Highlight: Podcast „Streifenpolizei“: Oscars 2019 – die Tops und Flops

Oscars: Alle „Bester Film“-Gewinner von 1990 bis 2019 im Ranking

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29. „Braveheart“ (1995)

Dass das Kostümdrama über den schottischen Widerstandskämpfer William Wallace heute auf YouTube vor allem in Goof-Videos zu sehen ist, also Filmfehler dokumentiert werden, Autos im Bild, Armbanduhren usw., muss nicht unbedingt für die schlechte Qualität des Streifens stehen. Kann passieren. „Braveheart“ ist als Action-Film nicht mal unbedingt schlecht.

Aber er ist eben kein „Bester Film“. Was den in den USA lebenden Australier Mel Gibson an der Rolle des Nordbriten gereizt haben könnte? Die Aufopferung seiner Figur, der Tod für die Freiheit seines Volkes? Held spielen. Pathos brachte halt Oscar, gleich zwei, für den „Besten Film“ und auch die „Beste Regie“.

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Das Konkurrenzfeld war in jenem Jahr nur mittelprächtig bestückt. Der bessere Film war „Apollo 13“ von Ron Howard, auch er erzählte eine Heldengeschichte.

28. Green Book (2018)

Spike Lee wütete: „Immer, wenn in irgendeinem Film jemand chauffiert wird, verliere ich!“ – Sein „Do The Right Thing“ verlor 1989 bei den Oscars gegen „Driving Miss Daisy“, und nun hatte er auch mit „BlacKkKlansman“ gegen „Green Book“ das Nachsehen.

Er hat Recht. Er regt sich auch zu Recht auf. Selten war es so leise wie in diesem Jahr, als der „Beste Film“ verkündet wurde. Die Auszeichnung war ein Fehler.

Ohne Zweifel ist das Drama über einen Italo-Amerikaner, der einen schwarzen Star-Pianisten durch den rassistischen Süden fahren muss und dabei seine eigenen Vorurteile abbaut, gut gemeint.

Aber der Film setzt in nahezu jeder Szene auf „Wir halten dem Zuschauer den Spiegel vor“-Momente. Moment mal, es ist Viggo Mortensen, der den Müll achtlos aus dem Fenster wirft, nicht Mahershala Ali? Viggo isst das Hühnchenbein mit den Händen, nicht Ali? Der will sogar Besteck? So sollen wir uns ertappt fühlen, weil die Filmemacher wohl davon ausgingen: Wir wundern uns über gute Manieren. Das würde aber auch voraussetzen, dass jeder Zuschauer überhaupt davon ausgehen sollte, dass der Afro-Amerikaner weniger draufhat. Höchstens ein edler Wilder ist.

Wer das vermeintlich Untypische bestimmter Verhaltensweisen aufzeigt um Publikumsreaktionen zu provozieren, zeigt nur, wie er selbst mit rassistischen Klischees spielt. Wenn Leute lachen sollen, weil der Afro-Amerikaner wider Erwarten ein gebildeter Mann ist und der Weiße einfältig, deutet diese „Schaut mal, es geht auch andersrum!“-Haltung auf Rassismus hin.

Es hätte vollkommen gereicht zu zeigen, wie oft Dr. Don Shirley (Ali) von den Rednecks verprügelt wird. Und die Kontroverse um Authentizität des Stoffes hätte dem Film eigentlich den Rest geben müssen. Die Angehörigen Shirleys bestritten, dass es jemals eine Freundschaft zwischen ihm und Tony (Mortensen) gegeben habe. Ali entschuldigte sich daraufhin sogar bei der Familie, eine mutige Entscheidung: Das hätte seine Oscar-Chancen (er war als „Bester Nebendarsteller“ nominiert und gewann auch) schmälern müssen – Distanzierung von der Rolle.

Armer Viggo! „I’m just the Drivvverrrr“, sagte er schon in Cronenbergs „Eastern Promises“. Aber auch er hätte hier keinen Academy Award verdient gehabt.

27. „Chicago“ (2002)

Die Academy bewies Humor. Statt sich um Polanskis Holocaust-Drama „The Pianist“ zu kümmern, oder vielleicht noch Scorseses Ausstattungs-Kraftprobe „Gangs Of New York“, bedachte sie Rob Marshalls Musical-Biedermeier „Chicago“ mit der höchsten Auszeichnung.

Vielleicht entschied man hier nach dem Gießkannenprinzip: Fünf weitere Statuetten erhielt das Jazztänzchen, wenn auch mit „Bester Schnitt“ und „Beste Nebendarstellerin“ (Catherine Zeta-Jones, eine einmalige Gelegenheit für sie) darunter lediglich zwei wichtige.

Hollywood liebt es einfach, nicht-professionell singende Schauspieler singen zu sehen. Weil es soooo lustig ist.

26. „The King’s Speech“ (2010)

Meisterleistung: Von zehn nominierten „Besten Filmen“ des Jahres war Tom Hoopers Gewinner-Streifen tatsächlich der schlechteste. Sah die Oscar-Jury anders. „The King’s Speech“ erhielt außerdem Auszeichnungen für den Regisseur, sowie für Colin Firth („Bester Schauspieler“ ) und David Seidler („Bestes Original-Drehbuch“) – also vier der fünf wichtigsten Trophäen.

