Neil Young über seine Liebe zu Autos: „Der Continental war ein Star und absolut einmalig“

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Neil Young über seine Liebe zu Autos: „Der Continental war ein Star und absolut einmalig“

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Am 24. Juli 1989 fand ich in der Zeitung ein 1959er Lincoln Continental Mark V Cabrio, das zum Verkauf stand. Es befand sich irgend­wo an der Schnellstraße Richtung Sacramento und ich fuhr mit Paul Williamson dorthin, um es in Augenschein zu nehmen. Es war ein feiner Tag für eine Fahrt, und ich war äußerst gespannt auf dieses Auto, das ich bislang ja nur bei meiner Recherche auf Bildern gesehen hatte.

Im ersten Augenblick wünschte ich, es wäre besser in Schuss gewesen. Es hatte eine imposante Linienführung und ein wirklich wohl­durchdacht angeordnetes Armaturenbrett mit allen Instrumenten, in weit besserem Zustand als bei den beiden, die ich vorher gesehen hatte. Das Lenkrad war großartig modelliert, in einem wunderbaren alten Elfenbeinton mit einem aparten Chromring und einem schönen Lincoln-­Emblem auf schwarzem Grund in der Mitte. Das Auto war ein Kunstwerk. Seine Rücklichter viel eleganter als die des ’58ers, herausragend gestaltet und gestylt im Vergleich zu den schlichten runden von 1958. Die Front sah fröhlich aus, die Front des ’58ers dagegen zornig und irgendwie beleidigt, oder zumindest traurig. Ich versenkte mich in die Details und das Auto löste ein Gefühl in mir aus. Wie ein Auto von vorn aussieht, sagt viel über das Design und ich mochte den ’59er, weil er eine aufgeweckte und optimistische Ausstrahlung hatte.

Ich konnte mir leicht Marilyn Monroe mit ihren Freundinnen auf der Rückbank vorstellen, mit ihrem langen Schal, ihr Haar flattert im Wind, und sie trägt diese Sonnenbrille mit den großen, dunklen Gläsern, um ihre Augen vorm Fahrtwind zu schützen. Dieser Wagen schien zu Großem berufen. Er sprach den amerikanischen Traum an wie kein anderer, den ich je gesehen hatte.

In Autos stecken Geschichten

Autos erzählen immer eine Geschichte, und wie man sehen wird, hatte dieses Exemplar eine Menge mit Frauen zu tun. Als ich so um die schnittige Form des großartigen Continental herum­wanderte, konnte ich seine Geschichte spüren. Ich bemerkte, dass ein Vorbesitzer das Verdeck seltsamerweise mit einem Pinsel angestrichen hatte. Es war weiß, wie auch die Karosserie, und etwas ein­geschrumpft, sodass es nicht ganz passgenau mit der Dachkonst­ruktion abschloss, auf der es auflagerte. Es war eine komplizierte Konstruktion, denn sie beherbergte zum einen den elektrischen Antrieb für das versenkbare Heckfenster und gleichzeitig auch den Mechanismus zum Heben und Einziehen des Faltverdecks, das komplett unter einem lang gestreckten Heck verschwand. Die Karosserie des Lincoln Continental war, im Gegensatz zur Rahmenbauweise der anderen Wagen seiner Zeit, selbsttragend, es war alles aus einem Guss. Durch dieses Integral­design zog er unglaubliche Stärke aus seiner Konstruktion. Alles in allem war er in jeder Hinsicht ein erstaunliches Automobil – ein Kraftpaket mit einzigartigem Styling, innovativer Technik im Verdeckmechanismus und einem luxuriösen, geräumigen Interieur.

Unter der sichtbaren Hülle lag noch eine unerzählte Geschichte. Ich betrachtete das Auto länger und immer länger, bis eine unvermeidliche Frage in mir Gestalt annahm. Es hatte eine ganz passable Lackierung, ein paar kleinere Scharten und Schäden, aber nichts Großes, doch sämtliche Verblendteile waren durch einen durchgehenden korrodierten Streifen in der Farbe verdorben. Wer machte so etwas und warum? Der Eigentümer, ein Typ um die fünfzig, konnte sehen, dass ich den Makel bemerkt hatte, und wartete schon auf meine Frage.

