Kleine Lügen für große Gefühle

Die meisten Bücher, las Chuck Palahniuk irgendwann, werden von Frauen über 35 gelesen. Ein kurzer Blick auf Bestsellerlisten, Büchertische und bürgerliche Feuilletons scheint dies zu bestätigen: alles nett und korrekt, ohne Kanten oder Zacken. Die Kommatas an der richtigen Stelle, die Sprache der Straße kommt höchstens in Anführungszeichen.

„Wer heute Bücher schreibt, tritt an gegen Videospiele und Musikvideos und Wrestling“, sagt Chuck. „Damit beschäftigen sich die Leute. Solche Leute wollen Spannung. Keine ausschweifenden Beschreibungen: Sie wollen von der Spannung eingenommen werden, sie wollen Verben. Ja? Verben über Verben.“ Also begann Chuck über das zu schreiben, was Männer in seinem Alter interessiert die Welt da draußen. Abseits vom Mainstream der Mittelmäßigkeit holt er sich seine Ideen in den Kellern westlicher Zivilisationen. Was er in den Katakomben des Unterbewusstseins findet, wird seziert und zerlegt.

Rock’n’Roll, right: Es geht um Sex, Gewalt und Terror; um moderne Mythen und um Lebenslügen, Bagatellen und kleine Lügen für große Gefühle. Denn die Welt da draußen ist nicht mehr das, was sie mal war. Palahniuk, studierter Journalist und gelernter Lkw-Mechaniker, krempelte die Ärmel hoch und schrieb über Frauen und was sie bewegt, also „Vogue“, Diät- und Beauty-Fetischismus, Supermodeis. Triefend vor schwarzem Humor, kam „Invisible Monsters“ bei Verlegern gut an, kassierte aber nur Absagen.

Formal war an der Satire nichts auszusetzen: Verfasst in der manipulierenden Sprache einschlägiger Zeitschriften, alle dick und schwer wie Einkaufskataloge, genauso wie diese Perfektion vortäuschend. Aber irgendwie eben zu krass für das Leser(innen?)volk der Verlage. Palahniuk spitzte seinen Griffel noch etwas schärfer. Weniger subtil schrieb er seinen zweiten Roman für und über Männer, die es satt haben, wie im Ikea-Katalog zu leben, die sich lieber gegenseitig blau- statt ihre Zeit totschlagen – auf der Suche nach echten, starken Gefühlen. Der verstötend-paranoide „Fight Club“ (Droemer Knaur) wurde von David Fincher mit Brad Pitt und Edward Norton in den Hauptrollen angemessen verfilmt und allerorten gefeiert. Palahniuk wurde – zumindest in Literaturkreisen endlich zum Kultstar.

Drei Jahre später folgte „Survivors“, das mit Kapitel 47 auf Seite 289 beginnt; im Cockpit einer Boeing, die in Minuten zerschellen wird. Chronologisch rückwärts erzählt ein Suizidsektenmitglied, wie es dazu kam, Flug 2039 zu entführen. Auch „Invisible Monsters“ erschien 1999.

Und 2001, nun auch auf deutsch: „Der Simulant“ (Goldmann). In Nobel-Restaurants simuliert Victor Mancini, sporadisch im Zwölfstufenprogramm gegen Sexsucht, den Erstickungstod. Herbeieilende Helfer werden zu Helden, die ihren glücklich gefundenen Sinn im Leben mit Schecks auffrischen. Das Geld benötigt der in einem historischen Dorf als Schausteller arbeitende Mancini, um die Pflege seiner sterbenskranken Mutter zu finanzieren. Schon aus dieser Ausgangssituation ergibt sich, dass einige Szenen so originell sind, so widerwärtig und urkomisch zugleich, dass der geneigte Leser in öffentlichen Verkehrsmitteln vorsichtig sein sollte, wenn ihm empfindliche Menschen über die Schulter linsen – bei Scherereien lieber flüchten als Held werden, rate ich.

So ausgeklinkt die Sexszenen, so irre Mancinis Tipps und Gedanken zum Herauszögern. Zentral ist das Verhältnis zwischen Mutter („Ich habe gegen alles gekämpft, aber es beunruhigt mich immer mehr, dass ich tüeför etwas gewesen bin“) und Sohn („Ich komme mir zunehmend vor wie eine äußerst schlechte Nachahmung meiner selbst“). Durchaus vergleichbar mit Frankreichs brand new hearies – Houellebecq, Beigbeder – geht es um Simulation und Isolation, Gefühls- und Orientierungslosigkeit als Kerosin jeder Action. Entfremdung statt Interaktion. Kierkegaard und Foucault lassen grüßen. Keine Bange aber: Die beiden kommen nicht vor, im Gegensatz zu… beispielsweise der Vorhaut Jesu Christi.

Die Welt von Palahniuk, der selbst in einer Wohnwagensiedlung an den welken Rändern des amerikanischen Traums groß wurde, ist nicht schön. Schön muss man sie auch gar nicht finden. Man muss sie nicht mal lesensoder lebenswert finden. Darin leben müssen wir allerdings. Wie wir das machen (können), zeigt „Fight Club“ ebenso wie „Der Simulant“.

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