Das freundliche Historiendrama über den stotternden König George VI überzeugte die Academy mehr als, nun, sagen wir: „Black Swan“. „The Fighter“. „Inception“. „The Social Network“. „True Grit“ … Firth ist Brite und spielt immer den Briten. Wacht auf, Füße aus dem Bett, Mantel an, Pantoffeln, aufstehen, Brite sein.

25. „The English Patient“ (1996)

Bis heute gilt Anthony Minghellas Kriegsdrama als größter Erfolg von Miramax, der Produktionsfirma von Bob und Harvey Weinstein, die ab den frühen 1990er-Jahren als „Indie Company“ in Hollywood einen beispiellosen Siegeszug  startete. Zwölf Nominierungen und neun Siege gab es hier. Drei der wichtigsten (Bestes adaptiertes Drehbuch, Beste Hauptdarstellerin, Bester Hauptdarsteller) Oscars bekam das Werk jedoch nicht.

Eine schwerfällige Romantisierung des bereits arg romantisierenden Liebe-ist-stärker-als Krieg-Romans Michael Ondaatjes, Fiennes‘ Darstellung des Grafen László de Almásy, ein Name wie aus dem Namens-Generator bezogen, ist an die echte Figur des aristokratischen Entdeckers angelehnt.

Spricht heute noch irgendjemand über diesen Film?

24. „Shakespeare In Love“ (1998)

Der Siegeszug von Miramax (siehe „The English Patient“) ging weiter, diesmal boxten die Weinsteins Spielbergs „Saving Private Ryan“ aus dem Feld – eine der größten Ungerechtigkeiten der Oscar-Geschichte, das wird einem von Jahr zu Jahr immer bewusster.

Sogar Harrison Ford, der auf der Bühne diesen „Besten Film“ vom Zettel ablesen musste, stutzte. „Shakespeare In Love“ macht nicht viel falsch, er ist eine Art Romantic Comedy für Abiturienten, streut Titel des Dichters als Running Gags in den Film, nach „Ha! Hab’s erkannt“-Manier darf der junge Bildungsbürger sich selbst auf die Schulter klopfen.

Harvey Weinstein soll eine aggressive Kampagne, gar nicht mal für seinen, sondern einfach nur gegen Spielbergs Film gefahren haben: Das im Zweiten Weltkrieg angesiedelte Drama weise zahlreiche historische Ungenauigkeiten auf.

Aber selbst die andere Konkurrenz war diesem Shakespeare-Gauklerfest um Meilen voraus: „Elizabeth“, „Life Is Beautiful“ und natürlich Terrence Malicks „The Thin Red Line“.

23. „The Artist“ (2011)

Fast setzte die Academy im Folgejahr von „King’s Speech“ noch einen drauf in Sachen Spaß-Auszeichnung. Hollywood liebt Filme über Hollywood. „Die Magie des Kinos“, „die Anfänge der Traumfabrik“ etc. Mit der Ehrung eines Stummfilms in Schwarzweiß wollte man Heldenmut demonstrieren. Anti-Fortschritt wagen. Keiner im Publikum wurde im Laufe des Abends häufiger eingeblendet als Harvey Weinstein, der das Risiko „The Artist“ international vertrieb und Preis auf Preis immer mehr um die Wette feixte.

Alle also sagten im Chor: Wer das Kino liebt, muss diesen Film lieben. Fünf Oscars für Filmschaffende, die nie wieder auch nur in die Nähe eines Oscars kommen werden, darunter Regisseur Michel Hazanavicius und Hauptdarsteller Jean Dujardin.

Der „Artist“ profitierte von der schwachen Konkurrenz. Zwar fiel Scorseses „Hugo“ auch in die Kategorie „Historie und Magie des Kinos“, aber Scorsese wurde wenige Jahre zuvor bereits bedacht. Terrence Malicks „Tree Of Life“ war zu obskur, Spielbergs „War Horse“ zu uninteressant und Bennett Millers „Moneyball“ steckte als Sportlerdrama in der Nische fest.

22. „Crash“ (2005)

Unter allen „Love To Hate You“-Filmen rangiert Paul Haggis’ Los-Angeles-Drama über schichtübergreifenden Rassismus ganz oben. Vor allem die Art, wie die Schicksale der Figuren miteinander verknüpft sind, erschien missglückt. Wie ein Altman für Arme. Als später bekannt wurde, dass Haggis Scientologe war, galt der Oscar auch noch als verschenkt.

Dabei gingen einzelne Ensemble-Leistungen unter. Brendan Fraser erstmals in einer ernst zu nehmenden Rolle, Matt Dillon als hasserfüllter Cop vielleicht in seiner besten Rolle. Der „Beste Film“ hätte aber klar an Ang Lees „Brokeback Mountain“ gehen müssen; dass Lee nur den Regiepreis erhielt, gilt als eine der größten Fehlentscheidungen der Oscar-Geschichte. Die Academy traute sich nicht, ein Drama über schwule Cowboys zu ehren.

Spielbergs „Munich“, der die israelische und palästinensisch/arabische Perspektive auf den Nahostkonflikt meisterhaft balanciert, ging sogar komplett leer aus.

