem Film passen könnte, der sich langsam in seinem Kopf formte.

Einige Jahre später stieß Anderson auf eine Bootleg-Aufnahme eines Stücks mit dem Titel „Popcorn Superhet Receiver“, das Greenwood für das BBC Concert Orchestra komponiert hatte. Anderson legte den Track unter eine Szene seines Films, der später „There Will Be Blood“ heißen sollte, und hatte einen Geistesblitz. „Paul schrieb mir, und ich hatte noch nie von ihm gehört“, erzählte Greenwood 2021 dem New Yorker. „Er fragte: ,Kann ich das im Film benutzen, und würdest du mehr Musik dafür schreiben?‘“

Eine der kühnsten Filmmusiken überhaupt

Das Ergebnis war nicht nur einer der gewagtesten Filmscores überhaupt, sondern auch der Beginn einer außergewöhnlichen künstlerischen Partnerschaft. Es ist unmöglich, an „There Will Be Blood“ aus dem Jahr 2007 zu denken, ohne Greenwoods Musik im Ohr zu haben – sei es das antreibende „Future Markets“, das über den ankommenden Goldsuchern liegt, oder die klagenden Violinen von „HW/Hope of New Fields“.

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Man hört darin sowohl Fragmente der experimentellen Ansätze, mit denen Radiohead während der „Kid A“- und „Amnesiac“-Phase nicht mehr als bloße britische Gitarrenband galten, als auch Greenwoods frühes Interesse an klassischer Musik und seine Faszination für den polnischen Komponisten Krzysztof Penderecki. Diese Musik passt gleichermaßen zu einem Spaziergang im Park, zum Hausputz – oder dazu, jemanden in einer privaten Bowlingbahn mit einem alten Neunkegel zu erschlagen.

Die verpasste Oscar-Chance

Dass der Score zu „There Will Be Blood“ wegen der Verwendung bereits existierender Kompositionen – insbesondere von „Popcorn Superhet Receiver“ – nicht für den Oscar zugelassen wurde, gilt für viele Cineasten bis heute als kultureller Skandal. Immerhin: Dieses Jahr droht kein Gang nach Den Haag.

Greenwood ist für seine Musik zu „One Battle After Another“ für den Oscar nominiert. Es ist seine zweite Nominierung für eine Zusammenarbeit mit Paul Thomas Anderson nach „Phantom Thread“ und seine dritte insgesamt, nach „The Power of the Dog“ von Jane Campion. Und auch wenn Titel wie „Komponist des besten Films des 21. Jahrhunderts“ oder „Leadgitarrist von Radiohead“ mehr wert sind als jede Goldstatue, ist es höchste Zeit, dass Greenwood auch „Oscar-Gewinner“ zu seinen Errungenschaften zählen darf.

Weitere Kapitel der Zusammenarbeit

Nach „There Will Be Blood“ arbeitete Greenwood auch an Andersons nächstem Film „The Master“ aus dem Jahr 2012. Der Score beginnt mit üppigen, an klassische Hollywood-Musik erinnernden Passagen, bevor er zunehmend in verstörende, psychologisch aufgeladene Klangwelten abgleitet.

Auch bei „Inherent Vice“ von 2014 bewies Greenwood seine Vielseitigkeit. Die Musik pendelt zwischen melancholischem Abschiedston und paranoidem Krautrock-Groove und passt perfekt zu Andersons Hippie-Noir-Adaption nach Thomas Pynchon.

Romantik und Eleganz in „Phantom Thread“

Dass Greenwood auch zu elegischer, beinahe schwelgerischer Musik fähig ist, zeigte er mit „Phantom Thread“ aus dem Jahr 2017. Die Satie-hafte, bewusst altmodische Klangsprache spiegelte nicht nur die Ästhetik des Films, sondern auch Greenwoods Entwicklung als Komponist. Der Score brachte ihm eine Oscar-Nominierung ein, blieb jedoch ohne Sieg.

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Der Höhepunkt: „One Battle After Another“

Mit „One Battle After Another“ erreicht die Zusammenarbeit zwischen Anderson und Greenwood einen neuen Höhepunkt. Greenwood war von Beginn an in den kreativen Prozess eingebunden, schrieb Musik parallel zum Dreh und prägte so Tempo und Ton des Films entscheidend.

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Der Score wirkt weniger begleitend als dialogisch, fast so, als würde die Musik mit den Bildern sprechen. Stücke wie „Mean Alley“ erinnern an Ennio Morricone, während „Ocean Waves“ Greenwoods experimentelle Ansätze in reinen Vorwärtsdrang übersetzt. Es ist der ideale Sound für einen Film voller Dringlichkeit und Umwege.

Ein längst überfälliger Oscar

Der Weg von „Bodysong“ bis „One Battle After Another“ zeigt, wie ein Rockmusiker mit Hang zur Dissonanz dem Kino neue Dimensionen verliehen hat, ohne seine Eigenwilligkeit aufzugeben. Paul Thomas Anderson und Jonny Greenwood arbeiten inzwischen auf derselben Wellenlänge.

Einen Oscar für diese Leistungen zu vergeben, ist längst überfällig. Und dass ausgerechnet „One Battle After Another“ Greenwood offiziell zum Oscar-Gewinner machen könnte? Um einen alten Radiohead-Titel zu paraphrasieren: Dann wäre wirklich alles an seinem Platz.

David Fear schreibt für den ROLLING STONE USA. Hier geht es zum US-Profil