Er sah mich mit einem tiefen Blick aus seinen graublauen Augen an, in denen traurige Erinnerungen lagen. „Das war meine Freundin“, sagte er leise. Er verriet mir, dass sie einen Kanister hoch ätzender Bremsflüssigkeit darüber ausgeleert hatte, ganz langsam und sorgfältig, um auch keine Fläche auszulassen und um sicherzugehen, dass überall dort, wo sie landete, für immer der Lack ruiniert war. Der Schaden ging bis runter aufs Metall. Irgendetwas muss sie sehr wütend gemacht haben. Sicher hatte sie gewusst, wie sehr er sein Auto liebte.

Im vergeblichen Bemühen, die Optik zu retten und es mit einem ähnlichen, wenn auch nicht exakt demselben Elfenbeinton auszubessern, hatte er versucht, den böswilligen, hasserfüllten Anschlag optisch ungeschehen zu machen. Es war ihm fast gelungen, der Schaden war ab circa sechs Metern Entfernung kaum noch zu erkennen. Er hatte den Schlag etwas abgefangen. Aus der Entfernung sprangen nur noch die wunderschönen Linien des Wagens ins Auge. „Gut von fern, aber fern von gut“, wie man so schön sagt.

Geballte Kraft und billiges Benzin

Durch die Beschädigung und die rissige Farbe des handgestrichenen Segeltuchverdecks hatte der Wagen eine ganz eigene Persönlichkeit und Seele. Er war ein echter Überlebenskünstler. Ich nahm die Schlüssel, steckte den Zündschlüssel ins Zündschloss und startete den Motor. Der Monster­-V8 des Continental, 7.587 Kubikzentimeter schweres Eisen, erwachte donnernd zum Leben und bullerte kraftvoll vor sich hin, wie in Vorahnung einer längeren Reise, vielleicht sogar eines Entkommens.

Ich kaufte den Wagen auf der Stelle und fuhr ihn zu seinem neuen Zuhause. Er war wohl das bemerkenswerteste Auto, das ich je gesehen hatte, und er würde eine gewaltige Rolle in meinem Leben spielen. Noch hatte ich nicht die geringste Vorstellung, was ich mir da eingehandelt hatte beziehungsweise was für ein Katalysator für kommende Veränderungen dieser Wagen werden würde.

Geballte Kraft. Billiges Benzin, knapp acht Cent pro Liter. Schadstoffbelastung war in den Fünfzigern kein Thema, da­nach krähte kein Hahn. Die Autodesigns im Jahr 1959 waren die unglaublichsten Beispiele des großen amerikanischen Traums vom Straßenkreuzer und sind es bis heute. Es mag in der Zukunft noch mal eine ebenso sorglose Zeit für Amerika ins Haus stehen, aber das wird einiger Arbeit bedürfen.

General Motors führte den 1959er Cadillac Eldorado ein, eine Ungeheuerlichkeit mit riesigen Heckflossen und Rücklichtern, Chrom­ und Edelstahlzierrat, sanft blubberndem V8 mit Vierfachvergaser, Lederausstattung und allen vorstellbaren und manchen unvorstellbaren Schikanen. Das Auto war ein Ausdruck seiner Zeit, ein Statement.

Ford Motors antwortete standesgemäß mit einem eigenen Flaggschiff, dem 1959er Lincoln Continental­ Cabriolet. Ich war nun stolzer Eigentümer beider Exemplare, eines Teils amerikanischer Geschichte, der mit Sicherheit immer einen festen Platz in den Museen haben würde. Freiheit der Meinungsäußerung und ein Gefühl kultureller Weltführerschaft, ob vermeintlich oder real, hat sich damals stilbildend auf die amerikanische Automobilindustrie ausgewirkt.