21. „Gladiator“ (2000)

In seinem besten Jahr wurde Steven Soderbergh gleich für zwei Filme nominiert, „Erin Brockovich“ und „Traffic“ (er bekam hierfür die Regie-Auszeichnung), verlor aber im „Besten Film“ gegen das Sandalen-Epos „Gladiator“ von Ridley Scott. Es fällt schwer, die Wichtigkeit der Awards miteinander zu vergleichen – „Traffic“ bekam Regie, Drehbuch und Nebendarsteller (Benicio del Toro), „Gladiator“ neben dem „Film“ zwar überwiegend Technik-Oscars, aber auch den „Besten Hauptdarsteller“ Russell Crowe.

Vielleicht ergriff Hollywood die in den letzten Jahrzehnten nicht vorgekommene Gelegenheit, wieder einen Römer-Kriegsfilm zu prämieren. Das Werk selbst ist schlicht: ein „Seek and Destroy“-Rachedrama, das zur Ära George W. Bushs passt.

Auch Russell Crowe war vorher und nachher in besseren Rollen zu sehen. Immerhin hatten die Charaktere leicht zu merkende Namen, der Böse hieß Commodus, der Gladiator Crowe natürlich Maximus.

20. „A Beautiful Mind“ (2001)

Da isser wieder: Russell Crowe. Erneut nominiert als „Bester Hauptdarsteller“. Das Biopic über den schizophrenen Mathematiker und Nobelpreisträger John Nash war nicht ohne Brisanz, da der „schöne Geist“ Nash während psychiatrischer Episoden antisemitische Äußerungen von sich gegeben haben soll (er verstarb 2015). Dennoch: Genies, von Krankheit gezeichnet – klassisches Oscar-Material.

Dem unvermeidlichen, dauerpräsenten, als Filmemacher nie mit eigenwilliger Handschrift aufgefallenen Ron Howard gab man endlich den Regiepreis mit dazu, damit war er ruhig gestellt. Die Konkurrenz machte es ihm leicht. „Gosford Park“ würde zwar absehbar Robert Altmans letzter Film sein, war aber zu kompliziert. „Moulin Rouge“ als Musical zu avantgardistisch.

19. „Dances With Wolves“ (1990)

Pauline Kael schrieb damals für den „New Yorker“: „Kevin Costner has feathers in his hair and feathers in his head”. Die Große-Jungen-Fantasie eines Amerikaners, der halt auch mal Indianer spielen möchte und das Abenteuer mit Pfeil und Bogen sucht. Tatsächlich ist „Der mit dem Wolf tanzt“ der klassischer Fall eines „White Saviour“-Werks, wie „Der letzte Samurai“ oder „Avatar“: Ein Mann aus der vermeintlich höher entwickelten Kultur zeigt den „Unterentwickelten“, wie man (militärisch) vor dem Untergang bewahrt wird.

Man braucht Regisseur und Kevin Costner dennoch keinen kulturellen Elitismus zu unterzustellen, er machte auf den Niedergang der amerikanischen Ureinwohner aufmerksam, weil der durch die Brutalität des „Weißen Mannes“ bei der Kolonialisierung des Kontinents bedingt war.

Aber um wen trauerten Kinogänger am meisten bei diesem großen Box-Office-Erfolg? Nicht um die von Nordstaatlern getöteten Indianer. Sondern um den von Nordstaatlern erschossenen Wolf.

Um das Tier, nicht um die Menschen. Das sagt einiges über die Nachhaltigkeit des Melodrams aus.

18. „Argo“ (2012)

Härtester Konkurrent war Spielbergs Präsidenten-Biopic „Lincoln“, aber die Jury fand die darin zelebrierten Salonphilosophien vielleicht zu intellektuell. Und bei Spielberg denkt man sich ja immer: Kann man sich aufheben, kommt wieder was. „Django Unchained“ war von Tarantino, und Tarantino gibt man – leider – keinen „Besten Film“. „Amour“ kam aus Europa und war von Michael Haneke. „Life Of Pi“ hatte einen Tiger.

Und weshalb nun „Argo“? Die wahre Geschichte um ein CIA-Team, das 1979 Geiseln aus der US-Botschaft in Tehran befreit, griff die Nahost-Themen unserer Zeit, Iran, Irak, Afghanistan, Syrien, die Angst vor Krieg und Terror, irgendwie ab. Mit Betonung auf „irgendwie“.

Ist ja auch eine kuriose Erfolgsgeschichte, wie die Amerikaner die Perser an der Nase herumgeführt haben, und das auch noch getarnt als Filmteam. Hauptdarsteller Ben Affleck erhielt als Produzent seinen Oscar. Erstaunlicherweise hat er, der sich die Jahre zuvor einen respektablen Ruf auch als Filmemacher erarbeitet hatte, sich davon bis heute nicht erholt. Affleck scheint mittlerweile im Franchise-Sumpf von Batman festzustecken.

17. „12 Years a Slave“ (2013)

Dieses Oscar-Jahr war derartig hochkarätig bestückt, dass selbst der Favorit, Steve McQueens auf einer wahren Geschichte beruhendes Sklavendrama, sich seines Sieges nicht sicher sein konnte. Am Ende setzte der Film sich gegen „Gravity“ durch, „Captain Phillips“, „The Wolf of Wall Street“ und „Dallas Buyers Club“.

Man würde „12 Years a Slave“ unterschätzen, schreibt man den Triumph nur der Tatsache zu, dass man den „Besten Film“-Oscar endlich einem dunkelhäutigem Regisseur geben wollte, der sich einem düsteren Kapitel Amerikas widmet. Dass die Preisvergabe also politisch motiviert gewesen ist.

