Warum es gut ist, dass die Kaulitz-Brüder „Wetten, dass ..?“ moderieren
Nach Thomas Gottschalk kommt jetzt Pop statt Brokat: Bill und Tom Kaulitz moderieren „Wetten, dass..?“ ab Herbst 2026. Ein Generationen-Wechsel mit Diskussionspotenzial.
Der alten TV-Fregatte ZDF ist ein Mainstream-Coup gelungen. Das vielfach zu Grabe getragene Samstagabend-Format „Wetten, dass..?“ soll wiederauferstehen – mit den Gebrüdern Kaulitz aus Magdeburg. Eine Herkules-Aufgabe, an der nicht nur Wolfgang Lippert scheiterte. Dessen Moderations-Stint war eher ein Schnupper-Gastspiel zwischen September 1992 und November 1993.
Als das von Frank Elstner erfundene Format im September 1981 zum ersten Mal ausgestrahlt wurde, waren Erich und Margit Honecker noch in Amt und Würden. Die Geburt von Bill und Tom erfolgte bekanntlich erst im Wendejahr 1989. Nun also ein echter Wechsel der Generationen bei der Unterhaltungs-Legende.
Beim Anteasern wollte das ZDF geheimnisvoll sein wie Netflix oder Radiohead vor ihrer letzten Arena-Tour. Ein Zwinker-Zwinker-Instagram-Posting fantasierte die Zwillinge bereits als Experten bei „Bares für Rares“ herbei, als Ermittler bei „Aktenzeichen XY“ oder als Chefstewards auf dem „Traumschiff“. Dazu eine überdimensionale Werbung am Hamburger Hauptbahnhof mit Kaulitz-Konterfei und ZDF-Logo – von Bill persönlich weiterverbreitet. Subtil geht anders.
Können Kaulitz und Kaulitz auch Großformat?
Spätabends legte der Branchendienst DWDL nach und meldete: „Bill und Tom Kaulitz übernehmen ‚Wetten, dass..?’“ Am Mainzer Lerchenberg sprach man anfangs noch nebulös von „großen Plänen“. Seit heute (21. Januar) vormittag ist die offizielle Bestätigung raus. Die trendbewusste Art der Inszenierung zeigt: Hier soll kein heimlicher Personalwechsel passieren, sondern ein bewusster Pop-Moment.
Ja, schon. Vielleicht nicht im klassischen Samstagabend-Sinne. Aber da können sie reinwachsen. Bill gab es als Casting-Show-Juror, beide als Hosts ihrer eigenen Formate, als Erzähler ihrer Karriere und im Podcast ohnehin: Sie können Gespräche führen, Stimmungen setzen, Pointen platzieren. Sie sind streckenweise sogar recht lustig. Sie sind halt keine allwissenden Zeremonienmeister alter Schule – keiner, der souverän zwischen Kinderchor, Baggerwette und Weltstar jongliert, dabei Brokat-Jacken trägt und seine internationalen Gäste zuweilen kumpelhaft angrabbelt.
Genau darin liegt der Bruch. Kein nostalgisches Weiter-so, sondern eine kreative Destruktion, bei der die sprichwörtliche Tante Else aus Bad Hersfeld womöglich nicht mehr mitgeht. Die Kaulitz-Zwillinge stehen für Neo-Pop aus dem Mainstream-Regal, Ironie und crazy Selbstreflexion. Sie stehen für eine Generation, die „Wetten, dass..?“ bestenfalls als kulturellen Mythos der Eltern und Großeltern kennt, nicht als ritualisierten Fernsehabend, den es so ohnehin nicht mehr gibt.Gottschalk war Lagerfeuer und Leitfigur. Bill und Tom wären Kommentar und Kontrast. Oder „Plisch und Plum“, wie in der Bildergeschichte von Wilhelm Busch.
Die Reaktionen im Netz fallen gemischt aus. Begeisterung über den Unterhaltungswert hier, reflexhafte Empörung dort. Zwischen „Ich guck’s mindestens einmal“ und „Der einzig Wahre war Hape“ spannt sich das erwartbare Meinungsspektrum. Dass Heidi Klum als möglicher erster Gast schon mitgedacht wird, gehört fast zum Konzept.
Vorläufiges Fazit
Die Kaulitz Brothers sind keine klassischen Moderatoren – aber potenziell starke Hosts einer neuen Erzählweise. Weniger Mythos-Bewahrer als Neu-Erfinder. Genug Zeit bis zur Premiere im Herbst bleibt ja.Ob das Mega-Einschaltquoten-Publikum bereit ist, diese Wette einzugehen, dürfte die spannendere Frage sein als jede Baggerfahrt über Einmachgläser.