„Ich dachte, es brennt“

Aber nichts ist perfekt. Der Cadillac Air Ride lief nicht gut. Das Autronic Eye, eine Vorrichtung, die die grellen Scheinwerfer automatisch abdimmen sollte, wenn sich ein entgegenkommendes Fahrzeug näherte, war fehlerhaft. Das Verdeck vom Continental funktionierte auch nicht immer, und manchmal zerstörte der Mechanismus sich selbst, was hohe Kosten für den Eigentümer zur Folge hatte. Die Bremsen des Lincoln machten ebenfalls Probleme, ziemliche Probleme sogar. Da ich weit im Landesinnern auf der Seeseite der Bergkette von Santa Cruz lebte, hatte ich zu meiner Ranch hinunter ein langes Gefälle zu bewältigen, auf einer schmalen Pflasterstraße. Sie war steil und wurde noch steiler, je näher man dem Haus kam; Bremsen waren also wichtig. Die Bremsen in meinem Continental mussten mehrmals komplett erneuert werden. Mit seinem Gewicht von über drei Tonnen war dieses gigantische Cabriolet ein echter Test fürs Bremssystem, und ich testete es.

Einmal war ich mit Pegi aus, und auf dem Nachhauseweg quollen plötzlich riesige schwarze Rauchwolken unter dem Auto her­vor. Eine absolut erstaunliche Schwärze kam unter dem Fahrgestell heraus. Ich dachte, es brennt. Wir mussten den Wagen an einer Tankstelle stehen lassen und Hilfe rufen. Ich habe noch nie ein Auto solche Rauchmengen produzieren sehen! Umweltverschmutzung wurde gerade ein großes Thema in Kalifornien, und diese Rauchentwicklung war definitiv politisch nicht korrekt. Wir entdeckten später, dass Bremsflüssigkeit in die Auspuffanlage getropft war und sich entzündet hatte. Die Werkstatt, die den letzten Bremsenjob gemacht hatte, hatte wohl nicht ganz sorgfältig gearbeitet und irgendetwas nicht zugeschraubt. Ich habe den Wagen dann eine lange Zeit nicht mehr gefahren. Als ich mich wieder ans Steuer setzte, hatte er brandneue Bremsen, die, das wusste ich in­zwischen ja schon, nicht lange halten würden.

Viel Zeit verstrich und Briggs (David Briggs, 1995 verstorbener Produzent fast aller Neil-Young-Alben seit 1968) und ich – wir wussten es zwar nicht – machten unser letztes gemeinsames Album, „Sleeps With Angels“; das war in den Jahren 1993 und ’94. Jim Jarmusch, ein Freund und großartiger Filmemacher, drehte 1995 einen Film namens „Dead Man“ und bat mich, den Soundtrack dazu zu schreiben. Johnny Depp und Gary Farmer spielten die beiden Hauptrollen in diesem Epos, das von einem Indianer mit Namen Nobody er­zählte, gespielt von Farmer, und einem Sinnsuchenden, den Depp spielte.

Ich sah den Film zunächst nur in der Dialogfassung und sagte Jim, dass er ein Meisterwerk sei. Und das war er. Es war ein seltsamer Klassiker, in einer ganz eigenen Welt. Er sah für mich wie ein Stummfilmklassiker aus, einer von der Sorte, bei der immer jemand direkt im Kinosaal auf einer Orgel oder einem Klavier live Musik spielte, während der Film gezeigt wurde. Obwohl er ja Dialoge hatte, also eigentlich kein Stummfilm war. Jim wollte wirklich, dass ich die Musik machte, und überzeugte mich, dass sie gebraucht wurde.

Im Continental zu den Sessions

Ich fuhr im Continental zu den Aufnahmesessions. Mein Ansatz für das Projekt war, die Atmosphäre von Livemusikbegleitung in einem Kinosaal zu reproduzieren. Ich mietete eine alte Bühne in San Francisco, von Mike Mason, einem Freund, den ich 1980 bei den Dreharbeiten zu „Human Highway“ kennengelernt hatte, und stellte in der Mitte des Raumes etwa zwanzig Fernsehgeräte im Kreis um mich herum auf. Es waren Bildschirmgrößen von sieben bis siebzig Zoll dabei.

Ich baute meine Gitarre, Old Black, meinen Amp und mein altes Klavier genau in der Mitte des Raums auf, umgeben von all den Fernsehern. Wohin ich auch blickte, überall sah ich den Film. Man konnte sich ihm nicht entziehen. Wenn ich Lust hatte, et­was zu spielen, nahm ich ein Ins­trument und spielte es direkt live. Fast den ganzen Film über spielte ich Old Black, meine E­-Gitarre, solo, produzierte Klangeffekte und entwickelte ein Thema namens „The Wyoming Burnout“ weiter, das ich vor Jahren mal für eine meiner eigenen Filmideen geschrieben hatte. Ich baute ein weiteres Thema auf, das ich für eine der Nebenfiguren verwendete. Ich spielte alles live. Wir nahmen nonstop drei komplette Durchgänge des gesamten Films auf. Ich entschied, die erste Hälfte vom zweiten Durchgang zu verwenden und die zweite Hälfte vom ersten.