Die Schwächen liegen in der bisweilen hastig episodischen Erzählung, eben dem missglückten Versuch, zwölf Jahre Gefangenschaft spürbar zu machen. Dass die Haupttrophäe für  „12 Years a Slave“ vor allem als Statement gedacht war, könnte gestützt werden durch den Sieg in nur zwei weiteren, mehr oder weniger wichtigen Kategorien: „Beste Nebendarstellerin“ (extrem kurzer Auftritt von Lupita Nyong’o) und, immerhin, „Bestes adaptiertes Drehbuch“.

Der als Schauspieler nicht wirklich begabte Brad Pitt fungierte als Produzent und baute sich selbst in einer Nebenrolle als Plantagenbesitzer ein; er basierte die komplette Figur wohl allein auf einem Südstaatendialekt, der aber derart ausgedacht wirkt, dass man gar nicht weghören möchte. Er zieht zu viel Aufmerksamkeit ab, so wie die ebenfalls engagierten Stars Fassbender und Cumberbatch.

Es ist der Film dieser drei Stars, eine echte Sklavenhalter-Parade, nicht der Film des Sklaven Solomon Northup (Chiwetel Eljiofor). Das kann niemals so beabsichtigt gewesen sein – es sei denn, die großen Stars standen beim Regisseur Schlange. Hätte McQueen dreimal Nein zu diesen Leuten sagen können?

16. „Spotlight“ (2015)

In Zeiten von „Fake News“-Vorwürfen gegen die Medien ging diese „Beste Picture“-Auszeichnung natürlich runter wie Öl. Die wahre Geschichte vom Investigativ-Team des „Boston Globe“, das eine Missbrauchs-Serie von Priestern aufdeckt. „Spotlight“ ist ruhig, nüchtern – womöglich ein Film, dessen Story man lieber lesen als sehen möchte.

Die Konkurrenz im Oscar-Jahr war schwach: „Mad Max: Fury Road“, „The Martian“, „Bridge Of Spies“ … am ehesten wäre „The Revenant“ infrage gekommen, aber Alejandro G. Iñárritu erhielt den „Besten Film“ schon im Jahr zuvor für „Birdman“.

„Spotlight“ zementierte auch die leidige Academy-Tendenz, als „Besten Film“ nicht mehr denjenigen zu würdigen, der in möglichst vielen Kategorien abräumt, was das einzige Qualitätskriterium sein sollte, sondern allein aufgrund seiner politischen Message bedeutend ist, den Zeitgeist widerspiegelt.

Wie viele Werke gibt es neben „Spotlight“, die neben dem „Besten Film“ nur noch einen einzigen Award erhielten (hier „Bestes adaptiertes Drehbuch“)?

15. „Forrest Gump“ (1994)

Von einer Ungerechtigkeit zu sprechen, wäre vielleicht etwas hochgegriffen. „Pulp Fiction“ war natürlich der bessere Film des Jahres, aber „Forrest Gump“ hatte alles, was die Academy liebt: ein amerikanisches Geschichtsdrama, mit JFK, Vietnam und Aids, und das allein aus der Sicht eines Mannes, der geistig zurückgeblieben war.

Der amerikanische Traum: Jeder kann teilhaben an den großen Ereignissen des Landes. Dass Forrest dasselbe Glück hat wie Homer Simpson (Raumfahrt, aus der Romanvorlage nicht übernommen), ist eine fast schon zynische Pointe.

1994 gilt als einer der größten Filmjahrgänge des 20. Jahrhunderts. Die Popularität des mit dem Aufstieg der imdb vor allem viral gefeierten „The Shawshank Redemption“ (dort wird er nach User-Voting als „Bester Film aller Zeiten“ geführt), war damals jedoch noch nicht absehbar.

Der Triumph von „Forrest Gump“ war allen klar; auf der Oscar-Bühne bedankte sich Quentin Tarantino, der den weit vorher verliehenen Drehbuch-Award für „Pulp Fiction“ abholte, weitsichtig für „den einzigen Preis, den mein Film an diesem Abend bekommen wird.“

14. „Slumdog Millionaire“ (2008)

Von allen „Best Picture“-Beiträgen dieses Jahrtausends vielleicht die größte Überraschung. Niemand, am wenigsten der vorher in Hollywood abgemeldete Regisseur Danny Boyle, hätte vor Drehbeginn den Siegeszug dieser Tragikomödie über einen armen indischen Jungen, der seine unglaubliche Lebensgeschichte als Wissensvorteil bei „Wer wird Millionär?“ einsetzt, voraussehen können.

Acht Oscars gab es dafür. So viele, wie seit dem dritten „Herrn der Ringe“ nicht mehr (der bekam im Jahr 2003 gleich elf). Und seit elf Jahren bekam keiner mehr als dieser Film! „Slumdog Millionaire“ ist vielleicht einen Tick zu spleenig, um wirklich bedeutsam zu sein, ein wenig zu kindisch, am Ende mit Bollywood-Tanzeinlage. Einziger ernstzunehmender Konkurrent in jenem Jahr war Gus van Sants „Milk“.

13. „The Hurt Locker“ (2009)

Das erste Jahr seit Ewigkeiten, in dem mehr als fünf Beiträge für den „Besten Film“ ins Rennen gingen. Angeblich aus allgemeiner Frustration über die Nichtberücksichtigung von „The Dark Knight“ im Vorjahr, wollte die Jury von nun an unbedingt alle wirklich wirklich guten Werke pro Jahrgang dabei haben. Zehn Filme konkurrierten jetzt um die Trophäe.

Mit Kathryn Bigelow gewann für den „Hurt Locker“ nicht nur erstmals eine Regisseurin, es war auch ihr persönlicher Triumph über den Ex-Ehemann James Cameron, der mit „Avatar“ gleichauf favorisiert war. Über den Pixar-Film „Up“ im Bewerberfeld durfte man sich freuen, wenngleich er wohl als Füllmaterial der Liste diente. Wirklich bester Film war Tarantinos „Inglourious Basterds“.

Aber „Hurt Locker“ hatte das filmisch bislang noch nicht befriedigend aufbereitete Thema Irak-Krieg, und Bigelow paarte Effekt-Kino mit einfühlsamer Charaktererzählung. Jeremy Renner als Bombenentschärfer, der nach Jahren halsbrecherischer Arbeit die Frage nach dem Sinn des Lebens nicht mehr beantworten könnte, sticht heraus.

12. „Unforgiven“ (1992)

Bester Film des Jahrgangs war womöglich „The Crying Game“, aber der hatte nicht viel mit Amerika zu tun. Clint Eastwoods revisionistischer Western war ein „Selbstläufer“, weil er das Scheitern des Revolverhelden zelebrierte, und mit ihm die Kränklichkeit des nach John Wayne berühmtesten Cowboy-Darstellers.

Es war das Thema, das Hollywood liebt: Der „Held wider Willen“ tritt noch einmal an, für die eh schon Entrechteten, die Huren. Für Eastwood, damals auch schon 62, bildete der solide Film den Auftakt seiner goldenen Strecke als Filmregisseur, die volle 16 Jahre, bis „Gran Torino“ von 2008, andauerte.

Und noch immer steht er, heute 88 Jahre alt, vor und hinter der Kamera.

11. „The Lord Of The Rings: The Return Of The King“ (2003)

Clean Sweep: elf Nominierungen, elf Oscars. So viele wie sonst nur „Titanic“ und „Ben Hur“ (die ihrer Zeit jedoch mehr Nominierungen erhalten hatten). Die Academy würdigte damit die Gesamtleistung Peter Jacksons, jenem ehemaligen B-Splatter-Regisseur, der drei Tolkien-Filme auf einmal drehte, sich dafür samt Crew mehr als ein Jahr lang in Neuseeland einrichtete und damit so ziemlich jedes finanzielles Risiko einging, das die Produktionsfirma „New Line Cinema“ zu befürchten hatte.

Der schönste Film bleibt natürlich Teil eins, „Die Gefährten“, weil er gerade in den Effekten noch jenen Indie-Charme von Jacksons Frühwerken aufwies und vor allem ohne Sentimentalitäten auskam. Den „zwei Türmen“ sowie der „Rückkehr des Königs“ war nach dem Riesenerfolg des Erstlings anzumerken, dass per Nachdreh und Neuschnitt – mehr zu sehen von der Liebesgeschichte Aragorns und seiner Elfe – noch stärkeres Blockbuster-Feeling geweckt werden sollte.

Dafür hatte Jackson die Chuzpe, den spektakulären Tod des tollen Schurken Christopher Lee alias Saruman aus Zeitgründen einfach herauszuschneiden (ist im Director’s Cut wieder drin).

Dennoch: endlich, endlich mal ein Fantasy-Werk als „Bester Film“.

10. „Titanic“ (1997)

Gut möglich, dass Regisseur James Cameron den Fokus auf die Romanze (= potentiell höheres Einspielergebnis) zwischen Jack und Rose erst dann legte, als die Vorproduktion immer teurer (die teuerste ihrer Zeit) und die Verbindlichkeiten an Geldgeber immer größer wurden. Schließlich geht es hier doch eigentlich um ein Schiff, nicht um zwei Liebende, oder?

Dass Cameron mit seinem marinen Chaos-Dreh untergeht wie die Titanic, galt unter Buchmachern lange Zeit als gesetzt und war gleichzeitig ein mieses Sinnbild. Dabei ist sein Werk, zumindest in der ewigen Box-Office-Rangliste, ein echter Monolith: Der einzige Film aus den 1990er-Jahren, der sich seit 22 (!) Jahren nicht nur in der Top Ten der erfolgreichsten Filme aller Zeiten hält, sondern noch immer auf Platz zwei – verdrängt 2009 nur von Camerons eigenem Abenteuer „Avatar“. Der Film bewies, wie „Avatar“, einen Grower-Effekt: keine alles überwältigende Kasse in den ersten Wochen, aber treue Zuschauer, die immer und immer wieder in die Säle kamen, weil es einfach zu viel zu sehen gab für nur einen Filmbesuch. „Titanic“: kein Sci-Fi, kein Franchise, kein 3-D im Original, kein elender Marvel, kein „Star Wars“, und trotzdem oben.

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James Cameron zeigte den Untergang des Luxusdampfers in Echtzeit (fast 90 Minuten), und auf die Liebesgeschichte folgte eine unfassbar spannende Survival-Action, mit einer vielleicht etwas unterbeschäftigten Kate Winslet, immerhin aber einem Leonardo DiCaprio, der vielleicht nie besser war als hier, weil er noch nicht den Maniac raushängen ließ, also nicht stets dieselbe Rolle verkörperte wie ab Scorsese 2001.