Das Projekt war für mich persönlich ein Riesenerfolg. Manche Leute halten „Dead Man“ für Jims besten Film, andere fanden das nun gerade nicht. Für mich ist es ein Triumph, und ich bin dank­bar, dass ich mit dabei sein durfte. Nach getaner Arbeit stieg ich in den alten Lincoln und fuhr nach Hause. Das war eine gute Fahrt, ich schwamm in dem Gefühl, etwas Vollkommenes geschaffen zu haben.

Autos können auch gut klingen

Als der Film in die Kinos kommen sollte, wollte Jim ein Soundtrack­-Album. In Zusammenarbeit mit meinem Freund John Hanlon arbeitete ich einen „Dead­ Man“-­Soundtrack aus, in dem das Geräusch des Lincoln als Vehikel mitspielt, das sich von Szene zu Szene bewegt, und Johnny Depp die Verse von William Blake liest, dem großen Dichter, auf den in der Story Bezug genommen wird. Obgleich im Film keine Autos vorkommen, nur Pferde und Eisenbahnen, rumpelt im Soundtrack der Continental in einer Sommernacht über leere Nebenstraßen, und am Straßenrand zirpen Grillen.

Um diesen Sound einzufangen, ließen wir das Verdeck des Continental aufklappen und statteten das Auto mit Mikrofonen und Aufnahmegeräten aus. In jenem Sommer waren die Grillen extrem laut, und in mehreren Passagen sind sie unter dem Dialog oder Depps Rezitation von Blakes Versen zu hören. Mit der Musik, den Dialogen, dem Brummen des Motors und Johnny Depps wunderbaren Rezitationen webten wir das Netz einer Geschichte für das Album. Der heisere V8­Sound des Lincoln ist im Film ebenso präsent wie das Pferd des 19. Jahrhunderts.

Der Continental spielte auch eine Rolle im Film „Greendale“, in dem sämtliche Mitglieder der Greenfamilie dicke Benzinschleudern fuhren. Eine der Figuren ist Jed Green. Jeds Auto ist der Lincoln Continental Cabrio. In einer stürmischen und regnerischen Nacht flogen dem Lincoln auf dem Highway 1 bei Tempo 100 einfach die Scheibenwischer weg, die Szene ist aber nicht im Film zu sehen. Wir waren gerade dabei, den Wagen zu einer anderen Location zu fahren. Es war bloß schrecklich beängstigend.

Der Continental war ein Star, fotogen und absolut einmalig. Jed, der von Eric Johnson gespielt wurde, war Drogendealer und mit dem Continental auf dem Highway 1 von der Polizei angehalten worden. Der große Auftritt des Wagens in „Greendale“ war die Szene, in der Jed einen örtlichen Cop erschießt. Eine weitere große Szene mit dem Continental war, als Jed auf der Ranch der Greenfamilie eintrifft. Dieses Gefährt sah auf der Leinwand einfach phänomenal aus, es war ein Filmstar, in meinem Kopf zumindest.

Die Seelen in der Scheune

Nach „Greendale“ ruhte der alte Lincoln einmal mehr in der Autoscheune, wo ich meine wachsende Sammlung untergebracht hatte. Ich wurde von Erinnerungen an Alben, die ich gemacht hatte, überflutet, während ich die Autos betrachtete, mit denen ich mich immer belohnt hatte, wenn eine bestimmte Platte, ein Film oder eine Aufnahmesession fertiggestellt war.

Ich habe meine Autos ihrer Seele wegen gekauft. Sie hatten alle ihre Geschichten. Ich saß in ihnen und fühlte diese Geschichten und schrieb dann aus diesen Gefühlen heraus Songs. Autos nehmen ihre Erinnerungen überallhin mit. Für mich leben meine Autos. Alle Autos tun das.

(ROLLING STONE 10/2015)

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