Elf Oscars, das egalisierte den Rekord von „Ben Hur“, damals 38 Jahre alt. Der Academy-Jahrgang war interessant, weil „Titanic“ sich den Abend mit dem zweiten großen Favoriten, „A Good As It Gets“ aufteilen durfte. Die Buchmacher lagen richtig, man konnte keine großen Wettgewinne rausschlagen: Die beiden Hauptdarsteller-Oscars gingen, wie zu erwarten, an Nicholson und Helen Hunt.

„Titanic“ markiert einen einsamen Erfolg, der kein Actionfiguren-Merchandise benötigte, kein Superhelden-Eiskonfekt oder begleitende Cartoons, und der eine alte Geschichte erzählte, und der Physiker noch immer vor Rätsel stellt: Hätte Jack nicht doch … noch … Platz gehabt auf der Planke?

Was will ein Film mehr, als solche Fragen offen zu lassen, die heute noch immer wild debattiert werden.

09. „American Beauty“ (1999)

Was macht ein gut verdienender Amerikaner in der Midlife Crisis? Er verliebt sich in die Freundin seiner Tochter und wird am Ende vom Nachbarn umgebracht, weil der ihn für die homosexuellen Gefühle seines Sohnes verantwortlich macht.

Der Ausbruch aus dem System, mehr noch: die Krise des Mannes aus der Mittelschicht, ist ein uramerikanisches, literarisches Thema, Alan Ball („Six Feet Under“) schrieb das pointierte Drehbuch, Regie-Debütant Sam Mendes bekam einen Award, und Kevin Spacey natürlich auch.

1999 war ein dicht gedrängtes Jahr: „The Green Mile“, „The Insider“, „The Sixth Sense“: Am Ende setzte sich der subversivste der Beiträge durch.

08. „Moonlight“ (2016)

Überschattet wurde Barry Jenkins‘ Sieg durch den Fauxpas des Ansagers Warren Beatty, der fälschlicherweise „La La Land“ als Gewinner bekannt gab. Die Coming-of-Age-Geschichte hatte vieles, was die Academy in ihrer berüchtigten Tradition eher ignoriert hatte: Es ging um einen schwulen schwarzen Jungen, der seine sexuelle Identität als Erwachsener zu akzeptieren lernt; seine Vaterfigur ist ein Drogendealer, der aber eben kein Baddie ist, sondern ein Mensch mit Geldsorgen.

Dass sich das Rennen zwischen dem DIY-Musical „La La Land“ und „Moonlight“ abspielen würde, beide auf ihre Art revolutionär, war klar. Aber auch sonst war das Feld 2016 gut bestückt: „Arrival“, „Manchester By The Sea“, „Lion“, „Hell Or High Water“ …Wie Regisseur Jenkins gerne erzählt, wird er immer wieder darauf angesprochen: In Deinem Film machen ja gar keine Weißen mit.

07. „The Shape Of Water“ (2017)

Es ist schwer zu entscheiden, was „Shape of Water – Das Flüstern des Wassers“ vor allem ist. Eine Hommage an ein Genre? Ist es eine Hommage an ein Zeitalter, oder eine an den Zauber des Kinos an sich? Vielleicht ein Kommentar zur sexuellen Selbstbestimmung?

Es ist alles drin, und das ist auch ein persönlicher Triumph für Guillermo del Toro. Hollywood schien ihn verschluckt zu haben. Zuletzt wurde der Mexikaner mit schematischem Horror („Crimson Peak“) und Riesenmonster-Trash („Pacific Rim“) beauftragt.

In nur zwei Stunden Spieldauer erhält jede Figur, von der Heldin Elisa (Sally Hawkins) bis zum KGB-Spion Hoffstetler (Michael Stuhlbarg) und dem US-Army-General Hoyt (Nick Searcy) eine ausgeleuchtete, biografische Beziehung zum vermeintlichen Dschungel-Monster, das ihr aller Leben verändert. Für die einen ist die Kreatur aus dem südamerikanischen Fluss ein „Ding“, für andere ein „Kapital“, für Elisa ein Geschöpf mit Intelligenz und Gefühl.

Die Romanze zwischen Frau und Kreatur hätte in „Beauty and The Beast“-Seichtgebiete abdriften können, doch del Toro stellt sein „Monster“ nicht als verzauberten Menschen dar, der seine Hülle verdammt. Vielleicht trifft sogar etwas anderes zu: Elisa ahnt, dass ihre Menschengestalt Fassade ist. Schließlich lebt sie ihre Sexualität – Masturbation und Geschlechtsverkehr – nur unter Wasser aus. Als Findelkind wurde sie in der Nähe eines Flusses gefunden, sie ist stumm wie das Amazonas-Wesen, und die Narben an ihrem Hals sehen aus wie verkümmerte Kiemen.

Guillermo del Toro musste sich gegen Plagiatsvorwürfe wehren – er habe entscheidende Sequenzen seines Werks vom Kurzfilm „The Space Between Us“ geklaut, auch Regisseur Jean-Pierre Jeunet wirft dem Kollegen Diebstahl vor, verweist auf ähnliche Szenen aus seinem Film „Delicatessen“.

Zumindest was „The Space Between Us“ angeht, könnte man eine Unschuldsvermutung geltend machen, del Toro beteuert, den niederländischen Film nie gesehen zu haben.

06. „Million Dollar Baby“ (2004)

Hillary Swank spielt nicht einfach eine Boxerin, die von den Ringkämpfen leben will, sie spielt eine Boxerin, die die Grenzen dieser Männerwelt einreisst, die ihre Trainer Clint Eastwood und Morgan Freeman überzeugt. „Million Dollar Baby“ gilt als dennoch etwas altmodischer Oscar-Gewinner, auch, weil er klassisch als Dreiakter strukturiert ist und eine Underdog-Geschichte erzählt.

Aber er ist eben doch mehr, ein feministischer Film, weil die Befreiung Maggie Fitzgeralds (Hillary Swank) selbstermächtigt erfolgt. Außerdem ein Film, mit dem der überzeugte Republikaner Eastwood unerwartet ein Plädoyer für Sterbehilfe hält.

Und auch Freeman, damals 67, erhält einen „Hell Yeah!“-Moment, einen Boxkampf, auf den alle gehofft, den aber keiner erwartet hatte. Besser noch als der alte Rocky Balboa, old school style.

05. „Birdman or (The Unexpected Virtue of Ignorance)“ (2014)

Fun Fact: Einer von zwei „Bester Film“-Nominierten des Jahres, der einen Jazz-Soundtrack aufwies. Der andere war „Whiplash“. Der ganze Film wirkt ja wie ein Fun Fact. „Birdman“ ist streng genommen kein „Best Picture“-Material, da sich seine Geschichte als zu milieuspezifisch und intim herausstellt, aber es macht einfach unglaublichen Spaß ihn zu betrachten – und dabei mit Michael Keaton zu leiden.

Comeback-Keaton spielt einen in Vergessenheit geratenen Superhelden-Kinodarsteller, der nun als Broadway-Mime reüssieren will, aber seine Grenzen spürt (M-E-T-A-E-B-E-N-E!, denn auch Michael „Batman“ Keaton ist sich seiner Grenzen bewusst). Sein brutaler Dialog mit einer Theaterkritikerin, einer widerlichen Vertreterin der Gattung Schreiberling, spiegelt den häufigen Konflikt zwischen Künstler und professioneller Rezipientin exakt wider: Er hasst Voreingenommenheit, sie hasst Ex-Hollywood-Leute, die einen auf gereift machen, aber Bühne nur machen, weil sie Bühne machen müssen. Im Grunde ist „Birdman“ ein Film von Künstler für Künstler sowie für Kunstfeinde.

Über die genaue Anzahl der Filmschnitte herrscht unter Vielguckern Streit, Regisseur Alejandro G. Iñárritu sagt, es hätte in den 119 Minuten nur einen einzigen Schnitt gegeben. Das Ergebnis ist so oder so atemberaubend: ein dauernder Adrenalinstoß, alle rennen durch die verschachtelten Theaterkulissen, schreien sich an, fallen übereinander her.

Keatons unfreiwillig nackter Spaziergang über den Times Square ist grandios, und Emma Stones angstvoller Blick, der sich in den letzten Sekunden der letzten Szene in ein Lächeln verwandelt, schenkt uns eines der zum Glück offensten Filmenden überhaupt.

„Birdman“ dreht sich danach weiter im Kopf, man möchte fast sagen: fliegt wie ein Vogel.

04. „The Departed“ (2006)

Es gilt als schick, gerade diesen Scorsese nicht zu mögen. Besserwisser verweisen immer auf das Original dieses Remakes, das sie in Wirklichkeit, wie wir alle, doch gar nicht gesehen haben („Infernal Affairs“). Kritisieren das manierierte Spiel Jack Nicholsons, die zu schillernden oder zu plötzlichen Tode fast aller Figuren, und wieder, wieder, wieder gibt es einen tragenden Motiv-Song der Stones, wie immer bei Marty: „Gimme Shelter“.

Die Academy wollte den damals 64-jährigen Regisseur ehren, bevor es zu spät ist, sie zog die Lehren aus Kubrick und Hitchcock und Chaplin. Verdient hätte Scorsese den Regiepreis ebenso für „Taxi Driver“, „GoodFellas“, „The Age Of Innocence“ und „Raging Bull“, aber hierfür eben auch: Vier Darsteller sind in ihren besten Rollen zu sehen, unter Berücksichtigung ihrer Fähigkeiten, auch ihrer Grenzen, und ihres Charismas.

Matt Damon ist ein Windhund und spielt einen Windhund. Mark Wahlberg ist wie ein Rapper, der einen Cop spielt, und ist fabelhaft darin. Martin Sheen als väterlicher Polizeichef will die Fäden zusammenhalten; der Moment, als er das letzte Mal nach Feuer fragt, ein Ablenkungsmanöver, ist so altmodisch wie fatalistisch und traurig.

Der König aber ist Leonardo DiCaprio. Als Undercover-Ermittler, der jeden Tag damit rechnet aufzufliegen und massakriert zu werden, schwitzt er fast durch die Leinwand hindurch. Aus taktischen Gründen ließ DiCaprio sich für die Academy jedoch nicht für diese Darstellung aufstellen, sondern für die Rolle als Halbstarken-Abenteurer in „Blood Diamond“ (er verlor – aber der sich so nach einem Oscar sehnende Peter O’Toole, in „Venus“, auch).

Einige Filme Martin Scorseses waren noch besser als „The Departed“. Aber auch spannender? Niemals.

03. „No Country For Old Men“ (2007)

Im „Sand, Staub und Dreck“-Oscar-Rennen des Jahres setzte der Film der Coen-Brüder sich gegen P.T. Andersons „There Will Be Blood“ durch.

Auf dem Papier steht ein Neo-Noir nach Romanvorlage von Cormac McCarthy, aber Joel und Ethan Coen machten daraus natürlich eine ganz eigene Geschichte, die sich um das vielleicht härteste Gefühl dreht, das Erwachsensein ausmacht: Unklarheiten aushalten.

Natürlich ist der 1980 angesetzte Texas-Thriller auch eine Hommage an den Western (von dem die Brüder nicht ganz lassen wollten, siehe ihr späteres  „True Grit“-Remake). Als Charakterstudie dreht sich die Erzählung vor allem auch um die Frage, was Identität und Erfolg eigentlich ausmacht, einfacher gesagt: Wie gut muss man in dem sein, was man macht? Die Cops fragen sich das deutlicher als die Kriminellen.

Anton Chigurh, der Killer, macht das gut mit den Handschellen, und natürlich entkommt er. Javier Bardem erhielt einen Oscar als „Bester Nebendarsteller“. Es war die überzeugendste Darstellung eines eigentlich sympathischen Mörders seit Anthony Hopkins‘ Interpretation des Hannibal Lecter von 1991.

02. „The Silence Of The Lambs“ (1991)

Erst der dritte – und bis heute letzte – Film, der die „Big Five“ der Oscars gewann: Film, Regie, Drehbuch (adaptiert), Hauptdarstellerin, Hauptdarsteller.

Wer heute den Roman von Thomas Harris liest, hat Jodie Foster und Anthony Hopkins vor Augen, aber die Besetzung dieser Zwei war damals ein Coup: Fosters Starling weit, weit zerbrechlicher als in der Vorlage und trotzdem dem Gegner analytisch ebenbürtig; Hopkins‘ Lecter wie ein Eisblock, aus dem plötzliche Flammenstöße kommen. Kein Vergleich zur clownesken Verkörperung der Figur durch Brian Cox in Michael Manns „Manhunter“. Eine echte Überwältigung als Kammerspiel (der beleuchtete Käfig mit dem gefangenen Schurken wurde zum prägenden Ausstattungsstück eines jeden Thrillers), und in den Action-Szenen von Regisseur Jonathan Demme mit geschickten Montagen ausgestattet.

Der Einfluss des Films auf das Genre – die Nähe von Ermittler und Täter – kann nicht überschätzt werden, und die Konkurrenz im Oscar-Jahr, „JFK“, Warren Beattys Ego-Projekt „Bugsy“, die Höflichkeitsnominierung für Barbra Streisand („Prince of Tides“) sowie die Anerkennung von Disney-Animination („Beauty and the Beast“), chancenlos.

Und dieser Film schaffte auch das, was kein Film zuvor, was kein Genre-Film im stärksten Jahrzehnt des Genres geschafft hatte, den 1970ern: Ein Horrorfilm wird „Bester Film“. Der „Exorzist“ verlor damals, 1973, heute undenkbar, gegen „Der Clou“.

01. „Schindler’s List“ (1993)

Unter allen großen Filmen Hollywoods vielleicht einer der am wenigsten einflussreichsten – weil Thema und Umsetzung so singulär sind. Der Triumph von „Schindlers Liste“ lag im Feingefühl, in der Größe, dann in der Härte, in der Brutalität, in der Behutsamkeit und in der Intimität, in allem, was nötig war, um sich der Shoah zu nähern. Nichts erschien suggestiv. Und die wenigen Szenen, die tatsächlich Humor zeigen sollten, waren sogar lustig.

25 Jahre später hat „Schindlers Liste“ dieselbe Wirkung wie 1993. Es ist nicht der Ruhm – sieben Oscars, darunter der für die beste Regie – der in Erinnerung bleiben wird, sondern es sind die unzähligen Szenen, in denen Spielberg den Schrecken des Holocaust auf die Leinwand bringt, sei es direkt oder symbolisch.

Das Mädchen im roten Mantel. Der Klavier spielende Nazi während der Erschießungen im Warschauer Ghetto. Amon Göths „Ich vergebe Dir“. Der Junge, wie er in die Kloake des Arbeitslagers flüchtet, klassische Musik im Ohr. „Dazu gehört mehr als das.“ Itzhak Sterns Gang, vorbei am hingerichteten Zimmerjungen. Und im ganzen Film gibt es Hitler nur ein einziges Mal zu sehen (auf einem Porträtfoto im Bildhintergrund), und nur eine Einstellung mit Hitlergruß.

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Seiner Hauptfigur, dem Industriellen Oskar Schindler (Liam Neeson), gönnt der Regisseur am Ende einen Zusammenbruch. Es gibt Kritiker, die Schindlers „Ich hätte mehr tun können“ als ungebührliche Wehleidigkeit abtun; vielleicht aber ist Schindlers Gedanke genau derjenige bittere Gedanke, der jedem, der das Ausmaß der eigenen Hilfsbereitschaft endlich erkannt hat, in seiner Situation gekommen wäre.

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